4. Nov. 2019
Soziales

Landesarmutskonferenz fordert radikalen Kurswechsel beim Wohnungsbau

Die fehlenden Wohnungen in vielen Regionen Niedersachsens führen bei sozialen Einrichtungen teilweise zu großen Problemen. Jugendheime haben Schwierigkeiten, für junge Menschen ab 18 eine Wohnung zu finden. Frauenhäuser tun sich schwer damit, Frauen in Not aufzunehmen, weil für bisherige Bewohnerinnen ebenfalls häufig keine Wohnung zu bekommen ist. Auf diese Probleme hat die niedersächsische Landesarmutskonferenz am Montag bei einem „Alternativen Wohngipfel“ in der Marktkirche in Hannover hingewiesen. https://soundcloud.com/user-385595761/dgb-experte-land-ist-beim-wohnungsbau-nicht-ambitioniert-genug Die Konferenz ist ein Zusammenschluss aus Verbänden, Gewerkschaften und Initiativen. Meike Janßen vom Sozialverband Deutschland in Niedersachsen (SoVD) beklagte eine Zunahme der Ausgrenzung von Gruppen, die am Wohnungsmarkt auch bereits früher schwer gehabt hätten. Dazu zählen laut Lars Niggemeyer vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Hartz IV-Empfänger, Alleinerziehende und Menschen mit Erkrankungen.

Eine Landeswohnungsbaugesellschaft könnte deutlich größere Summen mobilisieren. Es sind zum Teil auch große Wohnungspakete auf dem Markt erhältlich, deren Kauf nur eine Landesgesellschaft stemmen könnte.


Niggemeyer forderte das Land auf, eine Landeswohnungsbaugesellschaft zu gründen, damit es wieder mehr bezahlbare Wohnungen gibt. Auch die Kommunen müssten stärker unterstützt werden, diese hätten aber nur begrenzte Mittel. „Eine Landeswohnungsbaugesellschaft könnte deutlich größere Summen mobilisieren. Es sind zum Teil auch große Wohnungspakete auf dem Markt erhältlich, deren Kauf nur eine Landesgesellschaft stemmen könnte“, so Niggemeyer. https://soundcloud.com/user-385595761/hohe-mieten-treiben-die-niedersachsen-wieder-aufs-land Mit einer Landesgesellschaft könne es gelingen, den Wohnungsmarkt langfristig ins Gleichgewicht zu bringen. Andere Bundesländer hätten dies bereits erkannt. Bayern habe eine solche Gesellschaft neu gegründet, Hessen stocke die eigene Gesellschaft deutlich auf. Das Land dürfe nicht weiter nur auf Dritte setzen, forderte der DGB-Experte. Das 400-Millionen-Euro-Programm der Landesregierung für sozialen Wohnungsbau sieht er zwar positiv, ihm ist es allerdings zu unambitioniert. Gerade beim sozialen Wohnungsbau fielen mehr Wohnungen aus der Bindung heraus, als mit dem Programm im besten Fall geschaffen werden könnten.

Man hätte schon lange eingreifen und deutlich mehr machen müssen.


Matthias Günther, Vorstand des Eduard-Pestel-Instituts, das unter anderem in den Bereichen Regionalwirtschaft, Wohnungsmärkte und Kommunalentwicklung forscht, warf dem Land vor, in den vergangenen Jahren zu wenig getan zu haben. „Die Mittel des Bundes sind gar nicht komplett in den sozialen Wohnungsbau geflossen. Was die geschaffenen Sozialwohnungen je 100.000 Einwohner angeht, liegt Niedersachsen auf dem drittletzten Rang, gerade vor Thüringen und dem Saarland“, erklärte Günther.
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Vor etwa 30 Jahren habe es in Niedersachsen noch fast 300.000 Sozialwohnungen gegeben, inzwischen sei der Bestand auf 75.000 geschrumpft. „Man hätte schon lange eingreifen und deutlich mehr machen müssen.“ Landesweit gebe es insgesamt zu wenig Wohnungen, auch wenn große Unterschiede zu verzeichnen seien. So gebe es in Süd-Ost-Niedersachsen 20.000 Wohnungen zu viel, was aber niemandem helfe, der in einem Ballungsraum gerade eine Wohnung suche. Günther zufolge führt das zu den aktuellen Verdrängungsprozessen. „Je knapper Wohnungen sind, desto stärker ist die Ausgrenzung.“
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #194.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter