
Elf Jahre nach der Einigung auf Alpha-E kündigt der Bund den mühsam ausgehandelten Konsens über den Bahnausbau zwischen Hannover und Hamburg auf. Union und SPD im Bundestag wollen stattdessen die Neubaustrecke politisch festschreiben – gegen den Willen der niedersächsischen Landesregierung, der CDU-Landtagsfraktion und zahlreicher betroffener Kommunen. Der Verkehrsausschuss soll sich am 23. September mit dem gemeinsamen Antrag befassen, der dem Rundblick vorliegt. Einen Tag später ist die Abstimmung im Bundestag vorgesehen. Damit folgt die Koalition im Kern der Deutschen Bahn. Sie wirbt bereits seit Längerem für ihre Vorzugsvariante „Pink“ und preist die Neubaustrecke als beste Lösung für mehr Kapazität und einen zuverlässigeren Bahnverkehr. Die Vorplanung begann 2018 und wurde 2025 mit der Auswahl der bevorzugten Linienführung abgeschlossen. Die Vorzugsvariante besteht aus einer zusätzlichen Bahnstrecke, die bei Seevetal-Meckelfeld (Landkreis Harburg) südlich von Hamburg beginnt. Von dort verläuft sie entlang der A7 durch den Landkreis Harburg und den Heidekreis. Östlich von Soltau schwenkt sie in Richtung B3, führt durch den Raum Wietzendorf und Bergen sowie westlich an Celle vorbei. Zwischen Celle und Großburgwedel (Region Hannover) trifft sie auf die vorhandene Bahnstrecke.
Die niedersächsische Landesregierung hält diese Reihenfolge für falsch. Denn die Neubaustrecke könnte nach Einschätzung der Bahn selbst unter günstigen Voraussetzungen frühestens 2050 in Betrieb gehen, im schlimmsten Fall sogar erst im Jahr 2063. „Wir brauchen dringend mehr Kapazität auf der Schiene zwischen Hannover und Hamburg. Aber wir brauchen sie nicht irgendwann nach 2050, sondern so schnell wie möglich“, sagte Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Das Land will deshalb die für 2029 geplante Generalsanierung nutzen, um zugleich die bestehende Verbindung über Lüneburg, Bad Bevensen, Uelzen und Celle auszubauen. Vor allem der Engpass zwischen Uelzen und Hamburg soll kurzfristig entschärft werden. Wie groß der Ärger über den Berliner Kurs ist, hatte Tonnes Sprecher Sebastian Schumacher zuvor in der Landespressekonferenz deutlich gemacht: „Was auf dem Tisch liegt, hat nicht die Zustimmung des Landes Niedersachsen. Unsere Einwände wurden überhört und ignoriert.“ Der Bund müsse den Menschen nun vermitteln, „dass dreißig Jahre nichts passieren wird“. Auch an der Fähigkeit der Bahn, ein weiteres Großprojekt zu bewältigen, äußerte Schumacher Zweifel: „Was Brot und Butter ist, klappt schon nicht, und jetzt versucht die Bahn, Haute Cuisine zu machen.“

- Hier kommt Berlin dem Land entgegen: Tonne hatte sich am 11. September 2026 direkt an die beiden zuständigen Berichterstatter gewandt: an den Obmann der Unionsfraktion im Verkehrsausschuss, Michael Donth aus Reutlingen, und an die niedersächsische SPD-Bundestagsabgeordnete Anja Troff-Schaffarzyk aus Uplengen (Landkreis Leer). Beide sitzen auch im Aufsichtsrat der Bahn-Infrastrukturgesellschaft InfraGO. Der Minister stellte drei Kernforderungen: schnelle zusätzliche Kapazitäten zwischen Uelzen und Hamburg, mehr Lärmschutz an der bestehenden Strecke und einen besonderen Schutz für Bergen-Belsen. Tonnes Forderung nach einem sofortigen Kapazitätsausbau greifen die Verkehrspolitiker in Berlin nur teilweise auf. Statt eines verbindlichen Sofortprogramms stellen sie ein Maßnahmenpaket für rund 250 Millionen Euro in Aussicht. Vorgesehen sind unter anderem Änderungen an Gleisen und Weichen sowie fünf neue Überleitstellen, die den Bahnverkehr bei Störungen und Bauarbeiten flexibler machen sollen. Die Arbeiten sollen aber lediglich „möglichst zeitnah“ nach der Generalsanierung 2029 folgen. Einen festen Termin für eine spürbare Kapazitätssteigerung zwischen Uelzen und Hamburg nennt die Vorlage nicht. Die Planung der Neubaustrecke läuft davon unabhängig weiter.
Konkreter sind die Zusagen beim Lärmschutz und für Bergen-Belsen. An der Bestandsstrecke sollen zehn bislang blockierte Lärmschutzwände mit einer Gesamtlänge von knapp neun Kilometern gebaut werden. „Der Schutz von Bergen-Belsen ist eine nationale Aufgabe und kein regionales Anliegen“, hatte Tonne geschrieben. Die Trasse wird im Raum Bergen deshalb westlich der B 3 geführt, um Beeinträchtigungen der Gedenkstätte und des Mahnmals „Rampe Bergen“ auszuschließen. Die Überholbahnhöfe in der Soltauer Heide und bei Bergen sollen außerdem für spätere Regionalhalte vorbereitet werden; ob dort Züge halten, müsste das Land entscheiden und finanzieren. Bei Celle wird geprüft, ob die neue Eisenbahnbrücke über die Aller Geh- und Radwege aufnehmen kann. Zwei große, begrünte Wildbrücken sollen Tieren die Querung der Neubaustrecke ermöglichen. In Hasselhorst und Wietzendorf-Bockel sollen bestehende Wege und Verbindungen zwischen Siedlungen möglichst erhalten bleiben.
