Pflegekräfte am Limit: „Es wird geweint in den Krankenhäusern“
Den Kampf gegen die Pflegekammer haben die Gegner der Institution abgehakt, jetzt setzen sie sich für Verbesserungen in der Pflege ein. Am Mittwoch demonstrierte das Pflegebündnis Niedersachsen in Hannover, Mitstreiter aus Hannover, Hildesheim und Lehrte trugen einen „Wünschebaum“ zur Treppe des Landtags. Christa Greve vom Pflegebündnis zeichnete im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick ein düsteres Bild der Lage. Dass es so kommt wie aktuell in Schweden, wo Medienberichten zufolge gerade hunderte Pflegekräfte aufgrund der Überlastung kündigen und ihren Beruf an den Nagel hängen, sieht Greve in der Pflege hierzulande nicht – noch nicht.
„Hier sehe ich eher, dass sich gerade alle zusammenreißen und sagen: Wir wuppen das gemeinsam“, berichtet Greve. Zugleich sei aber zu beobachten, dass die Pflegekräfte immer stärker belastet seien. Gründe gibt es viele: Mitarbeiter seien an Corona erkrankt, Zeitarbeitskräfte kämen dann doch nicht zur Unterstützung: „Die Pflegekräfte sind mehr als am Limit: Es wird geweint in den Wohnungen und Krankenhäusern.“ Nach der Pandemie hält Greve es für vorstellbar, dass viele sagen: „Das ist für mich jetzt genug.“ Jetzt müsse erkannt werden, dass Verbesserungen notwendig seien.
https://www.youtube.com/watch?v=liuqpdIhHS4
Den Pflegekräften geht es unter anderem um bessere Arbeitsbedingungen, mehr Geld und mehr Personal. Greve sprach von einer humanitären Pflege, die den Ansprüchen der Menschen auch gerecht werden müsse. Edda Reusch, seit 27 Jahren Fachkraft in der Pflege, erklärte, in ihrer Berufszeit sei es immer nur abwärts gegangen. „Wir brauchen mehr Personal und gesicherte Dienstpläne. Es kann nicht sein, dass Menschen zwölf Tage lang durcharbeiten und dann nur zwei Tage freihaben“, sagte Reusch.
Die Pflegekammer spielte bei der Demonstration am Mittwoch keine Rolle mehr. Greve meint, die Politik habe mit der Kammer möglicherweise „ein wenig vom eigentlichen Thema ablenken“ wollen. Die Politik dachte wohl, dann gebe es eine Vertretung und das Thema sei für sie erledigt, so die Vertreterin des Pflegebündnisses. Das sei aber eine Fehleinschätzung. Ihrer Meinung nach müssen nun alle an einem Strang ziehen: „Bevölkerung, Politik, Krankenkassen und alle, die dazugehören.“
Krankenhäuser betiteln sie als „Fabriken“
Aktuelle Zahlen geben dem Bündnis zufolge Anlass zur Sorge. Demnach dürfte in den nächsten zehn Jahren fast ein Drittel der Pflegekräfte aus dem Beruf ausscheiden. Das liegt auch am hohen Durchschnittsalter der Mitarbeiter, fast 40 Prozent sind über 50 Jahre alt. In der Altenpflege scheiden Fachkräfte im Durchschnitt nach 8,4 Jahren aus dem Job aus, in der Krankenpflege sogar schon nach 7,5 Jahren. Und auch, wenn neue Stellen ausgeschrieben werden, dauert es lange, bis ein geeigneter Kandidat oder eine Kandidatin gefunden ist. Fast ein halbes Jahr müssen Arbeitgeber zum Beispiel nach Altenpflegekräften suchen. Für die Demonstranten kommt diese Entwicklung nicht überraschend, es liege auch am Berufsalltag. Krankenhäuser betiteln sie als „Fabriken“.
Auch auf der Bundesebene gab es gestern einen Hilferuf. Caritas und Diakonie forderten aufgrund der Corona-Lage mehr Unterstützung für die Pflege. Caritas-Präsident Peter Neher sagte, die Mitarbeiter seien erschöpft, es sei vielerorts ein Ritt auf der Rasierklinge. Es geht auch um viel Geld: Caritas und Diakonie zufolge kompensieren die staatlichen Rettungsschirme das Corona-bedingte Defizit nur in gut 30 Prozent der sozialen Einrichtungen.Dieser Artikel erschien in Ausgabe #228.