13. Feb. 2018
Kommentar

Neuland in Niedersachsen: Industrie bekommt Hilfe von ungewohnter Seite

Darum geht es: Die Nordmedia bringt jetzt Entwickler von Computerspielen mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zusammen. Gefördert wird das Projekt durch das Wirtschaftsministerium. Ein Kommentar von Martin Brüning. Neu ist die Idee nicht, aber das macht sie nicht schlechter. Man spricht von „Gamification“ oder „Serious Gaming“, wenn spieltypische Elemente und Prozesse in einem spielfremden Kontext genutzt werden. Genau das befördert seit September die Nordmedia. Sie bringt kleine und mittelständische Unternehmen mit Spieleentwicklern an einen Tisch. Die Unternehmer können davon nur profitieren. Sie müssen sich auf neue Denkmodelle einlassen, die für viele mittelständische Unternehmen noch absolutes Neuland sind. Die Spieleentwickler können dabei eine Verbindung zwischen neuem und alten Denken, zwischen Mensch und Maschine sein. Sie können dabei unterstützen, Produktionsanlagen besser zu steuern, Mitarbeiter zu schulen und zu motivieren. Die Nerds von gestern haben das Potenzial, zu wichtigen Beratern für die Industrie von morgen zu werden. https://soundcloud.com/user-385595761/nerds-als-berater-spielentwickler-und-mittelstand-sollen-zusammenarbeiten Die Unternehmer können sich des Interesses ihrer Mitarbeiter an neuen, spielegestützten Lern- und Unterstützungsverfahren sicher sein. Inzwischen spielen deutlich mehr als 30 Millionen Menschen in Deutschland Computer- und Videospiele, fast die Hälfte sind Frauen. Und es sind nicht nur die Jugendlichen, die sich dafür interessieren. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist fast jeder vierte Nutzer inzwischen über 50 Jahre alt und spielt auf Smartphone, Notebook, Computer oder Konsole.
Vielleicht wäre auch bei der Film- und Medienförderung ein sogenannter „Design Thinking Workshop“ keine schlechte Idee, in dem Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ von vornherein verboten und bisherigen Mechanismen in Frage gestellt werden.
Warum aber organisiert ausgerechnet die Nordmedia diese Zusammentreffen aus zwei Welten? Die Frage stammt aus der alten Welt, inzwischen müsste sie lauten: Warum eigentlich nicht? Die Film- und Mediengesellschaft kennt sich in der Kreativszene aus, befasst sich durch ihre Förderung mit der Entwicklung neuer Computerspiele und verfügt über die Kontakte zu den Vertretern der Branche in Niedersachsen. Sie muss parallel zu ihrem neuen Engagement aber mithilfe von Fördermitteln dafür sorgen, dass es in Niedersachsen weiterhin überhaupt genügend Spieleentwickler gibt. Rund 350.000 Euro hat die Nordmedia im vergangenen Jahr dafür ausgegeben, viel ist das nicht. Zwar ist die Spieleindustrie auf Wachstumskurs und hat deutschlandweit im vergangenen Jahr fast drei Milliarden Euro umgesetzt. Im Vergleich zu den USA oder Kanada ist Deutschland allerdings ein Investitionszwerg. Bei der Förderung der Computerspielentwicklung könne man noch zulegen, sagte sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch bei der Nordmedia kann man sich fragen, ob die Verteilung der Fördergeldern nicht in Grenzen nachjustiert werden könnte. Ist es noch zeitgemäß, dass hohe Summen in Quatsch-Tatorten wie „Böser Boden“, einer 90-minütigen ARD-Variante von „The Walking Dead“ verbrannt werden? Und was bedeutet es für die Filmförderung, wenn inzwischen gefühlt jedes Dorf seinen eigenen Tatort bekommt? Vielleicht wäre auch bei der Film- und Medienförderung ein sogenannter „Design Thinking Workshop“ keine schlechte Idee, in dem Sätze wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ von vornherein verboten und bisherigen Mechanismen in Frage gestellt werden. Ein Termin mit Spieleentwicklern könnte die Medienförderer vielleicht auf ganz neue Gedanken bringen. Wie sagte es Gandhi? „Sei Du selbst die Veränderung.“ Mail an den Autor dieses Kommentars
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #30.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning