400.000 neue Wohnungen pro Jahr hat die Ampelkoalition zum Amtsantritt versprochen. Seit Sommer 2022 rückt dieses Ziel jedoch immer weiter in die Ferne. Hohe Baukosten, Materialmangel, Fachkräftemangel am Bau und zunehmend schlechtere Finanzierungsbedingungen führen dazu, dass immer weniger Wohnhäuser in Deutschland gebaut werden. Die Zahl der Baugenehmigungen für Ein- und Mehrfamilienhäuser ist um ein Viertel eingebrochen, für Zweifamilienhäuser sogar um die Hälfte. Angesichts dieser „Talfahrt, die gerade gefährlich an Tempo zulegt“ fordern Architekten, Bauverbände, Mietervertreter und Wohnungswirtschaft eine „neue und attraktivere Förderkulisse für den Neubau“. Das Bündnis aus 30 Organisationen und Verbänden hält eine Verzehnfachung der Förderung auf mindestens 10 Milliarden Euro für dringend nötig.

Bei der Bundesregierung stoßen die Branchenverbände aber offenbar auf taube Ohren. Anstatt überhaupt mehr Neubauprojekte möglich zu machen, zieht die Ampelkoalition lieber das Verbot von Öl- und Gasheizungen vor und schafft damit neue Hürden für den Neubau. Diese Pläne werden nicht nur von CDU und CSU scharf kritisiert, sondern stoßen auch in der Baubranche auf Skepsis. Die Zweifel daran, dass die Bundesregierung bei der Wärmewende im Gebäudesektor die richtigen Weichen stellt, mehren sich. Handwerk und Baubranche kritisieren die Fokussierung auf Heizungsaustausch als nicht praktikabel und teilweise sogar als kontraproduktiv. Und auch die Energiewirtschaft hält es für problematisch, dass neue Heizungen plötzlich nur noch mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien und Abwärme erlaubt sein sollen.
Die Ampelregierung hatte erst Ende März einen Kompromiss bei der umstrittenen Reform des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) verkündet, wonach der Einbau von reinen Gas- und Ölheizungen bereits ab Januar 2024 verboten wird. Statt mit fossilen Brennstoffen sollen Neubauten dann nur noch mit Fernwärme, Stromdirektheizungen und elektrischen Wärmepumpen beheizt werden. Bei Sanierungen sind außerdem noch Heizungen mit Biomasse (Holz, Pellets) und erneuerbaren Gasen (Biomethan, grüner Wasserstoff) sowie Hybridheizungen (Wärmepumpe plus Gas- oder Öl-Brennwertkessel) erlaubt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck versicherte zwar, dass der Einbau von klimafreundlichen Heizungen nicht zur Überlastung der Bürger führen werde. Ob er dieses Versprechen erfüllen kann, ist jedoch völlig offen.
"Mein Ziel ist, dass Menschen mit unteren oder mittleren Einkommen nicht mehr für eine Wärmepumpe bezahlen müssen als für eine Gasheizung. Das heißt, sie brauchen noch höhere Zuschüsse."
Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister
Der Grünen-Politiker will vor allem die bisherige Bundesförderung für Wärmepumpen von bis zu 40 Prozent noch großzügiger gestalten. „Mein Ziel ist, dass Menschen mit unteren oder mittleren Einkommen nicht mehr für eine Wärmepumpe bezahlen müssen als für eine Gasheizung. Das heißt, sie brauchen noch höhere Zuschüsse“, sagte Habeck. Das Geld dafür will er aus dem Klima- und Transformationsfonds nehmen, in dem für die Steigerung der Energieeffizienz an Gebäuden grundsätzlich fast 14 Milliarden Euro vorgesehen sind. Der Koalitionspartner meldet jedoch Bedenken an. „Die Möglichkeiten der Förderung durch den Staat sind begrenzt“, stellte Bundesfinanzminister Christian Lindner in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ klar. „Wir arbeiten gerade an einem Förderprogramm, das beachtlich sein wird. Allerdings darf man nie vergessen, dass es am Ende immer die Steuerzahler sind, die dafür aufkommen“, sagte der FDP-Chef.
Die Firma Bosch Thermotechnik beziffert die Kosten für den Austausch einer Gasheizung auf 8000 Euro aufwärts. Für eine Luftwärmepumpe werden laut dem größten europäischen Heizungsanlagenhersteller mit allem Drum und Dran zwischen 15.000 und 23.000 Euro fällig. Eine Erdwärmepumpe kostet sogar zwischen 19.000 Euro (oberflächennahe Erdkollektoren) und 30.000 Euro (Tiefenbohrung). „Wir erwarten, dass die Preise in den nächsten Jahren deutlich runter gehen werden, mit der Massenproduktion wird der Preis sinken“, zeigt sich Habeck allerdings optimistisch, ohne diese Hoffnung näher zu begründen. Auch der aktuelle Lieferstau von teilweise ein bis zwei Jahren für eine Wärmepumpe beunruhigt den Bundeswirtschaftsminister nicht.
„Es ist richtig, dass wir lange Lieferzeiten haben. Aber die Unternehmen ziehen gerade mächtig an mit der Produktion“, sagte Habeck. Auf dem Wärmepumpengipfel habe die Branche zugesagt, dass 2024 mindestens 500.000 Wärmepumpen jährlich hergestellt werden. Bei einem Bedarf von etwa 600.000 neuen Heizungen pro Jahr hält Habeck diese Menge für ausreichend, da ja auch noch andere Heizungssysteme eingebaut würden.

