10. März 2019
Parteien

Weil beim Frauenkongress der SPD: Bei uns werden Teilzeitkräfte zu schlecht beurteilt

Der internationale Frauentag ist gerade vorüber – ist nun ein Jahr Ruhe mit den Rufen nach mehr Rechten für Frauen in der Politik, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft? Keineswegs, meint Niedersachsen-SPD. Ihr Landesvorsitzender, Ministerpräsident Stephan Weil, hat sich beim ersten „Frauenkongress“ der Sozialdemokraten am Sonnabend in Hannover klar zu gesetzlichen Regelungen bekannt, mit denen der weibliche Anteil an den Parlamentariern erhöht werden soll. Zugleich zeigte er sich unzufrieden mit der Benachteiligung von Frauen in der Wirtschaft und auch in der Landesverwaltung. Zur Unterstützung hatte die SPD ihre prominenteste Kämpferin für mehr Frauenrechte nach Hannover geholt, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey Auch in der SPD ein ungewohntes Bild: In die Aula des Schulzentrums in Hannover-Mühlenberg, frisch saniert zu der Zeit von Stephan Weil als hannoverscher Oberbürgermeister, drängen sich 250 Frauen. Jüngere und ältere sind dabei, frühere Landesministerinnen neben Studentinnen und Schülerinnen. Zum ersten Mal hat die Niedersachsen-SPD alle weiblichen Mitglieder zu einer zentralen Veranstaltung eingeladen, die Resonanz ist viel größer als erwartet. Im Mittelpunkt sollen die „Mentoren-Teams“ stehen – Duos aus je einer erfahrenen SPD-Frau und einer jüngeren, die an die Politik herangeführt werden soll, Fallstricke kennenlernen und Möglichkeiten nutzen soll. Als die Vize-Landesvorsitzende Petra Tiemann gerade zur Eröffnung auf dem Podium spricht, unterbricht lauter Alarm ihre Rede, eine Stimme fordert die Anwesenden in dauernder Schleife 30 Minuten lang monoton zum Verlassen des Saales auf. Eine technische Panne, wie sich zeigt, gleichzeitig ein einprägsamer Auftakt des Tages. https://twitter.com/SPDNDS/status/1101082958734204929 Wenig später ist der Ehrengast an der Reihe. Franziska Giffey wird mit ihrer stets freundlichen, frischen und zupackenden Art von manchen in der SPD für die nächste Leitfigur der Partei gehalten, und vor den Frauen in Hannover gelingt es ihr dann auch mit ihrem schnellen und schwungvollen Vortrag, ein bisschen Berliner Schnauze und einigen eingestreuten Scherzen rasch, die Zuhörerinnen zu begeistern. Am Ende stehen alle auf und klatschen. Giffey ist hier ganz klar der Star des Tages. Sie ist eine Mischung auf der leidenschaftlichen, teils schnodderigen Regine Hildebrandt und der schneidigen und zielsicheren Ursula von der Leyen. Die Berliner Ministerin lästert über die Probleme, die Frauen selbst in der SPD haben: „Wenn man gewählt wird, dann meistens zur Kassiererin. Das Amt will keiner haben – und man wird es, wenn man es bekommt, eigentlich auch nicht wieder los.“ Die Frauen müssten in den Parteien und Parlamenten wesentlich gestärkt werden, und das gehe nur mit Beharrlichkeit („Wenn einem ein Amt angeboten wird, muss man zugreifen“) und auch mit Unterstützung von Männern. Einige hätten die Bedeutung des Themas schon erkannt, bei anderen dauere es noch länger. Giffey befürwortet eine gesetzliche Regel für Unternehmensvorstände, Frauenförderpläne zu entwerfen – und wer das nicht tue, solle über das Handelsgesetzbuch zu einer Strafzahlung verpflichtet werden. Engagement in der Politik koste die Frauen viel Zeit, Kraft und Nerven – aber es lohne sich. Wie vor 100 Jahren, als das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, sei für die anstehenden Reformen auch ein Zusammenwirken von bürgerlichen und linken Frauen unbedingt erforderlich, sagte die Bundesministerin.

