(rb) Es war nicht das erste Mal, dass Innenminister Boris Pistorius angesichts der wachsenden Zahl von Todesopfern im Straßenverkehr die im europäischen Vergleich viel zu niedrigen Bußgelder für überhöhte Geschwindigkeit oder auch das zu dichte Auffahren von Autos und Lastern kritisierte und eine spürbare Erhöhung dieser Strafzölle forderte. 1000 Euro für Raser, das ist in der Tat eine Ansage, selbst wenn diese Preise in manchen Nachbarländern längst gelten. Neu ist allerdings die heftige und zum Teil unangemessen aggressive Reaktion der Kritiker einer solchen Stoßrichtung, die auf den Minister nun niedergeprasselt ist.
Jede Menge Freiheitskämpfer sind offenbar auf den Straßen unterwegs, die das Recht auf die eigene Höchstgeschwindigkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben, das aber bezahlbar bleiben sollte, wenn man erwischt wird. Ein echter Kerl, der seine ganze Persönlichkeitsstruktur daran ausrichtet, wie schnell sein Auto ist, fährt eben nicht 100 km/h, wenn es verlangt wird. Das tun nur Warmduscher und sonstige Luschen. Man wird ja durch die albernen Verkehrsschilder praktisch gezwungen, die Vorschriften zu übertreten. Und ehe sich Pistorius versieht, ist das ganze Unterfangen ein Verstoß gegen die soziale Gerechtigkeit und bringt so manche Familie an den Bettelstab, mindestens aber um den fahrbaren Untersatz, den man sich bei solchen Bußgeldern einfach nicht mehr leisten kann. Wer so oder so ähnlich gegen den Innenminister wettert, muss sich fragen lassen, wie denn die Menschen in Österreich oder in Skandinavien eigentlich ein Auto finanzieren können, wo die Verstöße gegen Raserei oder auch gegen das Gassebilden für Einsatzwagen auf der Autobahn so extrem teuer werden können. An sich ist die Antwort ganz einfach: Sie halten sich an die Vorschriften. Tut in Wahrheit gar nicht weh, kommt einem nur so vor.
Wer wissen will, wie das in der Praxis geht, sollte einmal die Autobahnen in Österreich befahren, ein Land, an dem sich Pistorius bei seinem Vorstoß orientiert hat. Wann man von der deutschen Autobahn mit all seinen Dränglern und sonstigen Helden der Straße kommt und dann die Grenze ins Nachbarland überschreitet, wird es auf einmal ganz entspannt. Alle fahren mit derselben Geschwindigkeit, die dort auf 130 km/h begrenzt ist, es gibt dadurch so gut wie keine Staus, und die mitgebrachte Aggressivität löst sich allmählich in Wohlgefallen auf.
Zurück nach Deutschland. Kein Autofahrer wird sich ernsthaft sorgen müssen, dass sich die Vorschläge aus Niedersachsen zur Anpassung des Bußgeldkatalogs an das europäische Ausland in der Innenministerkonferenz durchsetzen lassen. Solange dort alle zusammenhalten und sich zu Pistorius verhalten wie die hiesige Opposition zwischen „vollkommen unangemessen“ (Verkehrsminister a.D. Jörg Bode) und „ziemlich bekloppt“ (CDU-Fraktionschef Björn Thümler), wird wohl alles bleiben, wie es ist. Denn für die Politik sind Autofahrer bzw. Autofahrerinnen, die in dieser Frage oft auch nicht besser sind als ihr männliches Pendant, vor allem eines: Sie stellen einen großen Teil der Wählerschaft. Und die will niemand verärgern. azDieser Artikel erschien in Ausgabe #115.