7. Jan. 2018
Finanzen

Wann läuft die Schuldenuhr endlich rückwärts? Koalition dämpft zu große Erwartungen

Das ist ein ungewöhnliches Zusammentreffen, das die CDU-Landtagsfraktion am Ende der vergangenen Woche organisiert hatte: denn die beiden Referenten waren unterschiedlicher Ansicht. Nebeneinander stellten sich der für Finanzen zuständige Fraktionsvize Ulf Thiele, bisher CDU-Generalsekretär, und der Landesvorsitzende des Bundes der Steuerzahler (BdSt), Bernhard Zentgraf, im CDU-Fraktionssaal den Fragen der Journalisten. Beide unterhielten sich über die Schuldenuhr, die seit rund 20 Jahren an diesem Ort hängt und die aktuelle Verschuldung des Landes anzeigt – es sind 61.280.198.052 Euro – kurz also: knapp 61,3 Milliarden Euro. Seit vergangenem Jahr steht die Uhr still, denn das Land weitet sein Kreditvolumen nicht mehr aus. Aber nun stellt sich die Frage: Wann beginnt man, die angehäuften Verbindlichkeiten zurückzuzahlen?

Nach Digitaloffensive noch Geld übrig?

Hier sind beide Protagonisten unterschiedlicher Ansicht. Thiele vertritt die Auffassung, der im Frühjahr zur Verabschiedung im Landtag anstehende Nachtragshaushalt biete noch keine Gelegenheit, in den Schuldenabbau einzusteigen. Noch müssten viele Verbindlichkeiten bezahlt werden, und die Befreiung der Eltern von Kindergartenbeiträgen habe man ebenso versprochen wie die Einstellung neuer Polizisten. Wenn man dann noch mehrere Notwendigkeiten abziehe, etwa höhere Überweisungen an die Kommunen, bleibe von den für 2018 erwarteten Steuermehreinnahmen kein Geld mehr übrig für die Tilgung. Es könne sein, dass aus den Überschüssen von 2017 nach Abzug der 500 Millionen Euro für die Digitalisierungsoffensive noch etwas übrig bleibe für die Schuldentilgung – aber das stehe frühestens im April fest, dann sei der Nachtragshaushalt (nach den bisherigen Regierungsplänen) schon vom Landtag verabschiedet. Also sei der Schuldenabbau nichts, was schon mit dem Nachtragshaushalt angepackt werden müsse, betonte Thiele. Wenig später kam die gleiche Botschaft in etwas anderen Worten von der SPD-Finanzpolitikerin, der früheren Kultusministerin Frauke Heiligenstadt. Lesen Sie auch:   Für Zentgraf vom Steuerzahlerbund war das schon ungewöhnlich, war er doch früher stets im CDU-Fraktionssaal auf Politiker gestoßen, deren Linie mit seiner übereinstimmten. Diesmal widersprach der BdSt-Vorsitzende: Er verstehe nicht, dass seit Jahren die Steuereinnahmen kräftig wachsen, um rund eine Milliarde Euro jährlich, ständig würden auch Haushaltsüberschüsse vermerkt. Aber für die Tilgung fehle angeblich immer das Geld. Tatsächlich müssten sich die Beitragsfreiheit in den Kindergärten, neue Polizisten und Investitionen für den Breitbandausbau einerseits nicht mit der Schuldentilgung andererseits widersprechen. „Man könnte ja Subventionen und Finanzhilfen überprüfen, Stellen in der Landesverwaltung abbauen und leistungsfähigere kommunale Gebietskörperschaften schaffen“, meint Zentgraf, und er fügt hinzu: Bei den Beamtenpensionen könne man mit dem „Nachhaltigkeitsfaktor“ eine Grenze einziehen. Im Übrigen fordere er, die Personalausgaben in den Ministerien nicht ausufern zu lassen – also vor allem nicht im Wirtschaftsministerium, das neue Leute für die Digitalisierung haben wolle, und im Regionalministerium, das einen neuen Verwaltungsstab benötigt. „Der Finanzminister sollte neuen Stellen nur zustimmen, wenn im Gegenzug andere Stellen wegfallen“, fordert Zentgraf. [caption id="attachment_29818" align="alignnone" width="585"] Bernhard Zentgraf (l.) und Ulf Thiele sind sich nicht einig über den Schuldenabbau. Foto: Wallbaum[/caption]

Drei Länder nehmen noch Kredite auf

Thiele sieht sich genötigt, hier zu widersprechen: Ohne neue Stäbe sei etwa die Digitalisierung nicht zu meistern – und die CDU wolle, dass erst anschließend die Landesverwaltung „zentral überprüft“ werde, also nachgeschaut werde, wo Stellen abgebaut werden können und sollen. „Verwunderlich“ ist diese zurückhaltende Einschätzung der Christdemokraten aus Sicht von Zentgraf, denn immerhin seien doch schon mehrere andere Bundesländer weitaus mutiger in diesen Fragen. Bayern wolle 2018 sogar 1,5 Milliarden Euro tilgen, sieben weitere Länder würden einen ähnlichen Kurs einschlagen, wenn auch verhaltener. Nur Rheinland-Pfalz, Saarland und Bremen nähmen noch neue Kredite auf. Der Bund der Steuerzahler halte es auch für klug, in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen wie derzeit den Schuldenberg abzutragen – denn nur bei geringen Zinsänderungen drohen sonst dem Landesetat erheblich höhere Zinsausgaben. Ein Ende der Niedrigzinsphase könne den Finanzminister in arge Probleme stürzen – und diese könnten umso geringer sein, je mehr Kredite wieder zurückgezahlt worden sind. Unterstützung erhält Zentgraf übrigens von der Landtagsopposition: „Es ist verantwortungslos, jetzt nicht in den Schuldenabbau zu investieren. Die CDU hat hier jeglichen Gestaltungswillen aufgeben“, rügt Christian Grascha (FDP). Stefan Wenzel (Grüne) meint: „Die Haushaltspolitik der Landesregierung entwickelt sich offensichtlich zu einer Schwachstelle.“

"Traumhafte Situation" ist vorbei

Die wunderbaren Bedingungen des vergangenen Jahres jedenfalls, die jede Verschuldung sogar in gewissen Maßen belohnt haben, müssen auch nicht ewig wirken: Mitte 2017 teilte das Finanzministerium noch mit, wegen der „negativen Zinsen“ bei der Aufnahme neuer Kredite sogar Geld verdient zu haben, von Januar bis Juni 2017 waren es 15,6 Millionen Euro. Allerdings, heißt es, ist diese traumhafte Situation schon nicht mehr aktuell. Man spüre allenthalben, dass die Zinsschraube anziehe, die „negativen Zinsen“ dürften daher über kurz oder lang der Vergangenheit angehören. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #3.
Klaus Wallbaum
AutorKlaus Wallbaum