15. Mai 2024
Gesundheit

Pflegedienste betrügen das Gesundheitswesen am häufigsten

Zwei von drei Bürgern halten das deutsche Gesundheitswesen anfällig für Betrug und Korruption: So lautet das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), deren Chefermittlerin Dina Michels diesen Eindruck aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus bestätigt. Durch den Einsatz von Pseudo-Pflegepersonal, das Panschen von Arzneimitteln, den Missbrauch von Versichertenkarten, das Abrechnen nie geschehener Behandlungen oder das Fälschen von Berufsurkunden sei allein der KKH im vergangenen Jahr ein Schaden in Höhe von 3,5 Millionen Euro entstanden, wovon die Ermittler durch Detektivarbeit etwa ein Drittel zurückholen konnten. „Allein auf die häusliche Krankenpflege entfallen knapp 1,9 Millionen Euro und damit fast 55 Prozent des Gesamtschadens“, sagte Michels. Die meisten schwarzen Schafe gebe es unter den ambulanten Pflegediensten und den Pflegeheimbetreibern. Rang drei belegen die Krankengymnastik- und Physiotherapiepraxen.

KKH-Chefermittlerin Dina Michels (von links), ihr Nachfolger Emil Penkov und Oberstaatsanwältin Silke Kühlborn kämpfen gegen Betrug im Gesundheitswesen. | Foto: Link

In den allermeisten Fällen geht es um nicht erbrachte Leistungen oder um nicht ausreichend qualifiziertes Personal. „Wir sollten bedenken, dass es beim Betrug im Gesundheitswesen oft nicht nur ums Geld geht. Wer betrügt, gefährdet dadurch häufig auch die Gesundheit der Patienten“, ergänzte Oberstaatsanwältin Silke Kühlborn aus Leipzig. Wenn bei der Patientenbetreuung etwa Hilfskräfte statt ausgebildeten Fachkräften eingesetzt werden, könne dies insbesondere bei der Intensivpflege schwerwiegende Konsequenzen haben. „Teilweise gehen die Täter äußerst skrupellos vor“, berichtete Michels. Die Kriminologin schilderte den aktuellen Fall eines Apothekers aus Sachsen, der im großen Stil unterdosierte Krebsmedikamente ausgegeben haben soll. Einen ähnlichen Verdachtsfall hatten die KKH-Ermittler bereits vor zwei Jahren in Bottrop aufgedeckt, der sich inzwischen bestätigt habe. „Das zeigt, dass sich hartnäckige und akribische Ermittlungsarbeit auszahlt“, sagte Michels.

Mit 1,6 Millionen Versicherten ist die KKH zwar nur die 13. größte Krankenkasse in Deutschland, im Kampf gegen Abrechnungsbetrug gelten die Hannoveraner aber als führend. Rund 2000 Verdachtsfälle bearbeitet das Ermittlerteam jedes Jahr. Laut GKV-Spitzenverband sind die gesetzliche Kranken- und die Pflegeversicherung in den vergangenen 20 Jahren um über eine Milliarde Euro geprellt worden – die Dunkelziffer liege vermutlich noch viel höher. „Die Erfahrungen während der Corona-Pandemie sowie aktuelle Prozesse um Betrug in Pflegediensten zeigen, dass eine intensive Kontrolle erforderlich ist, um durch eine hohe Entdeckungswahrscheinlichkeit abzuschrecken und die ‚schwarzen Schafe‘ herauszufiltern“, kommentierte Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) und betonte: „Nur durch konsequente Aufdeckung von Betrug kann die Integrität unseres Gesundheitssystems gewahrt werden.“

Dieser Artikel erschien am 16.5.2024 in Ausgabe #089.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link