24. Juni 2016
Archiv

Zum Tage: Zensurengerangel

(rb) Anfang Juni hat das niedersächsische Kultusministerium sang- und klanglos mit einer untergesetzlichen Regelung einen weiteren rotgrünen Bildungsbaustein zementiert: Mit dem neuen Zeugniserlass können die Gesamtkonferenzen der Grundschulen jetzt entscheiden, ob sie nicht nur in den ersten beiden, sondern auch im 3. und 4. Jahrgang auf Ziffern in den Zeugnissen verzichten wollen und statt dessen Lernberichte ausgeben. Kurz vor Beginn der Sommerferien hat das nach entsprechenden Medienberichten erneut Wellen geschlagen, obwohl das Vorhaben der Koalitionäre längst bekannt war und auch bereits im Schulgesetz steht. Möglicherweise wissen aber nicht alle Mamas und Papas, ob an der Schule, die sie für ihre Kinder ausgesucht haben, sich die Leitung, die Lehrkräfte, möglicherweise auch die Mehrheit der Elternvertreter/innen bereits entschieden haben, während der gesamten Grundschulzeit Abschied von Zensuren zu nehmen. Das wäre natürlich blöd für Eltern, die überhaupt keine Freunde von Lernberichten sind, sondern Noten viel besser finden. Keine Probleme haben dagegen Mütter und Väter, die von Anfang an in die Schulzeit ihrer Kinder mit der Überzeugung gestartet sind, dass Schule in erster Linie Spaß machen, also auf keinen Fall durch konkurrenzfördernde, oft ungerechte Leistungsbewertungen in Zahlen belastet werden soll. Deren Kinder gehen in der Regel auf eine Waldorfschule oder eine Gesamtschule. Hier gibt es mindestens bis einschließlich Klasse 8 keine abgestuften Zensuren im herkömmlichen Sinne von 1 bis 6, also eindeutige Bewertungen von „sehr gut“ bis „ungenügend“, die in Deutschland seit 1938 Usus sind. Die Diskussion um Sinn und Unsinn von Zensuren bzw. Lernberichten ist nicht gerade neu, hat dafür aber etwas von Glaubenskrieg. Befragt man Zweitklässler/innen dazu, sagen diese fast einstimmig, dass sie es nicht erwarten können, endlich „richtige Noten“ zu bekommen, um mit ihren Klassenkameraden zu wetteifern. Außerdem lässt sich mit Einsen und Zweien besser Zeugnisgeld bei Eltern, Tanten und den Großeltern abstauben, die mit Textbausteinen oft wenig bis gar nichts anfangen können. Die kindliche Maxime, schneller laufen und weiter springen zu können, aber auch bessere Noten haben zu wollen als die Tischnachbarin, ist eine ganz falsche Triebfeder, sagen die Noten-Gegner/innen. Außerdem diskriminieren Ziffern die nicht so guten Schüler/innen, engen sie ein, zerrütten die jugendliche Psyche. Das trifft für A-, B-, C-Bewertungen oder für die selbst in Lernberichten auftauchenden kritischen Anmerkungen, hier und dort doch bitte künftig mehr zu tun, natürlich nicht zu. Wie auch immer sich die Mehrheit der Gesamtkonferenzen an den niedersächsischen Schulen künftig zu Noten stellen wird – spätestens beim Umzug in ein anderes Bundesland, bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle oder beim Kampf um den begehrten Studienplatz sind sie entscheidend. Das lässt sich natürlich ändern, indem sich jeder Betrieb, jede Hochschule eigene Eignungs- und Leistungsüberprüfungen ausdenkt und am Ende danach auswählt – in Teilen ist das bereits Realität. bri
Dieser Artikel erschien in Ausgabe #121.
admin
Autoradmin