Zwischen dem Humboldt-Forum im wiedererrichteten Berliner Stadtschloss und dem Auswärtigen Amt am Werderschen Markt liegen nur wenige hundert Meter. Beide Gebäude trennt ein Kanal, der Kupfergraben, der von Brücken überspannt wird. Die Wege sind kurz hier in Berlin-Mitte. Eine, die diese Verbindung zwischen dem diplomatischen Zentrum der Bundesrepublik und dem Vorzeigeobjekt neuer Museumskultur noch kürzer werden lässt, ist Katja Keul (Grüne). Vor fast zwei Jahren ist die Niedersächsin zur Staatsministerin bei der Bundesministerin des Auswärtigen ernannt worden – so der offizielle Titel für das, was man sonst „parlamentarische Staatssekretärin“ nennt.
Keul, die aus dem Landkreis Nienburg kommt und seit 2009 für die niedersächsischen Grünen im Bundestag sitzt, hat in ihrer neuen Funktion nun die Aufgabe, den Kontakt zwischen Ministerin Annalena Baerbock und dem Parlament zu organisieren, sie vertritt auch ihre Chefin und übernimmt eigene Aufgaben im Haus. So ist sie als Staatsministerin im Auswärtigen Amt für die Themen Afrika, Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit, Abrüstung sowie die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik zuständig. Keul knüpft also nicht nur Verbindungen über den Kupfergraben hinweg, sondern auch ins 9000 Kilometer entfernte Tansania.

Lang mag die deutsche Kolonialgeschichte nicht gewesen sein, wenngleich nicht unbedingt weniger blutig als die Kolonialzeit anderer Nationen. Keine 40 Jahre hat sich das Deutsche Reich im Wettstreit um die Besiedelung, Unterwerfung und Ausbeutung entlegener Winkel der Welt bemüht. In seiner weitesten Ausdehnung umfasste der deutsche Einflussbereich die damaligen Einheiten Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Neuguinea, die Marshall-Inseln, Kiautschou, Karolinen, Palau und die Marianeninseln sowie die Samoa-Inseln – immerhin ein Gebiet, das heute die Staaten China, Burundi, Ruanda, Tansania, Namibia, Kamerun, Gabun, Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Nigeria, Togo, Ghana, Papua-Neuguinea und mehrere Inseln im Westpazifik und Mikronesien berührt.
In den 1880ern begann die Okkupation dieser Regionen, die 1919 nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag aus dem deutschen Herrschaftsgebiet wieder herausgelöst wurden. Vielleicht auch wegen dieses überschaubaren Zeitraums spielte die koloniale Vergangenheit Deutschlands in der öffentlichen Wahrnehmung bislang kaum eine Rolle. Vielleicht aber auch, weil man sich mit dem, was die eigenen Vorfahren im zeitweise immerhin drittgrößten Kolonialreich nach dem britischen und dem französischen getan haben, nicht auseinandersetzen wollte. Inzwischen ändert sich das mancherorts, was sich beispielhaft auch daran zeigt, dass man nun seit Kurzem in Hannover am Grabstein des Kolonisten Carl Peters auf dem Engesohder Friedhof, an dem der Satz steht „Er erwarb Deutsch-Ostafrika für sein Vaterland“, auch eine Informationstafel zu seinem brutalen Vorgehen finden kann.

