Politiker müssen jederzeit bereit sein, das Steuer zu übernehmen und den Kurs festzulegen. Das gilt allerdings nur im übertragenen Sinne. Je wichtiger ein Politiker ist, desto seltener fasst er noch selber ans Steuerrad eines Autos. Dafür gibt es dann Leute wie Horst Lorbiecki – ein Unikat der politischen Landschaft Niedersachsens und gleichzeitig Sinnbild für die vielen Fahrer, die unsere Politiker sicher von A nach B bringen. Dass sie dadurch selber zu politischen Personen werden, zeigt Lorbiecki, unser 13. Politiknerd aus Niedersachsen.

Foto: privat

Er hatte sie schon alle: Laschet, Seehofer, Stoiber, Klöckner, Pöttering … und wie sie nicht alle heißen. Wenn CDU-Prominenz in Niedersachsen Station gemacht hat, standen die Chancen gut, dass Horst Lorbiecki sie im Fond seines Wagens von Termin zu Termin transportiert hat. Und auch Angela Merkel hat er natürlich schon häufig getroffen. Seit September 2003 arbeitet der heute 60-Jährige als Fahrer für die CDU in Niedersachsen und hat dabei eine ganze Menge erlebt. Wenn ihn das Landeskriminalamt verfolgt, dann macht ihn das nicht nervös. Für besondere Gäste nimmt er dann auch mal gepanzerte Fahrzeuge. Und wenn auf der Rückbank vertrauliche Gespräche geführt werden, dann kann er schweigen.

Bevor er im September 2003 zur CDU kam, arbeitete Horst Lorbiecki für das Landvolk Niedersachsen. Zuerst fuhr er den Bauernverbandspräsidenten Friedrich Rode, später dessen Nachfolger Wilhelm Niemeyer. Besonders politisch sei das noch nicht gewesen, erzählt Lorbiecki im Gespräch mit dem Politikjournal Rundblick. Das änderte sich aber, als er zur Partei wechselte.

In dem Jahr, in dem Christian Wulff Ministerpräsident von Niedersachsen wurde, ergriff Horst Lorbiecki erstmals das Steuer bei der CDU. Zuerst fuhr er den damaligen Generalsekretär Friedrich-Otto Ripke, anschließend dessen Nachfolger Ulf Thiele. Bei ihm, erinnert sich Lorbiecki im Rundblick-Gespräch, habe er besonders auf die Zeit achten müssen. Thiele habe sich bei allen möglichen Veranstaltungen immer wieder so sehr in Gespräche vertieft, dass es abends schon mal eng werden konnte, wenn man noch drei Stunden zurück nach Ostfriesland fahren musste. Auf dem leeren Parkplatz wartend, habe er dann immer gedacht, dass doch bis auf die Putzfrau niemand mehr zum quatschen dagewesen sein konnte – aber Thiele habe immer noch jemanden gefunden.



Nach Thiele saßen auch noch David McAllister, Kai Seefried und zuletzt Sebastian Lechner und Marco Mohrmann bei „Lorbi“, wie man ihn bei der CDU nennt, im Wagen. Aber einer, zu dem hat Horst Lorbiecki eine ganz besondere Beziehung aufgebaut: Bernd Althusmann. In zwei Landtagswahlkämpfen hat er den inzwischen früheren Wirtschaftsminister durchs Land gefahren. Ein „sehr freundschaftliches Verhältnis“ sei dabei entstanden, verrät er, eine richtige „Männerfreundschaft“. Für Althusmann war Lorbiecki nicht nur sein verlässlicher Fahrer, sondern auch Sparringspartner. Hat „BA“, wie man Althusmann in CDU-Kreisen nennt, irgendwo eine Rede gehalten, wollte er hinterher von Lorbiecki wissen, wie er sie gefunden hat. Auf dem Weg zum nächsten Termin gab es dann die Manöverkritik im Wagen – die allerdings meist positiv ausfiel.

Althusmann war es auch, der Horst Lorbiecki schließlich davon überzeugt hat, in die CDU einzutreten. Erst 2016, als er also schon seit 13 Jahren im Dienst der Partei stand, hat er sich für eine Parteimitgliedschaft entschieden. Vor allem, was Althusmann vorhatte, habe ihn überzeugt, erzählt er. „Jowoll, das ist der Richtige“, habe er sich gedacht. Umso härter traf es ihn, als es dann im Herbst 2022 erneut nicht gereicht hat, den Regierungsauftrag zu erhalten. Dabei hatte er die Stimmung im Land ganz anders wahrgenommen. „Tottraurig“ sei er gewesen an jenem Abend, an dem Althusmann seinen Rückzug von der CDU-Spitze angekündigt hatte. Als Althusmann nach den zahlreichen Interviews und TV-Schalten am Wahlabend aus dem Landtag gekommen sei, haben sich die beiden Männer gedrückt – und auch Tränen sind gekullert, verrät Horst Lorbiecki. Anschließend ging es in den Wagen: auf nach Berlin, wo es am nächsten Tag zum Trost einen Blumenstrauß im Parteipräsidium gab.



Nach fast 20 Jahren hat nun auch Horst Lorbiecki seine CDU verlassen, zumindest beruflich. Seit Anfang Mai arbeitet er für das Bundespräsidialamt als Fahrer für Alt-Bundespräsident Christian Wulff. Dafür hat er sich mit seiner Erfahrung und seinem Können im Bewerbungsverfahren in Berlin durchgesetzt. Zu Parteitagen fährt er nun so gut wie gar nicht mehr, anders als in der Vergangenheit. Aber wenn die Parteiveranstaltungen im Livestream übertragen werden, schaut er sie sich jetzt sogar in seiner Freizeit an. Fragt man ihn dann, ob er nicht mal abschalten könne, sagt er: „Nein, das kann ich jetzt nicht mehr.“


Fast jede Woche stellt die Rundblick-Redaktion im kostenlosen Sonntagsnewsletter die „Politiknerds“ aus Niedersachsen vor. Ihre politischen Ziele mögen sich unterscheiden, aber was sie verbindet, ist die Leidenschaft für Politik. Noch sind sie keine Polit-Promis – aber ohne die Engagierten an der Parteibasis, im Verein oder anderswo wäre unser politisches System deutlich ärmer.