2. Nov. 2021
Kommentar

Niedersachsen in 25 Jahren? Ein Blick in die Zukunft

Am Montag ist es genau 75 Jahre her, dass das Land Niedersachsen gegründet wurde. Damals entstand auf Befehl der britischen Alliierten ein zusammengewürfeltes Gebilde aus mehreren selbstbewussten, geschichtsträchtigen Stämmen.

Montage: cwl

Von Anfang an war Niedersachsen ein Land der Disparitäten, das dominante Hannover neben dem übersichtlichen Schaumburg-Lippe, die stolzen Braunschweiger im Osten neben den vergleichsweise bescheidenen Lüneburgern, den auf ihre Selbstständigkeit bedachten Oldenburgern neben den Bremern, die gar nicht dazugehören sollten und wollten. Und dann im Westen die Ostfriesen, ein eigensinniges, fast basisdemokratisches Volk, direkt über den Emsländern, die irgendwie ganz anders aber doch wieder sehr ähnlich sind. Und die Göttinger mit ihrer Universität, die immer auf Fortschritt bedacht waren und es noch heute sind.

Rundblick prognostizierte vor fünf Jahren: SPD-Politiker Schmidt wird 2046 Ministerpräsident

2046 Ministerpräsident? Der SPD-Abgeordnete Maximilian Schmidt | Foto: M. Schmidt

Es macht Spaß, zurückzublicken in die Vergangenheit. Noch reizvoller ist es, nach vorn zu schauen. Vor fünf Jahren, als Niedersachsen 70 wurde, wagte das Politikjournal Rundblick in einer kleinen Serie bereits den Blick voraus. Was würde, fragten wir im Jahr 2016, wohl in 30 Jahren sein, im Jahr 2046, wenn Niedersachsen am 1. November 100 Jahre alt wird? Damals wagten wir die Prognose, dass der SPD-Politiker Maximilian Schmidt 2046 Ministerpräsident sein wird (just in diesem November rückt der Sozialdemokrat, der 2017 die Wiederwahl in den Landtag verpasste, wieder ins Landesparlament nach) und der CDU-Politiker Sebastian Lechner als Innenminister sein Stellvertreter (Lechner ist derzeit als Generalsekretär einer der wichtigsten CDU-Politiker im Land). Dass die eigentlich für 2018 vorgesehene Landtagswahl um einige Monate vorgezogen würde, konnten wir 2016 nicht ahnen – auch nicht das Auftauchen eines gefährlichen Virus, das fast zwei Jahre lang das öffentliche Leben weltweit beeinträchtigte. 

Große Veränderungen in der Autoindustrie und Ernährungswirtschaft zu erwarten

Aber ein paar grundsätzliche Entwicklungen sind vor fünf Jahren schon in den Blick geraten, sie scheinen heute noch wahrscheinlicher oder dringlicher zu sein. Erstens wird die Autoindustrie, samt ihren Zulieferern, einem gewaltigen Umstellungsprozess ausgesetzt sein. Wie stark die internationalen Vereinbarungen zum Klimaschutz dazu den Ausschlag geben, zeichnete sich vor fünf Jahren noch nicht ab. Ebenso wenig wie damals ist heute nun absehbar, was genau geschieht und wie gut es VW im Verein mit all den bisherigen Vertragspartnern schaffen kann, mit moderner Technologie und klugem Marktverhalten Zeichen zu setzen. Wenn es klappt, kann Niedersachsen zum Vorreiter-Land in der Mobilität werden. Wenn es nicht klappt, können industrielles Siechtum und Stagnation die Folge sein. Optimisten werden nötig werden, die Mut machen.

Der zweite große Bereich ist die Ernährungswirtschaft, bisher geprägt von Massentierhaltung vor allem im Westen des Landes, im Emsland, im Oldenburger Umland und im Osnabrücker Raum. Im Grunde gilt hier der gleiche Befund. Sei es der Tierschutz, das wachsende Interesse an gesunder Ernährung oder auch hier wieder der Klimaschutz – inzwischen sprechen auch Agrarpolitiker aller Fraktionen ganz offen darüber, dass Fleischproduktion und Fleischverzehr zurückgefahren werden sollen. Womöglich zugunsten pflanzlicher Produkte, die irgendwann so gut schmecken wie ein Schweineschnitzel? Oder künstlich „gezüchtetes“ Fleisch, das irgendwann auch seine Käufer findet? Die Landwirtschaft wird sich umstellen müssen – und im Grunde gilt als Voraussetzung wie für die Autoindustrie: Je entschlossener, konsequenter, phantasievoller und risikobewusster die Betriebe die zwangsläufige Veränderung angehen, desto erfolgversprechender sind sie dabei.

