Die Verpackung zeigt eine deutsche Phantasielandschaft mit glücklich summenden Bienen. Was im Honigglas steckt, kommt allerdings selten aus einer idyllischen Gegend in Niedersachsen, sondern viel wahrscheinlicher aus Argentinien, Mexiko oder Rumänien – in einem undefinierten Mischungsverhältnis. Die Fraktionen von SPD und Grünen wollen jetzt Produkte aus Niedersachsen deutlicher kennzeichnen und damit auch die Marktposition der hiesigen Erzeuger stärken. Wenn mehr vom Bauern nebenan gekauft wird, schont das auch das Klima, argumentiert Rot-Grün.

Nach dem Beispiel anderer Bundesländer wollen sie ein niedersächsisches Biosiegel entwickeln. „Bestehende Siegel unterschiedlicher Hersteller sorgen aufgrund unterschiedlichster Kriterien selten für Klarheit“, monieren die Regierungsfraktionen. Ob ein weiteres Siegel hier Abhilfe schafft, dazu gibt es unterschiedliche Erfahrungen in den Ländern. Thüringen habe sein Gütezeichen wieder abgeschafft, berichtete Elke Eickemeier, Referatsleiterin im Landwirtschaftsministerium, im Agrarausschuss des Landtages. Zu wenige Verbraucher kannten das Siegel, zu wenige Hersteller waren interessiert daran, ihre Produkte lizenzieren zu lassen, dafür war der bürokratische Aufwand sehr hoch. Bayern dagegen investiert großzügig in die Bekanntheit seines Bio-Siegels. Im vergangenen Jahr waren es 1,6 Millionen Euro für Werbung, obwohl das Gütezeichen schon lange existiert. „Der Erfolg steht und fällt mit der Bewerbung“, schlussfolgert Eickemeier.
Branchenvertreter bewerten den Mehrwert eines Niedersächsischen Biosiegels sehr unterschiedlich, weiß die Expertin. Hersteller, die ihre Produkte vorwiegend regional vermarkten, können ihm etwas abgewinnen. Wettbewerber, die über die Landesgrenzen hinaus liefern, befürchten allerdings eher Nachteile durch eine offensive Niedersachsen-Kennzeichnung. Eickemeier nannte noch weitere kritische Punkte: Es müsste sichergestellt werden, dass die Kosten nicht vom Steuerzahler, sondern vorrangig von der Wirtschaft getragen werden. Zudem gab sie zu bedenken, dass am Ende trotz aller Sympathien für Tierwohl und Umwelt viele Verbraucher nach dem Preis entscheiden.
Acht bis zehn Prozent geben sogar in Umfragen zu, gegen ihre Überzeugungen einzukaufen. Die CDU-Abgeordnete Veronika Bode fragte noch einmal explizit nach: „Ist das Landwirtschaftsministerium grundsätzlich für ein niedersächsisches Biosiegel?“ Doch Eickemeier blieb abwägend. Sie schlug vor, erstmal mit einem einfachen regionalen Siegel zu starten. „Bio sei dahingestellt.“
Seit 2014 gibt es bereits ein bundesweites Regionalsiegel, das „Regionalfenster“. Es informiert darüber, wo ein Produkt herkommt, wo es verarbeitet wurde und wie hoch der regionale Anteil ist. Allerdings sagt die Herkunft noch nichts über die Qualität aus. Und den Begriff „regional“ darf jeder Hersteller selbst definieren. Die so genannte „Region“ muss nur in Deutschland liegen und kleiner als Deutschland sein. „Wenn man auf dem ,Regionalfenster‘ aufbaut, lässt sich ein Niedersachsen-Siegel ohne enormen Aufwand einführen“, so das Fazit der Referatsleiterin.
Weitere Initiativen aus dem Entschließungsantrag von Rot-Grün erwiesen sich im Lauf der Anhörung als bereits in Arbeit: Ein „Klima-Siegel“ wird an der Universität Göttingen erprobt, gefördert vom Landwirtschaftsministerium. Ergebnisse werden nach Projektende in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Was den Weinanbau angeht: Mittlerweile werden auf 38 Hektar in Niedersachsen Wein angebaut. Nach geltendem Recht ist es nicht möglich, ihn mit einer regionalen Herkunftsbezeichnung zu vermarkten. Allerdings ist der Anbauverband bereits mit dem Anliegen auf das Ministerium zugekommen. Über die Bundesebene wird an einer Anerkennung als Weinregion in der EU gearbeitet. Gibt es eine Kennzeichnung für Honig? Auf EU-Ebene reifen Pläne, dass künftig auf Verpackungen von Honig die Herkunftsländer mit den jeweiligen Anteilen an der Mischung angegeben werden müssen.