Wenn man gewählt wird, dann meistens zur Kassiererin. Das Amt will keiner haben – und man wird es, wenn man es bekommt, eigentlich auch nicht wieder los.


Ministerpräsident Weil sieht auch in Niedersachsen für Frauen erhebliche Nachteile. So betrage der Lohnunterschied bei gleichen Aufgaben oft mehr als 20 Prozent – „das wirft einen Schatten auf unser Land“. Bei den Karrieren würden Frauen viel zu oft an eine „gläserne Decke“ stoßen, also in ihren Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt werden. Der Regierungschef erkennt auch in den Behörden große Defizite. „Unübersehbar“ sei beispielsweise, dass Teilzeitkräfte in der Landesverwaltung in der Regel deutlich schlechter beurteilt werden als Vollzeitkräfte. Da aber die mit Abstand meisten Teilzeitkräfte Frauen seien, laufe dies auf eine Schlechterstellung der weiblichen Mitarbeiter hinaus. „Dieses zu ändern wird eine echte Verpflichtung sein müssen“, betonte der Ministerpräsident. Weil befürwortet auch ein Paritätsgesetz, also die Einführung von Regeln, mit denen ein höherer weiblicher Anteil in den Parlamenten sichergestellt werden kann. „Ich bin nie ein Freund von Quoten gewesen, aber ich bin auch nicht blind. Die Lehre von Jahrzehnten ist, dass sich ohne äußeren Zwang nichts entwickeln wird.“ Die SPD habe zum Jahresauftakt ein Paritätsgesetz als Ziel beschrieben, nun wolle man sich ein Jahr Zeit nehmen, um daraus einen konkreten Vorschlag zu formen. Dafür wünscht sich der SPD-Landesvorsitzende ein „klares, offensives, selbstbestimmtes, forderndes und massenhaftes Auftreten von Frauen“.

Ein Fenster für Veränderung ist offen

Wie die verschiedenen Varianten des Paritätsgesetzes aussehen können, erläuterte Sozial- und Frauenministerin Carola Reimann. In Frankreich sei schon vor sieben Jahren ein Paritätsgesetz eingeführt worden – allerdings mit unterschiedlichen Erfahrungen. Für Kommunalvertretungen seien nur Kandidatenlisten von den Behörden angenommen worden, auf denen sich weibliche und männliche Bewerber strikt abwechseln. Folglich sei der Frauenanteil in den Räten auch bei knapp 50 Prozent. In der Nationalversammlung wurde die Paritätsregel eingeschränkt, als Sanktion für ein Unterschreiten der Quote bei den Kandidatenlisten gilt hier eine Kürzung der staatlichen Zuschüsse. Hier gebe es nur 25 Prozent Frauen. Viele Parteien hätten die finanziellen Einbußen hingenommen als Preis dafür, dass sich niemand in ihre Kandidatenaufstellung einmischt. Reimann selbst befürwortet hierzulande ein Modell, das je Wahlkreis zwei Abgeordnete vorsieht – einen Mann und eine Frau. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof habe zwar geurteilt, dass ein Zwang zum Paritätsgesetz aus dem Grundgesetz nicht abgeleitet werden könne – aber immerhin die Möglichkeit zu einer solchen Regel hätten die Richter eingesehen. In Rheinland-Pfalz werde noch ein anderer Weg probiert, dort soll zu jeder Liste einer Partei auf dem Stimmzettel angegeben werden, zu welcher Prozentzahl dort die Gleichberechtigung bei den Kandidaten erreicht wurde. „Für mich ist das so wie ein Wahlpranger“, sagt Reimann.
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Welcher Weg herauskommt, ist aus Reimanns Sicht noch unklar. Allerdings, betont die Ministerin, sei Politik immer das Nutzen guter Gelegenheiten zum passenden Zeitpunkt. „Jetzt ist ein solches Fenster für die Veränderung offen“, sagt sie. (kw)
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #046.
Martin Brüning
AutorMartin Brüning