5. Dez. 2019
Soziales

Statistik zeigt: In zehn Jahren sind 2400 weitere Hausärzte nötig, nur 740 aber stehen dann bereit

Kommt es zu einer Landarztquote in Niedersachsen oder nicht? Der Streit über diese Frage überschattet die Große Koalition in Hannover schon seit ihrem Start. Nun hat das Sozialministerium eine Auswertung über den Stand der hausärztlichen Versorgung vorgelegt – und die Resultate legen den Schluss nah, dass die bisherigen Versuche, junge Ärzte zur Übernahme ländlicher Praxen zu überzeugen, nicht im erhofften Maß gefruchtet haben. Sozialministerin Carola Reimann (SPD) wirbt erneut für die Quote. Hinter ihr stehen in dieser Debatte Ministerpräsident Stephan Weil und die SPD-Landtagsfraktion, aus der CDU und vor allem aus dem Wissenschaftsministerium werden Vorbehalte laut. Der Vorschlag lautet, zehn Prozent eines Mediziner-Jahrgangs zu verpflichten, später als Landarzt tätig zu werden. Im Gegenzug würden die bereitwilligen Studenten dann einen Studienplatz erhalten. Die Kritiker dieser Lösung sehen vor allem eine Einschränkung der beruflichen Freiheit: Es wäre ein falscher Weg, den Studenten zu Beginn ihres Studiums vorschreiben zu wollen, wie und vor allem wo sie ihre erworbenen Kenntnisse später einsetzen wollen. Sie verweisen auf die Pläne der Landesregierung, die Zahl der Medizin-Studienplätze um bis zu 200 zu erhöhen, vor allem in Oldenburg.
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Nun hat das Sozialministerium die Situation geprüft und eine Hochrechnung für das Jahr 2030 vorgelegt. Bundesweit sind im vergangenen Jahr 392.402 Ärzte tätig gewesen – das seien 7352 mehr gewesen als im Jahr 2017. In Niedersachsen gibt es 32.365 praktizierende Ärzte, davon 5150 Hausärzte. Derzeit seien 355 Hausarztstellen nicht besetzt – vor allem in ländlichen Gegenden, die keine Attraktivität ausstrahlen. Nun wird geschätzt, dass die Bevölkerungszahl in Niedersachsen von derzeit 7,98 Millionen auf 7,47 Millionen im Jahr 2030 schrumpft. Damit gehe nicht ein geringerer Bedarf an Hausärzten einher, eher im Gegenteil, da der Anteil der älteren Menschen steige und diese häufiger einen Arzt benötigten. Das Angebot an Hausärzten werde 2030 wohl um 20 Prozent kleiner sein als der Bedarf, wenn nicht mit weiteren Schritten gegengesteuert werde. Aktuell betrage des Durchschnittsalter der Ärzte in Niedersachsen 54 Jahre. Von den 5150 Ärzten dürften aber, so stellt es das Sozialministerium da, in gut zehn Jahren 3184 älter als 65 Jahre sein.

Mehrere Schritte wurden schon unternommen

Tatsächlich sind bereits mehrere Schritte unternommen worden, den erfolgreichen Absolventen eines Medizinstudiums die Arbeit als Landarzt schmackhaft zu machen. Für die Übernahme einer bestehenden Praxis winkt ein Zuschuss von bis zu 60.000 Euro, für eine Zweigstellen-Praxis sind es bis zu 30.000 Euro. 2018 haben davon 35 Ärzte Gebrauch gemacht, drei Jahre zuvor wagen es noch lediglich zwölf gewesen. In Munster (Heidekreis) und Bremerhaven zahlt die Kassenärztliche Vereinigung einen Zuschuss zum Umsatz, damit in den schlecht versorgten Gebieten überhaupt ein Arzt arbeitet. Für die Weiterbildung zum Hausarzt in bestimmten Gebieten wird Assistenzärzten ein Zuschuss von monatlich 1000 Euro angeboten. Auch das Praktikum in einer Hausarztpraxis wird finanziell unterstützt. Ein Stipendium von 400 Euro monatlich winkt Medizinstudenten, die später Hausärzte werden wollen. Das nutzten 2016 gerade mal drei Studenten, 2018 waren es schon 29. Das zeigt: Die Angebote entfalten schon ihre Wirkung. Trotzdem ist das Sozialministerium skeptisch, zumal die meisten Medizinstudenten weiblich sind und nach aller Erfahrung viele weibliche Ärzte Teilzeit-Stellen befürworten. Für sie biete sich an, dass mehrere Ärzte in Gemeinschaftspraxen kooperieren.

Analyse des Ministeriums beflügelt Diskussion in der Koalition

Die Rechnung aus dem Haus von Ministerin Carola Reimann sieht nun so aus: Gegenwärtig gebe es einen Mehrbedarf an 350 Hausärzten in Niedersachsen. Wenn alle bisherigen Schritte mit Stipendien und Förderungen nicht vorhanden wären, läge der Bedarf bei 470 Hausärzten. Die jetzt schon wirkenden Lockmittel für junge Mediziner dürften sich in den kommenden gut zehn Jahren so auswirken, dass dann 740 Stellen besetzt werden können. Hinzu kämen Effekte über eine Erhöhung der Zahl der Studienplätze, die jedoch überschaubar sind. Der tatsächliche Mehrbedarf aber liege dann bei 2400 Hausärzten – und das sei nur ein Drittel dessen, was wirklich erforderlich sei. Die vom Ministerium vorgelegte Analyse dürfte die Diskussion über die Landarztquote in der Koalition neu beflügeln.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #217.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter