7. Juni 2016
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Kommentar: Missvergnügen

(rb) Es kommt wie erwartet: Wenige Tage, nachdem das Kultusministerium zur freiwilligen Teilnahme an der Online-Befragung zur Arbeitsbelastung der niedersächsischen Lehrkräfte aufgerufen hat, machen GEW und Philologenverband dagegen mobil. Obwohl Kultusministerin Frauke Heiligenstadt von Anfang an und viele Male danach betont hatte, es werde bei dieser Abfrage um Faktoren gehen, die aus Sicht der Lehrer/innen den Arbeitsort „Schule“ besonders stressig machen, bzw. um Aufgaben, bei denen sie sich überfordert oder allein gelassen fühlen, nicht aber um die Arbeitszeit der Lehrkräfte, ist das der Hauptkritikpunkt der organisierten Pädagogen. Die Studie „Mehr Zeit für gute Schule“, mit der die Arbeitswissenschaftler der Leuphana-Universität beauftragt wurden und die ihren Ursprung in der Ankündigung von Ministerpräsident Stephan Weil hat, der „Arbeitsplatz Schule“ solle von Bürokratie entrümpelt werden, mutiert bei den Spitzen der Lehrerorganisationen zum roten Tuch – obwohl noch längst keine Ergebnisse vorliegen. Der Hauptgrund dafür ist so banal wie eingängig: Nach Überzeugung ihrer hauptamtlichen Funktionäre wollen die Lehrer/ innen in Niedersachsen nämlich nicht mehr Zeit für guten Unterricht bekommen, sondern insgesamt weniger arbeiten – also eine geringere Unterrichtsverpflichtung für die gleiche bzw. für eine höhere Besoldung. Zwar rufen GEW und Philologen nicht direkt zum Boykott auf. Gleichwohl arbeiten sie sich intensiv an dem Studien-Design ab. Die Philologen referierten am Montag „erste Rückmeldungen“ aus der Lehrerschaft. Danach sind die Fragestellungen „völlig am Thema vorbei, teilweise manipulativ und handwerklich unzulänglich“. Verbandschef Horst Audritz stört, dass der Fragebogen den gut 30 vom Ministerium festgelegten Tätigkeiten der Lehrer/innen „ein starres, immer gleiches Ankreuzschema“ überstülpe, das teilweise unklar und nicht passend sei, die entscheidenden Fragen nach der Sinnhaftigkeit und der Belastung nicht stelle sowie suggestive Formulierungen enthalte. Schulformspezifische Belastungen wie die aufwendigen Abiturprüfungen, die umfangreichen Korrekturen von Oberstufenklausuren und Facharbeiten oder die Unterrichtsvorbereitung insbesondere von Leistungskursen seien trotz entsprechenden Vorschlags des Philologenverbandes nicht aufgenommen worden. Zudem würden die vom Ministerium „groß propagierten“ Möglichkeiten für freie Äußerungen und Vorschläge der Lehrkräfte weitestgehend abgeblockt. Dafür stünden pro Aufgabenbereich nur maximal 250 Zeichen zur Verfügung, also ganze drei Zeilen. Kritik sei eben nicht erwünscht. Im Übrigen stamme ein Teil der Fragen wortwörtlich aus früheren, teils jahrzehntealten Umfragen zur gesundheitlichen und seelischen Verfassung von Lehrern, aber auch von anderen Berufsgruppen, was einen konkreten Vergleich mit den Ergebnissen dieser früheren Befragungen ermögliche, empört sich Audritz. Was ist schlecht an Vergleichbarkeit? Ähnliche Kritik kommt von der GEW. In einer aktuellen Mitteilung an die Gewerkschaftskolleg/innen wird vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Sprache und Technik des Online-Fragebogens „Missvergnügen auslösen“ könnten, da diese nicht dem in der Schule üblichen Sprachgebrauch entsprächen. „Das kommt dabei raus, wenn wissenschaftliche Standards eingehalten und mit den verrechtlichten Formulierungen der verschiedenen Referate des Ministeriums verbunden werden“, heißt es dazu abschließend. Auch das wirft Fragen auf: Seit wann sind wissenschaftliche Standards bei der GEW verpönt, und wie wird denn in Schulen gesprochen? Der Kern der Kritik ist allerdings die Befürchtung, dass am Ende nicht „mehr Zeit für Unterricht“, sondern „Zeit für mehr Unterricht“ herauskommen könnte. Und genau das ist es, was zumindest Eltern und Schüler gern hätten. Die werden natürlich nicht gefragt, welche Faktoren Schule stressig machen. Dabei gäbe es so vieles, was sich ankreuzen ließe: Pädagogen, die keine sind oder keine sein wollen, akuter Lehrermangel, hoher Unterrichtsausfall auch in den „Hauptfächern“, keine echten Vertretungsstunden, zunehmende Rückkehr zu Klassengrößen von 30-plus, nicht erkennbare Didaktik und babylonisches Begriffsgewirr im Unterricht, in Büchern und Arbeitsblättern, nicht lösbare Klausuren, unkoordinierte Schulübergänge und und und. bri
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #108.
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