3. Mai 2018
Inneres

„In Behörden ist mehr Wertschätzung für die Mitarbeiter notwendig“

Der neue Landesvorsitzende des Niedersächsischen Beamtenbundes (NBB), Martin Kalt, wünscht sich von der Landesregierung eine neue Qualitätsoffensive für den öffentlichen Dienst. Auch eine neue Leitungskultur solle in die Behörden Einzug halten. Kalt äußert sich beim Besuch der Redaktion des Politikjournals Rundblick. [caption id="attachment_32371" align="aligncenter" width="780"] Martin Kalt (2.v.r.) mit dem Rundblick-Team Martin Brüning, Isabel Christian und Klaus Wallbaum (v.l.n.r.)[/caption] Rundblick: Spüren Sie eine Konkurrenz zu den anderen Organisationen der Beschäftigten in Niedersachsen, etwa zu Verdi? Kalt: Nein, keineswegs. Möglicherweise tritt Verdi zuweilen in der Wortwahl etwas schärfer auf als wir. Aber in den wesentlichen Zielen herrscht bei uns Übereinstimmung. Der NBB will eine bessere Besoldung mit dem Ziel, einer Unteralimentation entgegenzuwirken und die Abstandswahrung zur sozialen Mindestsicherung einzuhalten. Wir wollen mehr Anreize, den Nachwuchs zu gewinnen und bessere Möglichkeiten, ihn zu fördern und Aufstiege zu ermöglichen. Gerade heute, unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen um gutes Personal, muss allen Beteiligten klar sein: Man darf den öffentlichen Dienst nicht kaputtsparen. Die Qualität der Behördenarbeit in Niedersachsen ist auch ein wichtiger Standortfaktor für die Wirtschaft, das dürfen wir nicht vergessen. Rundblick: Worin liegen die größten Herausforderungen? Kalt: Der demographische Wandel macht sich immer stärker in den Behörden bemerkbar. Vor ein paar Jahren, als Christian Wulff noch Ministerpräsident war, haben wir als Beamtenbund das Problem nachdrücklich vorgetragen. Damals betraf das im wesentlichen bestimmte Fachgruppen wie beamtete Wissenschaftler, Professoren und technische Experten. Inzwischen haben wir flächendeckend Probleme, für freie Stellen qualifizierte Bewerber zu finden. Darauf muss der Staat reagieren.
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Rundblick: Und wie? Kalt: So richtig es ist, dass der öffentliche Dienst bei der Bezahlung mit der Privatwirtschaft kaum konkurrieren kann, so wichtig ist doch aber ein Einstiegsgehalt, das sich sehen lassen kann. Der öffentliche Dienst darf nicht zum Niedriglohnsektor werden. Daneben sind andere Fragen wichtig: Vor allem in den Behörden muss eine gute Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben ermöglicht werden, es muss Teilzeitangebote geben, flexible Arbeitszeiten und leichtere Möglichkeiten, vom einen in den anderen Bereich zu wechseln. Es darf auch nicht mehr so hohe Hürden geben, wenn ein Beamter aufsteigen möchte. Die Chancen, Karriere zu machen, müssen gegeben werden. Rundblick: Sie haben das Ohr an den Beamten. Was beschäftigt die Menschen in den Behörden besonders? Kalt: Oft wird über eine zu große Arbeitsverdichtung geklagt. Weil die Stelle des pensionierten Kollegen nicht mehr besetzt wird, muss der Beamte dessen Arbeit nebenher mit erledigen. Wenn dieser Trend zu stark wird, muss man verstärkt gegensteuern – mit noch besserer Nachwuchswerbung oder auch, indem Mitarbeiter aus anderen Dienststellen versetzt werden in Bereiche, in denen die Not besonders groß ist. Was wir allerdings auf keinen Fall wollen, sind Insellösungen, bei denen das Problem nur für die Polizei, nur für die Finanzämter oder nur für die Schulen bearbeitet wird. Rundblick: Sind der Personalmangel und die zu geringe Bezahlung die drängendstes Probleme? Kalt: Ich denke, es ist etwas anderes: die fehlende Wertschätzung. Meiner Meinung nach wird es Zeit, dass sich die Landesregierung mit der Frage der Leitungskultur in den Behörden beschäftigt. Wie werden die Mitarbeiter motiviert? Werden sie einbezogen in die Entscheidungen? Behandelt man sie wie erwachsene Menschen mit eigener Erfahrung und Wissen, oder nur als Nummern? Gerade im Zusammenhang mit der Digitalisierung, die große Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben wird, herrschen viele Ängste und Sorgen. Die Leute wissen nicht, was aus ihnen und ihren Arbeitsplätzen wird. Sie müssen aber eingebunden werden in Entscheidungsprozesse, die so transparent wie möglich ablaufen müssen. Rundblick: Digitalisierung wird doch bedeuten, dass viele Prozesse elektronisch ablaufen – und dann viele Tätigkeiten in den Behörden wegfallen… Kalt: Das glaube ich gar nicht. Zumindest in der ersten Zeit wird man zwei Systeme nebeneinander laufen lassen, ein digitales und ein herkömmliches, also die Verwaltung auf Papier. Es wird außerdem immer Menschen geben, die mit den neuen Entwicklungen nicht Schritt halten können und viel Hilfe, Erklärung und Begleitung benötigen. Und in den Steuerverwaltungen kann man das Personal, das etwa für die Bearbeitung von Steuererklärungen entbehrlich wird, zum Beispiel zur besseren Steuerfahndung einsetzen. Man muss sehen, was dort möglich ist. Rundblick: Wie werden Sie sich in diese Prozesse einbringen? Kalt: Gemeinsam mit anderen Vertretungen der Beschäftigten möchten wir neue Vereinbarungen, die wir mit der Landesregierung schließen wollen. Darum geht es um flexible Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit, Vertrauensarbeitszeit oder auch die Frage, wie Arbeitsplätze gestaltet werden oder wie Heimarbeit organisiert werden soll. Geregelt werden soll, dass Beschäftigte beispielsweise auch am Sonntagvormittag bestimmte Aufgaben erledigen, wenn sie zu anderen Zeiten nicht dazu kommen.  
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #84.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning