(rb) Es sagt sich so leicht: Wenn die Bauern weniger Kühe halten würden, wäre die gegenwärtige Überproduktion von Milch schon bald Geschichte, und die landwirtschaftlichen Erzeuger könnten endlich mit steigenden und auskömmlichen Preisen für ihren Rohstoff rechnen. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Einhergehend mit dem Auslaufen der europaweit geltenden Milchquotenregelung im Jahr 2015 und der Hoffnung auf steigende Absätze haben viele Landwirte kräftig investiert, für viele Millionen Euro neue Ställe gebaut und ihre Kuhbestände aufgestockt. Im Ergebnis liefern sie bei den Molkereien mehr Milch ab, was zu einem Überangebot auf dem Markt führt. Und weil zugleich die Absatzmärkte in Russland und China immer schwieriger geworden sind, regelte der Markt schließlich den Preis: Statt der betriebswirtschaftlich erforderlichen 40 Cent pro Liter Milch zahlen viele Molkereien heute 20 Cent und weniger.
Die Milchbauern trifft diese Entwicklung ins Mark. Sie müssen Kredite für ihre Investitionen in die Kuhbestände bedienen und sehen jetzt hilflos mit an, wie der Milchmarkt sich zu ihren Ungunsten neu sortiert und sie dabei auf der Strecke bleiben. Der eine oder andere Bauer verkauft Kühe, reduziert damit seine Tierzahl und liefert weniger Milch ab. Doch das können sich die wenigsten Milchviehhalter leisten.
Unterdessen verschärft der Einzelhandel die Situation. Mit Aldi hat vor wenigen Tagen einer der ganz großen Discounter den Preis für den Liter Trinkmilch massiv nach unten korrigiert, um fast 25 Prozent von 59 auf 46 Cent. Die Verbraucher dürfen sich freuen: So billig war Vollmilch schon sehr lange nicht. Vor gut vier Jahren kostete der Liter fast 40 Cent mehr. Da war für die Milchbauern die Welt noch in Ordnung.
Während Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer sich dazu versteigt, öffentlich Notprogramme zur Rettung der Milchviehhalter zu fordern, geben immer mehr Milchbauern das Geschäft mit der Milch komplett auf, lösen ihre Kuhbestände auf, schaffen ihre Tiere zum Schlachter und lassen die teuren Ställe verwaisen. Ihre bislang größtenteils für den Anbau von Futtermais genutzten Ackerflächen werden anderweitig genutzt, verpachtet oder schlimmstenfalls sogar verkauft. Die Kaufinteressenten stehen Schlange. Ackerland war noch nie so begehrt. Diese Entwicklung ist zum Teil wohl ganz im Sinne des Ministers, der schon seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 dafür eintritt, die Zahl der Nutztiere in seinem Bundesland zu verringern.
Übergangsweise gewährte Ausgleichszahlungen für Bauern, die weniger Milch abliefern, als sie tatsächlich könnten, würden zwar die gröbste Not lindern helfen und sind nach dem Gesetz sogar zulässig. Aber woher soll das Geld kommen? Der Bund macht keine Anstalten, den Bauern finanziell zur Seite zu springen. Der Handel ebenfalls nicht. Ein gesellschaftlicher Rückhalt für einen solchen Einsatz von Steuergeldern dürfte verschwindend gering sein.
Marktexperten machen den Landwirten derweil Hoffnung auf eine steigende Nachfrage nach Milch und Milchprodukten. Sollten sie mit dieser Einschätzung richtig liegen, wäre für die Milcherzeuger möglicherweise etwas Licht am Ende des Tunnels zu erwarten. Aktuell ist die Nachfrage zumindest in Deutschland bereits leicht gestiegen. Das könnte allerdings an den derzeit niedrigen Preisen im Handel liegen. Butter, Quark, Käse und andere Milchprodukte sind immer erschwinglicher geworden. Doch ist es fraglich, ob von dieser Entwicklung die Milchbauern möglichst rasch und unmittelbar profitieren werden. Noch sitzen die Profiteure nicht auf dem Melkschemel, sondern eher in den Führungsetagen der Handelsunternehmen.
Die betroffenen Landwirte halten noch still. Hier und dort gab es Proteste, Trecker-Demonstrationen und Blockaden vor Discountern oder Molkereien. Mehr nicht. Schließlich wollen es sich die Landwirte nicht mit den Verbrauchern verderben. Da nehmen sie es offensichtlich eher hin, dass es in ihrer Branche zu einem Strukturwandel kommt, der persönliche Opfer verlangt. Sollten die Zeiten wieder besser werden, wie es die Marktexperten vorhersagen, dürfte es für viele Bauern jedoch zu spät sein. An ihre Stelle werden dann größere Gesellschaften getreten sein, die branchenfremden Investoren gehören. So wird die Milch zum Spielball vermögender Anleger. Der Bauer, der einst der Herr auf der eigenen Scholle war, wäre dann Geschichte. stuDieser Artikel erschien in Ausgabe #88.