- Milliarden für eine ferne Zukunft: Die Bahn beziffert die auf die voraussichtlichen Baujahre hochgerechneten Kosten auf 8,8 Milliarden Euro. Dabei sind jährliche Preissteigerungen von zwei Prozent und wahrscheinliche Risiken bereits berücksichtigt. Eine weiter gefasste Berechnung, in die zusätzliche Kostenrisiken einfließen, kommt auf 14,1 Milliarden Euro. Das Bundesverkehrsministerium hält das Projekt dennoch für wirtschaftlich: Jedem eingesetzten Euro stehe rechnerisch ein Nutzen von 1,50 Euro gegenüber. Der Braunschweiger SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Bratmann stellt dem die lange Planungs- und Bauzeit entgegen. „Selbst wenn die Zeit- und Kostenpläne dieses Mal tatsächlich ansatzweise eingehalten werden würden, würde es Jahrzehnte und viele Milliarden brauchen, bis die ersten Züge fahren“, sagt er. Niedersachsen brauche „keine Utopien einer Schnellstrecke in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts“, sondern schnelle Verbesserungen für das bereits heute überlastete Netz. „Wir brauchen kein norddeutsches Stuttgart 21, sondern eine Sanierung mit Realismus, Augenmaß und Blick auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort.“

- Rot-Grün bricht in der Bahnpolitik auseinander: Während Tonne die Berliner Einigung scharf kritisiert, unterstützen die niedersächsischen Grünen die Neubaustrecke. „Endlich ist der Weg frei für die Neubaustrecke Hamburg–Hannover“, freut sich die hannoversche Bundestagsabgeordnete Swantje Michaelsen. „Die Neubaustrecke ist wichtig für mehr Kapazität auf der Schiene, bessere Takte und einen verlässlichen Nahverkehr in Niedersachsen, Norddeutschland und darüber hinaus.“ Auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Stephan Christ, stellt sich gegen die Position des SPD-geführten Verkehrsministeriums. „Die Entscheidung für eine Neubaustrecke ist richtig und überfällig. Damit kann der Bundestag die jahrelange Hängepartie beenden“, erklärt er. Bei einem der größten Infrastrukturprojekte des Landes vertreten SPD und Grüne damit weitgehend entgegengesetzte Positionen.
- Niedersachsens CDU dringt in Berlin nicht durch: Auch die niedersächsische CDU findet mit ihrer Position im Bund bislang kein Gehör. „Die CDU-Landtagsfraktion steht klar zu Alpha-E. Diese Variante genießt die größte Akzeptanz und sie ist auch am schnellsten zu realisieren“, betont CDU-Landeschef Sebastian Lechner. Noch im März hatten sich die norddeutschen CDU-Landesverbände und -Landtagsfraktionen gemeinsam hinter Alpha-E gestellt. Die schwarz-rote Koalition im Bund folgt dennoch der Vorzugsvariante der Bahn. Lechner kündigt deshalb an: „Wir werden jetzt noch einmal mit allem Nachdruck unsere Position in Berlin deutlich vertreten.“ Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass Berlin die niedersächsische CDU vor den Kopf stößt. Zuvor hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit ihrem Netzpaket die Interessen des Windenergielands Niedersachsen aus Sicht der Landespartei weitgehend ignoriert. Nun setzt sich die Bundesregierung auch bei der Bahnstrecke über eine zentrale Forderung der CDU Niedersachsen hinweg. Für einen großen Einfluss des Landesverbands in Berlin spricht das – ein Jahr vor der Landtagswahl – nicht. Die Niedersachsen-CDU scheint damit ähnlich wenig Einfluss auf die Bundes-Verkehrspolitik zu haben wie Olaf Lies und die Niedersachsen-SPD. Lies hatte sich einst für Alpha-E feiern lassen.
- Unbequeme Entscheidung erst nach der Wahl: Politisch brisant ist auch der Zeitpunkt der Abstimmung. Hätte der Bundestag die Richtungsentscheidung für die Neubaustrecke vor der Kommunalwahl getroffen, wäre der Konflikt zwischen Berlin und den betroffenen Kommunen noch im Wahlkampf offen zutage getreten. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Stefan Henze hatte Union und SPD deshalb schon vor der Wahl vorgeworfen, die Entscheidung bewusst hinauszuzögern. „Es wäre politisch ehrlich, den betroffenen Wählern vor den Kommunalwahlen reinen Wein einzuschenken“, sagt Henze. Welchen Einfluss das auf die Ergebnisse gehabt hätte, bleibt offen. In mehreren besonders betroffenen Gebieten gingen jedoch CDU oder SPD als stärkste Kraft aus der Wahl hervor. Die CDU blieb in Bergen mit 40,9 Prozent und in Seevetal mit 30,6 Prozent vorn. Auch bei den Kreistagswahlen in Celle und Harburg belegte sie mit 32 beziehungsweise 28,3 Prozent den ersten Platz. Die SPD löste in Soltau mit 30,8 Prozent die CDU als stärkste Ratsfraktion ab. Im Heidekreis lag sie bei der Kreistagswahl mit 26,9 Prozent knapp vor der CDU; ihr Landratskandidat Sebastian Zinke zog als Erstplatzierter in die Stichwahl ein.