Wandel in der Tourismus-Wirtschaft: Niedersachsen wird neu als Reiseziel entdeckt

Noch ein Sektor, der in Niedersachsen wichtig und prägend ist, steht vor einem massiven Wandel: die Tourismus- und Gesundheitswirtschaft. Der Harz hatte jahrelang sein Tief, weil die Menschen, wenn sie verreisen wollten, lieber nach Mallorca oder in andere warme Länder geflogen sind. Die Erholung, Entspannung – und Gesunderhaltung – vor der eigenen Haustür galt jahrelang als spießig und unattraktiv. Doch auch hier verschieben sich die Prioritäten, wieder ist ein wichtiger Gesichtspunkt dabei der Klimaschutz, der Fernreisen wegen des erhöhten Energieaufwandes dafür als kritikwürdig und nicht mehr empfehlenswert einstuft. Die mit der Corona-Krise einhergehenden Verkehrsbeschränkungen, begründet mit der höheren Ansteckungsgefahr, haben diese Position noch verstärkt. Dies wird nun auf mittlere Sicht aus Kurz-Reisezielen in Niedersachsen, die bisher fast vergessen waren, wieder lohnenswerte Urlaubsgegenden machen. Der Harz, das Weserbergland in Süd-Niedersachsen, die Lüneburger Heide, das Emsland, der Osnabrücker Raum und die Region Braunschweig – all das kann an Attraktivität gewinnen, möglicherweise auch mit mehr Angeboten für Menschen, die nicht nur einen Tagesausflug dahin unternehmen wollen, sondern für ein verlängertes Wochenende bleiben möchten. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten. 

Wird es in 25 Jahren noch den Mini-Landkreis Lüchow-Dannenberg mit seinen knapp 50.000 Einwohnern gleichberechtigt neben der Region Hannover mit einer Million Einwohner geben? Wohl kaum – zumindest ist wohl wahrscheinlich, dass viele Dienstleistungen in größeren Einheiten, vielleicht einem Verbund von Landkreisen, zusammengefasst werden. Der Fachkräftemangel, der in seiner Dramatik zunehmen dürfte, zwingt wohl schon bald dazu. Die Verwaltung wird immer mehr von Computern und immer weniger von speziellen, personalstarken Fachreferaten geprägt sein. Der Staat als riesiger, mächtiger Arbeitgeber wird an Mitarbeitern verlieren.

Zuhause arbeiten dank Digitalisierung: "Leben auf dem Land" wird immer attraktiver

Als Begleiteffekt dieser Entwicklung kann das „Leben auf dem Land“ wieder erstrebenswerter werden – auch deshalb, weil die fortschreitende Digitalisierung in vielen Branchen das Arbeiten von zuhause ermöglichen wird. Gewinner eines solchen Prozesses können die Dörfer und ländlichen Gegenden werden, Verlierer könnten die Ballungszentren sein, die Großstädte, in denen bisher die großen Unternehmen und Behörden angesiedelt waren, die ausgeweiteten Einkaufsangebote lockten und die großen Veranstaltungen stattgefunden hatten. Wenn es künftig immer weniger solcher „Events“ geben wird, weniger Verkehr und weniger Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort, wenn immer mehr Kommunikation ins Netz verlagert wird – dann können diejenigen Gegenden in Deutschland davon profitieren, die viel von dem „flachen Land“ haben, von Natur, Ruhe und Entspanntheit. In den Großstädten drohen sich beginnende Leerstände mittelfristig in eine Geisterstadt-Szenerie zu verwandeln. Oder kann man rechtzeitig gegensteuern? Niedersachsen könnte zu den Gewinnern gehören, vielleicht schon im Jahr 2046.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #194.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum