Neues Amt, neue Perspektive: Etliche niedersächsische Politiker sind bei der Bundestagswahl neu in den Bundestag gewählt worden. Sie betreten eine neue, für die meisten von ihnen absolut ungewohnte Welt. Wie sind die ersten Erfahrungen im „Raumschiff Bundestag“? Niklas Kleinwächter hat mehrere der neuen Abgeordneten gefragt. Heute: Jakob Blankenburg (SPD). Hier anhören: Soundcloud | Spotify | Apple-Podcast

Foto: Lada

Der Wahlkreis von Jakob Blankenburg, er umfasst Lüneburg und Lüchow-Dannenberg, ist so vielfältig wie wenige andere. Die Universitätsstadt und ihr bürgerlich geprägtes, relativ wohlhabendes Umfeld. Angrenzend dann das äußerst dünn besiedelte, mit ganz eigenen Problemen behaftete Wendland. Und das Reizthema Gorleben, Blankenburg nennt den Ort „ein Symbol für eine Endlagerplanung, wie sie eben nicht geschehen sollte“. Also nicht vom grünen Tisch in Hannover oder Bonn ausgehen, wie es in den siebziger Jahren passiert war. Auch nicht mit einer Stecknadel auf der Landkarte.

Dossier: Ein Endlager für Atommüll

Der Atomausstieg ist beschlossen – doch wo hin mit dem ganzen Müll? Die Republik sucht ein Endlager für hochradioaktive Abfälle und die Chancen stehen nicht schlecht, dass der beste Standort dafür in Niedersachsen liegt. Damit die Bevölkerung auf dieses Szenario bestmöglich vorbereitet wird, veranstaltet das Umweltministerium eine umfangreiche Dialogreihe. Aber auch die Lagerstätten für schwach- und mittelradioaktiven Müll erhitzen die Gemüter. In diesem Dossier trägt die Rundblick-Redaktion alle Beiträge zur Endlagersuche zusammen. Dossier ansehen (RB+)

Kein Wunder, dass der erst 24-jährige Sozialdemokrat Blankenburg, bundesweit jüngster direkt gewählter Bundestagsabgeordneter in dieser Wahlperiode, die Atompolitik inklusive Endlagersuche als eine Zuständigkeit bekommen hat. Das ist vermutlich mehr oder weniger zwangsläufig, wenn man als Wahlkreisabgeordneter für Lüchow-Dannenberg zuständig ist. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass nach wie vor die engagiertesten Atomkraftgegner dort wohnen und sich in der Bürgerinitiative organisieren. Die sind, wie sich Blankenburg überzeugen konnte, auch jetzt noch immer bestens informiert und hervorragend vernetzt. Und das, obwohl doch das große Ziel, Gorleben als Endlager-Standort auszuschließen, zumindest auf dem Papier schon erreicht ist. In diesem Themenbereich werde es noch manche interessante Debatte geben, sagt Blankenburg voraus.

„Wenn im Kreis Lüneburg der Ausbau des Busnetzes im Gespräch ist, dann geht es im benachbarten Lüchow-Dannenberg zuerst einmal um den Aufbau eines solchen Netzes.“

Der 24-jährige Uelzener gehört zu den jüngeren Bundestagsabgeordneten, die sich in den ersten Wochen nach der Bundestagswahl vor Medien-Anfragen kaum retten konnten. Vielleicht, weil er als jüngster Wahlkreissieger die Verjüngung der SPD-Fraktion so gut repräsentieren kann. Vielleicht auch, weil er zur Gruppe der Jungsozialisten zählt, die 40 Köpfe zählt und ein eigener Machtfaktor in der größten Regierungsfraktion werden kann. Ob das alles nicht irgendwann ein bisschen viel wird? „Nach 22 Uhr schaue ich nicht mehr aufs Handy“, sagt er. Antworten auf Anfragen müssten dann mal einen Tag warten oder auch mal zwei. Die neue Aufgabe sei kräftezehrend und bestimme sehr stark das Leben, aber überhand nehmen dürfe sie auch nicht. Blankenburg kommt zugute, dass er das Politikgeschäft schon besser kennt als manch anderer Neueinsteiger. Der studierte Politologe kam schon 2016 in den Uelzener Kreistag und in den Rat der Gemeinde Bienenbüttel. Er wurde 2017 Landesvorsitzender der Jungsozialisten in Niedersachsen, arbeitete zunächst für eine Werbeagentur und dann auch in der Pressestelle der SPD-Landtagsfraktion. „Ich weiß eben, wie man auf Journalistenfragen antwortet – und ich habe auch eine Vorstellung davon, wie die Ausschüsse arbeiten und wie die Abläufe in einer Fraktion sind.“

Die ersten Eindrücke aus der Bundestagsarbeit waren gleichwohl auch für ihn, der teilweise schon Profi war, überwältigend. „Man steigt aus der Bahn, geht auf das Reichstagsgebäude zu und denkt: das ist mein Arbeitsplatz für die nächsten vier Jahre. Das ist schon etwas Besonderes“, sagt er, fügt aber hinzu, dass man „gar nicht die Zeit hat, das alles zu verarbeiten“. Seine Aufgabe sieht er nun vor allem darin, nicht nur Politik zu gestalten in seinen Themenbereichen und für seinen Wahlkreis, sondern auch Politik zu vermitteln. „Wir reden mit so vielen Abkürzungen und Fachbegriffen, dass viele Menschen uns nicht mehr folgen können.“ Im Wahlkreis sei seine Aufgabe vor allem, für jeden Ort die angemessene Antwort zu finden. „Wenn im Kreis Lüneburg der Ausbau des Busnetzes im Gespräch ist, dann geht es im benachbarten Lüchow-Dannenberg zuerst einmal um den Aufbau eines solchen Netzes.“

Die ersten 100 Tage sind für die neuen Abgeordneten im Bundestag schon vorbei, und Blankenburg zählt zu denen, die auch schon mal vor dem Auditorium reden durften. Das liegt, kurioserweise, an der AfD, die für eine Renaissance der Kernkraft wirbt – sehr zur Verstimmung bei der SPD und bei Blankenburg. Immerhin: Wiederholte Anträge der AfD erforderten eine Gegenreaktion, und da war der junge SPD-Mann aus dem Wahlkreis mit Gorleben rasch gefordert.