Neue strategische Ziele
Dass EWE in dieser Debatte mal eine Schlüsselrolle übernehmen könnte, war zwar bisher nicht absehbar und ist schon überraschend. Aber der Konzern ließ trotzdem vor Monaten bereits aufhorchen, in anderer Hinsicht. Die Wahl eines neuen Minderheitsaktionärs kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr hatte Spekulationen belebt, der Oldenburger Konzern könne neue strategische Ziele anpeilen. Dazu muss man wissen, dass der Energieversorger sich schon lange nicht mehr nur als Energieversorger sieht, sondern als wichtiger Baustein in der Finanzierung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur im Versorgungsgebiet – das ist die Ems-Weser-Elbe-Region mit dem Oldenburger Land und den Bereich um Bremen, der sich Zug um Zug nach Osten ausweitete. Die Geschäfte von EWE reichen bis nach Brandenburg und in Teile Polens. 74 Prozent der Eigentümer sind niedersächsische Kreise und aus dem Weser-Ems-Raum und dem Hamburger Umland. Da EWE traditionell immer darauf bedacht war, nicht nur im eigenen kommunalen Saft zu schmoren, gab es stets auch eine Minderheitsbeteiligung. Sie liegt bei 26 Prozent, ist also mit Sperrminorität ausgestattet. Der Minderheitsteilhaber hat damit die Chance, gegen strategische Weichenstellungen sein Veto einzulegen. Anders ausgedrückt: Die Mehrheit muss ihn stets beteiligen und einbinden. https://www.youtube.com/watch?v=7ZWHidiGsSE&t=8s Über die Jahre hat der Minderheitsteilhaber öfter gewechselt, es waren mal E.on, die Preußen-Elektra und die EnBW in Baden-Württemberg, die eine Über-Kreuz-Beteiligung an Verbundnetz Gas Leipzig sicherstellte. EnBW schied wieder aus, die EWE-Mehrheitseigentümer übernahmen Teile davon zunächst – und dann kam in der Adventszeit 2019 die große Überraschung: Neuer Minderheitseigentümer wird der französische Finanzkonzern Ardian – der sich bisher weniger im Energiesektor und mehr als Finanzierer von Flughäfen, Autobahnen, Parkhäusern und Elektromobilität hervorgetan hatte. Immerhin hat Ardian den Ruf, ein strategisches Interesse mit seinen Beteiligungen zu verfolgen. „Das ist eine Blaupause für die Beteiligung dieses Konzerns ans kommunalen Energieunternehmen“, sagt EWE-Sprecher Christian Blömer auf Anfrage des Politikjournals Rundblick. Da Ardian das Geld von Finanzanlegern verwaltet und vermehrt, kann diese Beteiligung auch als ein Schritt verstanden werden, privat angehäuftes Kapital für öffentliche Investitionen nutzbar zu machen. Das ist allerdings, muss hinzugefügt werden, die Sichtweise aus einer Zeit vor Beginn der Corona-Krise. In der Nach-Corona-Zeit sind womöglich, je nach Ausprägung der Wirtschaftskrise, neue Weichenstellungen nötig. Sehr zufrieden mit der Entwicklung zeigt sich der Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke aus dem Kreis Harburg, der Vize-Vorsitzender des EWE-Aufsichtsrates ist.Zweifel am neuen Partner aus Frankreich
Möglich wäre etwa, EWE als umfassenden Dienstleistungsanbieter für alle Haushalte zu etablieren, denn schon seit mehr als 20 Jahren bietet das Unternehmen über EWE-Tel auch Telefondienstleistungen an. Wenn dann im Norden Niedersachsens am Ende Strom, Gas und Telekommunikation von EWE angeboten werden, kann das ein Modell für die Zukunft sein. Von geplanten Milliardeninvestitionen in den kommenden zehn Jahren gemeinsam von Telekom und EWE ist die Rede. Dem Oldenburger Konzern kommt dabei zugute, dass er anders als Wettbewerber keine Altlasten in Form von Kernkraft- und Kohlekraftwerken mit sich herumschleppt, außerdem ist das gesamte Stromnetz unterirdisch verlegt – trotz der Dezentralität im Weser-Ems-Raum und im Hamburger Umland ist die Infrastruktur schon heute vergleichsweise weit gediehen.
Es gibt auch Kritiker der EWE-Strategie, die den neuen Partner Ardian eher skeptisch beäugen – beispielsweise der Oldenburger Rechtsanwalt und Linken-Ratsherr Hans-Henning Adler. Er sei nicht sicher, sagt Adler gegenüber dem Politikjournal Rundblick, ob Ardian nicht irgendwann kurzfristige Renditeerwartungen über strategische Ziele stelle. Das Interesse der Kommunen als Haupteigentümer sei es aber, mit langfristigen Investitionen eine dauerhaft günstige Energieversorgung sicherzustellen. „Deshalb wäre es vielleicht besser gewesen, den Minderheitsanteil in Streubesitz zu verwandeln, damit der kommunale Einfluss nicht gefährdet wird“, sagt er. (kw)

