Vor einem generell kostenlosen Schüler- und Azubi-Ticket für Bus und Bahn sieht die Landesregierung hohe Hürden – und zwar sowohl organisatorische als auch finanzielle. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann verwies am Mittwoch im Landtag auf die komplexe Struktur der Tarife in Niedersachsen. Während in Hessen und Nordrhein-Westfalen Anfang der 90er Jahre die Tarifstrukturen sehr stark zusammengefasst worden seien, gebe es in Niedersachsen alleine im Bereich der Busse rund 50 einzelne Tarifgebiete. „Daraus ergibt sich automatisch, dass eine einheitliche Ticketlösung eine sehr umfangreiche Aufgabe ist“, erklärte Althusmann, der dabei einen fairen Ausgleich zwischen Land und Kommunen als wichtige Grundlage sieht. Die Landesregierung will nun in diesem Jahr erst einmal ein Gutachten zur Vereinheitlichung der Tarifstruktur in Auftrag geben. Mit einem Ergebnis ist laut Althusmann in ein bis zwei Jahren zu rechnen. Auch Kultusminister Grant Hendrik Tonne sprach von einem komplexen Thema. Es könne auch nicht allein um ein kostenfreies Ticket für Schüler der Sekundarstufe II gehen. Auch Berufsschüler und junge Menschen, die sich für ein Freiwilliges Ökologisches oder Soziales Jahr entscheiden, müssten dann bei einer solchen Lösung umfasst werden. Tonne wies auf „erhebliche finanzielle Zusatzbelastungen“ im dreistelligen Millionenbereich. Dies werde sich angesichts der Corona-Krise finanziell kaum stemmen lassen.
Der Verkehrspolitiker der Grünen, Detlev Schulz-Hendel, warf der Regierung vor, das Thema seit über zwei Jahren zu verschleppen. Dabei gehe es um Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für junge Menschen. Es sei unredlich, die Verzögerungen auf die Corona-Pandemie zu schieben, schließlich sei auch vorher nichts passiert. In Hessen habe man dagegen nicht gejammert, sondern sich einfach einmal auf den Weg gemacht. Nach einem Jahr hätten in Hessen mehr als 400.000 Menschen das Angebot in Anspruch genommen. Auch Lars Alt von der FDP meinte, die Pandemie tauge nicht dafür, das Thema weiter auf die lange Bank zu schieben. Er verwies auf ein „Generationengefälle in der Corona-Krise“ und forderte gerade jetzt eine Unterstützung derjenigen, die in dieser Zeit ohnehin schon Probleme hätten, einen Ausbildungsplatz zu finden. „Junge Menschen interessiert nicht, wie viele Verkehrsverbünde es gibt. Politik hat die Aufgabe, diese kleinteiligen Verhältnisse aufzulösen“, meinte der FDP-Politiker.
Alt verwies darauf, dass ein Schülerticket Bestandteil des Koalitionsvertrags sei. Man strebe „die stufenweise Einführung des kostenfreien Schülerverkehrs im Sekundarbereich II (Gymnasiale Oberstufe und Berufsbildende Schule) und eines ‚Niedersachsen-Schülertickets‘ mit einem Eigenbeitrag an“, heißt es darin. Daran erinnerte auch die SPD-Abgeordnete Dörte Liebetruth, die allerdings optimistisch bleibt. Es gelte zwar weiterhin, dass Politik das Bohren dicker Bretter sei und dass durch die Auswirkungen der Corona-Krise auf Bus und Bahn sowie die Haushalte das Brett an dieser Stelle nicht dünner geworden sei. Dennoch sei sie zuversichtlich, dass es möglicherweise ab dem Doppelhaushalt 2022/2023 vergünstigte regionale Tickets für Schüler, Auszubildende und Teilnehmer von Freiwilligendiensten für maximal 30 Euro im Monat geben könne. Zuvor müssten sich Landesregierung und Kommunen zeitnah über die finanzielle Beteiligung des Landes einigen. Der Hoffnung auf einen einheitlichen Tarifbereich im Land erteilte der CDU-Politiker Lasse Weritz eine Absage. Es sei auch gar nicht sinnvoll, von Hannover aus alle Busstrecken im ganzen Land zu regeln. Man müsse damit leben, dass es so viele Verkehrsverbünde und Tarifstrukturen gebe. Vereinfachungen dauerten und müssten auch konsequent und gut geplant werden.