Weitere bedeutende Orte für diese lang unterdrückte Auseinandersetzung sind nun auch die Museen. Das Berliner Humboldt-Forum mit seinen gigantischen ethnologischen Sammlungen bildet gewissermaßen das Flaggschiff der sogenannten Provenienzforschung, dem wissenschaftlich fundierten Versuch, die Ursprünge und verschlungenen Wege der in den Museumskatakomben mitunter gut versteckten Kulturgüter zu ergründen. An den meisten Exponaten der ethnologischen Museen unter dem Dach des Humboldt-Forums findet man nun ausführlicher Informationen über die Herkunft und die koloniale Vergangenheit der Objekte. Herausgefordert sind allerdings alle: Unzählige Artefakte, Kunstschätze und Kultgegenstände befinden sich in den Archiven, Sammlungen und Depots der Museen im ganzen Land.
In Niedersachsen hat man sich deshalb längst im Forschungsverbund „Paese“ (Postcolonial Provenance Research in Lower Saxony) zusammengetan, um sich gemeinsam mit jenen Gegenständen auseinanderzusetzen, bei denen nicht ganz klar ist, wie sie ihren Weg nach Niedersachsen gefunden haben. Häufig genug wollte man das früher gar nicht so genau wissen. Mittlerweile ist das Bewusstsein für die eigene koloniale Vergangenheit, und wenn sie noch so kurz gewesen sein mag, allerdings erwacht. Und damit auch ein Bewusstsein für die Gräueltaten, die von den Kolonialherren verübt worden sind. Sträubten sich Museen in Deutschland in der Vergangenheit vehement dagegen, Kunstschätze an ihre ursprünglichen Besitzer (oder deren Nachfolger) zurückzugeben, hat sich inzwischen ein regelrechter Hype darum entwickelt. Es gehört zum guten Ton, die Herkünfte der Schätze zu erforschen und im Idealfall etwas feierlich zurück zu überführen. Das prominenteste Beispiel der jüngeren Zeit: die Benin-Bronzen aus dem Humboldt-Forum. In Niedersachsen gab es etwa einen Altar, der ebenfalls aus Benin kam.
Kunstgegenstände sind allerdings nicht alles, was in den Sammlungen schlummert. Nach einer Umfrage vom vergangenen Jahr befinden sich auch rund 14.000 menschliche Überreste in deutschen Museen und Universitätssammlungen, hauptsächlich Schädel, wie man im Auswärtigen Amt im Gespräch mit Staatsministerin Katja Keul erfahren kann. Große Bestände gebe es auch in Niedersachsen, vor allem in Göttingen, aber auch in Braunschweig, Hildesheim und Oldenburg. Die menschlichen Gebeine, die identifiziert werden konnten, sollen nun zurückgegeben werden. Man sei hierzu im Gespräch unter anderem mit Tansania, berichtete Staatsministerin Keul. Im damaligen Deutsch-Ostafrika hat es seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder regionale Aufstände der lokalen Bevölkerung gegeben.
Den unrühmlichen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen im Juli 1905 mit dem sogenannten Maji-Maji-Aufstand, der Ende August desselben Jahres von den kolonialen Truppen niedergeschlagen wurde. Die Aufständischen wurden inhaftiert, zu Zwangsarbeit verurteilt oder ermordet. Die Rückgabe dieser „human remains“, wie es international heißt, sei „noch wichtiger als die Rückgabe von Kulturgütern“, sagte Keul. Besonders sei daran vor allem, dass es sich teilweise um Überreste von Nationalhelden handle, die von deutschen Kolonialherren hingerichtet wurden. Das ist ein „Trauma, das darauf wartet, aufgearbeitet zu werden.“ Meldeten sich nun Urenkel der Nationalhelden und fordern die Gebeine zurück, dann sei es „beschämend“, dass man hier noch nicht weitergekommen ist, erklärte die Staatsministerin.

So einfach ist das nämlich nicht. Die Museen seien zwar „offen und bereit“ zur Rückgabe, wenn Forderungen an sie gerichtet werden, sagte Keul. Doch nicht selten ist die Rückgabe der Museumsbestände ein politisch heikles Unterfangen, diplomatisches Fingerspitzengefühl ist gefragt. Bei deutschen Institutionen gebe es einen großen Rückgabewillen, erklärte Staatsministerin Keul. Teilweise haben diese die Behörden von Herkunftsländern schon vor Jahren über Ergebnisse der Provenienzforschung informiert und Rückgaben angeboten, erhielten aber keine Antworten. Daher sei es wichtig, Gespräche von Regierung zu Regierung zu führen, um Rückgaben zu ermöglichen. Die Regierung von Tansania habe nun immerhin erklärt, einen Ansprechpartner zu benennen. So geht es langsam voran bei der diplomatisch-kulturellen Annäherung zwischen der Bundesrepublik und Tansania, mehr als 100 Jahre nachdem das Deutsche Reich seine Kolonien hat abtreten müssen.
Gleichzeitig muss auch vor Ort darauf geachtet werden, dass der Hype um die Aufarbeitung nicht abebbt. Die finanzielle Förderung für das „Paese“-Netzwerk in Niedersachsen laufe nämlich bald aus. Keul, die das Netzwerk „vorbildlich“ findet, zeigte sich jedoch „optimistisch, dass die Landesregierung Niedersachsens Wege finden wird, die Provenienzforschung fortzuführen.“ Sie stellte fest: „Das Bewusstsein ist da.“


