24. Feb. 2020
Soziales

Warum bei der Planung neuer Kliniken großer Zeitdruck herrscht

Von Martin Brüning In Niedersachsen wird es in den kommenden Jahren zahlreiche Großbaustellen geben. Landauf, landab entstehen neue Zentralkliniken. Am Standort Georgsheil soll ein neues Krankenhaus die Standorte Aurich, Emden und Norden ersetzen. Im Heidekreis will man bis Ende des Jahres mit der Standortsuche für ein neues Gesamtklinikum fertig sein, das die Krankenhäuser Soltau und Walsrode ersetzen soll. Und auch der Kreis Diepholz will die Standorte Bassum, Diepholz und Sulingen zu einer Zentralklinik zusammenfassen. Insgesamt laufen landesweit neun Projekte für neue Zentralkliniken, es geht immer um dreistellige Millionenbeträge. Die niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG) rechnet damit, dass weitere Projekte hinzukommen. Die Planungen sind in jedem Einzelfall komplex, zugleich tickt aber die Uhr. Denn es geht nicht allein um Gelder des Landes und der Kommunen, sondern auch um Mittel aus dem Strukturfonds des Bundes, aus dem ebenfalls Krankenhausinvestitionen gefördert werden, wenn die Länder in gleicher Höhe kofinanzieren. 355 Millionen Euro können daraus bis Ende 2022 beantragt werden – wenn die einzelne Projekte bis dahin auch alle Unterlagen zusammen haben, damit das Sozialministerium diese beim Bundesamt für Sozialversicherungen in Bonn einreichen kann. Für Claudia Schröder, Leiterin der Abteilung Gesundheit und Prävention, ist das Ziel klar: „Wir werden keine Mittel aus dem Strukturfonds liegen lassen“, sagt sie dem Politikjournal Rundblick.

Das Jahr 2022 hört sich noch weit entfernt an, das ist es bei so großen Neubauprojekten aber gar nicht.


Der Strukturfonds setzt die Krankenhausträger in den Regionen unter Zeitdruck. Bereits im Dezember hatte Boris Robbers, im Ministerium zuständig für die Krankenhäuser, im Sozialausschuss des Landtags daran erinnert. „Das Jahr 2022 hört sich noch weit entfernt an, das ist es bei so großen Neubauprojekten aber gar nicht“, sagte der Klinikexperte. Die Auswahl zur Förderung könne sich am Ende auch über die Schnelligkeit und Prüffähigkeit der Planung neu sortieren. Das meint auch Helge Engelke, Verbandsdirektor der NKG. Er sieht die Träger, die mit ihren Planungen schneller vorankommen und diese bereits zum Beispiel Ministerium und Krankenkassen präsentieren können, im Vorteil. Denn rein rechnerisch ist klar: Nicht alle neun Projekte werden von den Strukturfonds-Mitteln profitieren können. Ob am Ende aber wirklich so etwas wie ein „Windhund-Verfahren“ den Ausschlag geben wird, lässt sich noch nicht abschätzen. https://www.youtube.com/watch?v=g6hJtQY7w0c Bei der Planung einer neuen Klinik sind allerdings gleich mehrere Abschnitte äußerst zeitkritisch. Die intensiven Gespräche mit der Bevölkerung vor Ort haben viele Träger bereits hinter sich. Sie können Kraft rauben, sind nach Ansicht von Robbers aber dringend erforderlich. „Es ist wichtig, frühzeitig alle Beteiligten mitzunehmen“, erklärt er dem Rundblick. Im Moment läuft die Phase, in der ein Grundstück gesucht oder geprüft wird. „Die Vorlaufzeiten zur Auswahl um zum Erwerb eines Grundstückes sind durchaus länger“, so Robbers. Immerhin geht es immer um mehrere Hektar, die für einen solchen Bau geeignet sein müssen. Die Träger vor Ort müssen sich mit der Raumordnung abstimmen, außerdem spielen zum Beispiel der öffentliche Personennahverkehr und die generelle Erreichbarkeit des Neubaus eine wichtige Rolle – all das sind Punkte, die zeitintensiv werden können und bei denen es immer wieder auch Rückschläge geben kann. Ist die Grundstückfrage geklärt, geht es um die Prüfung der planerischen und baulichen Bedarfe durch das Sozialministerium und dann um die Erstellung der „Haushaltsunterlage Bau“. Diese wird benötigt, um die Förderfähigkeit festzustellen und die erforderliche Kofinanzierung der Bundesmittel in Höhe von 50 Prozent aus Landesmitteln zur Verfügung zu stellen. Bei der Erstellung und Prüfung der HU-Bau werden die Träger von Experten des Landesamts für Bau und Liegenschaften (NLBL) unterstützt. Es geht um Fragen der Architektur, und der technischen Umsetzung des Projekts. Ziel ist, dass am Ende ein genehmigungsfähiges Neubaukonzept steht, welches die besonderen Bedarfe der zukünftigen Krankenhausversorgung berücksichtigt. Für Grundstückssuche und Erstellung und Prüfung der HU-Bau ist ein Zeitfenster von mindestens 18 Monaten zu veranschlagen: Daraus wird deutlich, dass der Krankenhausplanungsausschuss das Gros der fertigen Unterlagen im Laufe des Jahres 2022 auf den Tisch bekommen wird. Wer besonders schnell ist, schafft es vielleicht bis 2021.Weil es um Geld aus dem Strukturfonds geht, der sich auch aus Mitteln des Gesundheitsfonds der Gesetzlichen Krankenkassen speist, müssen  diese jedem einzelnen Antrag vorab förmlich zustimmen. Das Bundesversicherungsamt selbst prüft primär nach formalen Kriterien.

Wir brauchen dringend einen weiteren Strukturfonds.


Und was kommt  nach dem Jahr 2022? Claudia Schröder meint, dass sich der Bund auch in den Folgejahren an Kosten für Krankenhausinvestitionen beteiligen muss. Grund dafür ist nicht nur ein Sanierungsstau in einzelnen Häusern, sondern auch die bundesweit anstehenden Änderungen in der Krankenhausstruktur. „Der Bund hat am Ende auch eine Verantwortung für die Versorgung“, so Schröder. Auch NKG-Direktor Engelke sieht den Bund in der Pflicht. „Wir brauchen dringend einen weiteren Strukturfonds“, sagt er dem Rundblick. Allerdings sollte man seiner Meinung nach bei  einem neuen Fonds die Bewertungsrundlagen noch einmal prüfen. Der aktuelle Fonds sei sehr auf Schließungen von Krankenhäusern fokussiert. Sinnvoll sei, auch Fusionen zu ermöglichen und die Themen Abbau und veränderte Organisation noch einmal neu zu definieren.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #036.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter