
Das offizielle Programm der Landesregierung zum 80. Geburtstag Niedersachsens ist eher mager – und daher liegt umso mehr Gewicht in den wenigen Veranstaltungen, die um den Anlass kreisen. Historiker und Politikwissenschaftler haben jetzt öffentlich über das Gründungsjahr 1946 diskutiert und daraus Folgen für die Gegenwart abgeleitet. Dabei bestand Einigkeit in einer zentralen These: Niedersachsen wäre so, wie es heute ist, vermutlich nicht entstanden ohne sehr pragmatische und teilweise weitblickende Briten als Besatzungsmacht – und auch nicht ohne den sehr gewandten und machtbewussten ersten Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf. Erinnerungen an Kopf hat die Landeshauptstadt inzwischen beseitigt, das liegt auch an einer Neubewertung von Erkenntnissen über seine Rolle in der NS-Zeit.
Wie der Historiker Thomas Vogtherr erläuterte, war Kopf als erster Ministerpräsident ein sehr starker Regierungschef. Bestimmte Fragen habe er zur Diskussion gar nicht mehr zugelassen, sondern diese als Faktum unterstellt. Das gilt etwa für den Führungsanspruch Hannovers und des alten Landes Hannover im neuen Bundesland. Die Oldenburger und Braunschweiger hätten es hinnehmen müssen. Außerdem hätten die Westfalen nach dem Zweiten Weltkrieg gern Ostfriesland einbezogen, während Kopf das Landesgebiet Niedersachsens nach Westen zu Lippe und Westfalen ausweiten wollte. Zwei Umstände hätten die Stärke der Rolle Kopfs damals begünstigt. Erstens habe der Ministerpräsident die Fähigkeit besessen, von vielen kenntnisreichen Mitarbeitern Argumente und Konzepte zu bekommen – etwa von Kurt Brüning, dem Landesgeographen. Zweitens hätten die Briten schon vor Kriegsende recherchiert, auf welche Personen sie sich beim Wiederaufbau stützen könnten, und dazu habe auch Kopf gehört. Die Weisheit der Briten, den deutschen Akteuren auch Freiheiten zu lassen, habe sich gerade in dieser Konstellation gut bewährt.
Die Historiker Carl-Hans Hauptmeyer und Henning Steinführer berichteten von den notwendigen Kompromissen, die Widerstandskämpfer mit NS-belasteten Beamten beim Neustart Niedersachsens machen mussten. Die Bevölkerung sei 1946 „entmoralisiert und demoralisiert gewesen“, berichtete Hauptmeyer. Die Städte waren zerbombt, die Dörfer mussten Flüchtlinge aufnehmen – und viele Menschen hätten Schuld auf sich geladen. Eine Zeit der Verarbeitung gab es nicht. Die Diskussionsrunde, geleitet vom Journalisten Michael B. Berger, beleuchtete dann auch die Frage nach der Identität, nach einem „Niedersachsen-Bewusstsein“. Hauptmeyer warnte vor der Vorstellung, man könne eine dumpfe Heimat-Verehrung, die sich gegen Modernisierung, Zuwanderung und städtische Zivilisation richtet, mit den frühen Überlegungen für das Land Niedersachsen gleichsetzen. Die Forschung habe gezeigt, dass die Pläne in Kopfs Umfeld alles andere als nationalistisch oder gegen die Moderne gerichtet waren. Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, widersprach. Sie fühle sich eigentlich wohl in Niedersachsen, doch die „Gefühlsduselei“ sei aus ihrer Sicht ein Mittel, alte nationalsozialistische Prägungen über Generationen weiterzutragen. Anstoß nimmt sie etwa an den Attributen „sturmfest und erdverwachsen“. Die „massiven Probleme mit den völkischen Gruppierungen“ im Lande würden schnell verdrängt – und das dürfe nicht sein. Bei Veranstaltungen wie dem „Tag der Niedersachsen“ spüre sie die große Diversität, die Niedersachsen ausmache, leider nicht. An diesem Punkt erntete sie Widerspruch von den anderen Vertretern auf dem Podium.