Bei der Heizungsbranche klingt das allerdings etwas anders. „Wir können nicht einfach ad hoc Regularien festlegen, die die Maßnahmen und Möglichkeiten total verengen. Das Ergebnis sieht man derzeit in den Reaktionen der Bürger, die in erster Linie bei uns im Handwerk ankommen“, ärgerte sich Helmut Bramann vom Zentralverband „Sanitär Heizung Klima“ (ZVSHK) vergangene Woche bei einer Anhörung im Energieausschuss des Bundestags zum neuen Gebäudeenergiegesetz. Das Verständnis der Bürger für die von der Politik angeordnete Klimaneutralität beim Heizen sei begrenzt. „Wir spüren derzeit eine sehr große Verunsicherung bei den Kunden, denn die Nachfrage nach Öl und fossilen Brennstoffen hat allgemein dramatisch zugenommen“, berichtete Bramann.
Außerdem werde die Wärmewende nicht nur von Lieferengpässen ausgebremst, sondern auch von langen Bearbeitungszeiten der Förderanträge. Die durchschnittliche Genehmigungsdauer für Förderanträge beim zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) liege bei 113 Tagen. Bramann spricht sich deswegen für einen zeitlich gestreckten „Modernisierungsfahrplan“ aus, „um eine Überhitzung des Marktes und Fristversäumnisse durch Lieferengpässe und den wachsenden Fachkräftemangel zu vermeiden“. Der Vertreter der Sanitärbranche bezeichnete es zudem als „Rückschritt“, bei der Verbesserung der Energieeffizienz nur auf den Einsatz von erneuerbaren Energien zu schauen. Andere Modernisierungsmaßnahmen, die von der Verfügbarkeit von teurem Biostrom unabhängig sind, würden im Gebäudesektor deutlich größere CO2-Einsparungen ermöglichen.

In diese Richtung argumentiert auch Jan Peter Hinrichs, Geschäftsführer des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG). Angesichts von 21 Millionen energetisch schlecht sanierten Gebäuden in Deutschland sei es unsinnig, überall nur noch mit Ökostrom zu heizen. Rund 30 Prozent der Wohngebäude zählten zu den schlechtesten Effizienzklassen G und H, wo ein Großteil der teuren Energie wirkungslos verpuffen würde. „Wenn die Politik nicht eine Verbrauchsreduzierung in ihre Strategie der Wärmewende verankert, läuft das Land ungebremst in ein Szenario, in dem viele Menschen sich ein warmes Gebäude nicht mehr werden leisten können“, warnte Hinrichs. Den „fuel switch“ von den fossilen Brennstoffen hin zu den erneuerbaren Energien zu vollziehen, ohne dabei die Reduktion des Primär- und Endenergieverbrauchs in den Mittelpunkt politischer Maßnahmen zu stellen, bezeichnete er als Fehler.

„Es gilt als ausgeschlossen, dass Altbauten ohne drastische Senkung des Heizwärmebedarfs überwiegend mit Elektro-Wärmepumpen effizient und kostengünstig versorgt werden können“, bestätigt auch Prof. Lamia Messari-Becker von der Universität Siegen. „Nur strombasierte Lösungen helfen nicht weiter“, betont die Expertin für Gebäudetechnologie, die ebenfalls „soziale Verwerfungen“ befürchtet. Deswegen seien Übergangs- und Härtefallregelungen etwa für Gasetagenheizungen in Wohneigentümergemeinschaften, bei altersbedingt erschwerter Kreditvergabe und für Haushalte mit geringem Einkommen nötig. Zudem bemängelte Messari-Becker, dass der Fachkräftemangel von der Bundesregierung nicht ausreichend genug berücksichtigt werde. Schon heute würden in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik etwa 41.000 Monteure fehlen und es gebe mehr Renteneintritte als Berufsanfänger. Selbst wenn man jetzt ein Aufbauprogramm für diese Berufe starte, könne man damit nur schwer die Probleme und Nachfragen ab 2024 adressieren.

Deutliche Kritik am GEG-Entwurf der Bundesregierung übt auch die Energiewirtschaft. „Eine erfolgreiche Strategie darf nicht von der Angebotsseite, nicht von den Fanclubs einzelner Technologien ausgehen, sondern von den Bedürfnissen und der Zahlungsfähigkeit der Kunden“, sagt Matthias Dümpelmann, Geschäftsführer der 8KU GmbH, einem Zusammenschluss von Enercity und den Wärmeversorgern aus sieben weiteren deutschen Großstädten. „Die Belastung der Stromnetze durch einen unüberlegten Ausbau von Wärmepumpen ist problematisch“, stellt Dümpelmann mit einem Verweis auf eine um 30 Gigawatt höhere Spitzenlast fest.

Der Einsatz von Wärmepumpen dürfe deswegen nur „möglichst differenziert geschehen“, auch weil der hohe Strombedarf von Wärmepumpen im Winter dazu führen könne, dass mehr Strom aus fossilen Quellen erzeugt werden muss. „Erschwerend kommt hinzu, dass im GEG-Entwurf unrealistische Vorstellungen hinsichtlich der Dekarbonisierungsgeschwindigkeit von Fernwärmenetzen formuliert werden“, bemängelt der 8KU-Geschäftsführer. Gleichzeitig bleibe die Frage, wie diese Wärmenetze auch mithilfe von Bundesförderung umgerüstet werden können, weitgehend ungeklärt.



