31. Aug. 2021
Wirtschaft

Wenn der Kollege Computer übernimmt: Vor allem industrielle Kerne müssen auf der Hut sein

Die Wissenschaftler sprechen leicht verbrämt von „Substituierbarkeitspotenzial“. Etwas schlichter könnte man auch vom Risiko sprechen, dass viele Tätigkeiten des eigenen Arbeitsplatzes über kurz oder lang vom Computer übernommen werden können. Eine neue Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die gestern in Hannover vorgestellt wurde, beschreibt diese Entwicklung für Niedersachsen – und kommt dabei zu einer unterschiedlichen regionalen Verteilung. Am ausgeprägtesten ist die Wahrscheinlichkeit einer raschen Technisierung von Berufsfeldern in den „industriellen Kernen“, also Gegenden mit einem hohen Industrieanteil oder mit massenhaften Routinearbeiten. Ganz vorn ist dabei die Stadt Salzgitter, aber auch in den Städten Emden und Wolfsburg, in den Kreisen Wesermarsch und Vechta, Emsland, Grafschaft Bentheim, Diepholz, Verden, Nienburg, Holzminden und Oldenburg sind die Aussichten auf Umstellung überdurchschnittlich hoch. Wesentlich geringer trifft das für Regionen zu, die vorwiegend von Fremdenverkehr und kleinen mittelständischen Betrieben geprägt sind – also im Kreis Goslar, in Ostfriesland, in den Kreisen Cuxhaven, Lüneburg, Uelzen, Peine und Gifhorn und in der Lüneburger Heide. Hier sind vorwiegend Branchen aktiv, in denen menschliche Tätigkeit noch unersetzbar scheint.

Die Prozentzahlen geben an, wie viele der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im jeweiligen Kreis oder in der jeweiligen Großstadt von der möglichen Ablösung ihrer Arbeitsplätze durch Computer betroffen sind. Je dunkler die Farbe, desto größer die Betroffenheit. - Grafik: Bundesagentur für Arbeit

Wie einer der Autoren der Studie, Martin Wrobel, erläuterte, gibt es jedoch einen allgemeinen, sich verstärkenden Trend zum Roboter. Das klassische Beispiel sei der Lagerist, der bisher mit dem Gabelstapler durch die Fabrikhallen gefahren ist und Fertigungsteile verteilt hat. In vielen Fällen würden solche Arbeiten inzwischen von Computern übernommen, und manche Arbeitgeber nähmen davon nur dann Abstand, wenn eine solche Technisierung zu teuer würde oder die Maschinen nicht die geforderte Flexibilität gewährleisteten. Wrobel ging auf die Frage ein, warum einige Regionen ein besonders hohes Potenzial auf weitere Umstellungen auf Computer haben. Im Raum Vechta und Emsland mit Massentierhaltung und Fleischverarbeitung würden immer noch sehr viele Routinetätigkeiten von Menschen ausgeführt, in der Wesermarsch, Wolfsburg, Salzgitter prägten viele Großunternehmen die Wirtschaft. Oft rechne sich da der stärkere Maschineneinsatz noch nicht. In Bremen liege das Potenzial für Umschwung auf Computer niedriger, da es hier viele Softwareentwickler gebe – und die ließen sich schwer durch Maschinen ersetzen.

Nach den Worten von Johannes Pfeifer, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, müssten sich Menschen heute stärker aus eigenem Antrieb zur Weiterbildung und Aneignung neuer Qualifikationen aufraffen, da sich mit dem Computereinsatz ihre Tätigkeiten verändern werden und ihnen dann plötzlich Flexibilität abverlangt werden könnte. Laut der IAB-Studie ist inzwischen jeder dritte Arbeitsplatz in Niedersachsen in der Weise betroffen, dass dort bis zu 70 Prozent der Tätigkeiten durch technische Lösungen ersetzt werden können. Zwischen 2013 und 2016 gab es zunächst ein starkes Wachstum des Potenzials für Computer-Einsatz bei den Helfer- und Facharbeiterberufen. Zwischen 2016 und 2019 zeigte sich dann ein Wandel – stärker waren nun Berufe betroffen, die mehr Spezialwissen verlangten. Das zeigt laut IAB-Forscher Wrobel die Fähigkeit der Technik, immer kompliziertere Arbeiten zu übernehmen und dort den Menschen zu ersetzen. Nach derzeitigem Stand seien eine Million Arbeitnehmer in Niedersachsen in Bereichen mit einem sehr hohen Potenzial an Technisierung tätig (gegenüber 420.000 vor acht Jahren). Laut Wrobel muss das aber keine Angst machen, denn es gebe zum einen viele Gründe, warum das Potenzial an Technisierung gar nicht von den Unternehmen genutzt werde. Wenn es zum anderen aber zum Computereinsatz komme, sei das für manche Firmen auch eine Chance: Sie könnten Produkte günstiger herstellen, mehr verkaufen und florieren. Sie könnten auch Produktion aus dem Ausland zurückholen, da das Argument der günstigeren Lohnkosten nicht mehr ziehe.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #150.
Niklas Kleinwächter
AutorNiklas Kleinwächter