
Um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen, fordern die niedersächsischen Ingenieure eine stärkere Fokussierung auf den Umbau. „Wir müssen mehr mit dem Bestand machen, da liegt ein ungeheures Potenzial. 80 Prozent unserer Bauwerke sind bis 1990 errichtet worden“, sagte Prof. Martin Betzler am Dienstag beim Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen. Der Kammerpräsident und Hochschulprofessor aus Buxtehude betonte, dass es deutlich sinnvoller sei, den Bestand zu sanieren als die Standards beim Neubau immer höher zu schrauben. Wie schon andere Vertreter der Bau- und Wohnungsbranche forderte auch Betzler die Einführung einer Umbauordnung für Niedersachsen, um solche Sanierungen zu vereinfachen. Bislang gibt es in Niedersachsen nur eine Bauordnung, weshalb bei einem Umbau die gleichen Standards wie bei einem Neubau gelten.
Insbesondere die Vorgaben bei Schallschutz, Abstandsregelungen oder Parkflächen würden Modernisierungen aber unnötig erschweren und ausbremsen. „Wir müssen schneller bauen“, forderte der Experte für Tragwerksplanung. Zudem sprach er sich für einen strengeren Berufsrechtsvorbehalt für Ingenieure aus, sodass nur noch qualifizierte Experten für Bauprojekte verantwortlich sein dürfen. Wozu nicht qualifizierte Planungen führen können, würden etwa die Probleme beim Berliner Hauptstadtflughafen, der Einsturz des Kölner Stadtarchivs oder der Zusammenbruch der Eislauf- und Schwimmhalle Bad Reichenhall deutlich machen.

Betzler forderte insgesamt mehr Bautätigkeit in Deutschland. „400.000 Wohnungen sind ein gutes Ziel. Man muss aber auch den Weg dahin aufzeigen“, kritisierte der Kammerpräsident. Ansonsten könne man ebenso gut eine Mondreise planen, ohne eine Rakete zu haben. „Wir müssen die Eigenheimquote verbessern, die liegt in Deutschland nur bei 49 Prozent. In Europa sind wir damit ziemlich weit hinten“, sagte Betzler. Gleichzeitig müsse aber auch dringend die Infrastruktur auf Vordermann gebracht werden.
Der Finanzierung durch öffentlich-private Partnerschaften (PPP) erteilte Betzler dabei eine Absage. „PPP-Projekte sind niemals günstiger, weil der Betreiber kein Interesse hat, die Straße oder das Bauwerk nach 30 Jahren im besten Zustand zu übergeben.“ Außerdem führte Betzler den Einsturz einer Autobahnbrücke bei Genua im August 2018 mit 43 Todesopfern an, die von einer privaten Betreiberfirma nicht ausreichend instand gehalten worden war. Beim Thema Klimaschutz räumte der Kammerpräsident zwar ein, dass der deutsche Beitrag im Vergleich zu USA, Brasilien, China und Indien eher überschaubar ist. Als Vorbild könne jedoch auch Deutschland eine wichtige Rolle spielen. „Wenn nicht wir, wer dann?“, fragte Betzler.

„Wer sich den Sanierungsbedarf im Wohnungsbestand anschaut, der weiß, dass hierauf der Fokus liegen muss“, bestätigte auch Wirtschafts- und Bauminister Olaf Lies. Dabei gelte es aber, die richtige Balance zwischen Standards und vernünftigen Preisen zu finden. „Normen machen uns besonders. Andere müssen sich danach richten, was wir vorgeben“, lobte der SPD-Politiker die Deutschen Industrie-Normen (DIN). In der Bauwirtschaft sei der deutsche Normierungsdrang jedoch ein großer Nachteil und habe zu Wildwuchs geführt. Beim Bauen gebe es inzwischen mehrere Standards, die sich gegenseitig widersprechen.
Lies hielt an dem Ziel fest, pro Jahr mindestens 4000 neue Wohnungen in Niedersachsen zu schaffen. Der Bauminister warnte außerdem davor, den Fehler der Flüchtlingskrise 2015 zu wiederholen, als fast überall im Land provisorische Notunterkünfte in Containern oder Hallen aufgebaut wurden anstelle von nachhaltigem Wohnraum. Auch die Sanierung der Infrastruktur soll künftig viel schneller ablaufen, wenn es nach Lies geht. Vor allem der im Prinzip gleichwertige Ersatzneubau, wie etwa bei der Friesenbrücke über die Ems bei Weener, müsse deutlich vereinfacht werden.

Der Wirtschaftsminister betonte aber auch: „Ohne Fachkräfte wird das nicht gehen.“ Lies wies darauf hin, dass der Bau des LNG-Terminals Wilhelmshaven nicht etwa durch einfachere Verordnungen in Rekordzeit möglich wurde. „Wir haben das materielle Recht nicht verändert, wir haben nur ein bisschen die Antragszeiten verkürzt“, sagte der SPD-Politiker. Den entscheidenden Unterschied habe der intensivere Personalaufwand gemacht, was zu einer besseren Abstimmung zwischen Planern und Genehmigungsbehörden geführt habe. Die Ingenieurberufe sieht der Wirtschaftsminister im Wettbewerb der Fachkräftegewinnung dabei gut aufgestellt. „Ich bin dankbar, dass wir in Deutschland starke Kammern haben, die wichtige Aufgaben der Selbstverwaltung wahrnehmen“, sagte Lies und lobte die bisherige Praxis bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen aus dem Ausland. „Wir dürfen die Gesamtqualifikationen nicht infrage stellen“, mahnte der Wirtschaftsminister. Außerdem dürfe die qualifizierte Zuwanderung nicht an der Sprache scheitern.



