Unser Leitgedanke lautet, dass die Sozialpflege nicht vom Rest der Wirtschaft abgekoppelt werden darf.
Rundblick: Zwischendurch hatte der Ministerpräsident Zwang angedroht. Das scheint nun nicht mehr nötig zu sein…
Loth: Der Druck ist hoch, aber ich sehe bei den Beteiligten auch guten Willen. Wir haben auf dem Pflegekongress im Oktober 20 Maßnahmen beschlossen und achten nun darauf, dass diese möglichst auch in den Verhandlungen festgelegt werden. Unser Leitgedanke dabei lautet, dass die Sozialpflege nicht vom Rest der Wirtschaft abgekoppelt werden darf – das darf kein Bereich werden, von dem es heißt: Geh‘ dort lieber nicht hin, dort herrschen schlechte Arbeitsbedingungen!
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Rundblick: Irgendwann geht es auch um die Frage, wieviel Geld für die Pflege bereitsteht und wer dafür finanziell aufkommt…
Loth: Wir haben derzeit noch keinen Grundkonsens darüber, was wir dafür einsetzen wollen. Mit Blick auf die Altenpflege heißt das: Wie gestalten wir die letzten Meter des Lebens? In den vergangenen Jahren ist mit großem Aufwand viel geschehen zur Verbesserung der frühkindlichen Bildung, angefangen von beitragsfreien Kindergärten bis hin zu besonderer Förderung. Jetzt sollten wir den Fokus stärker richten auf die letzte Phase – und dort geht es um nicht mehr und nicht weniger als um die Menschenwürde. Die häusliche Pflege ist längst nicht mehr selbstverständlich, und wo sie geleistet wird, sind es zu 95 Prozent Frauen, die das tun. Ein neuer Gesellschaftsvertrag wird nötig für die stationäre und die ambulante Pflege. Wir müssen abwägen: Was muss aus der Pflegeversicherung aufgebracht werden, was kommt aus dem Steuertopf, was muss aus dem Vermögen des Gepflegten beigesteuert werden und was tragen die Angehörigen? Wenn der Eigenanteil der Angehörigen zu groß wird, stiftet das gesellschaftlichen Unfrieden. Ein kluger Mix wird erforderlich sein.
Rundblick: Ein garantierter staatlicher Zuschuss bis zu einer bestimmten Höhe wäre keine gute Idee, oder?
Loth: Ja, eine Regel darf nicht zu verführerisch werden für die Anbieter, die dann Mittel und Wege finden, den größtmöglichen finanziellen Nutzen zu erzielen. Wenn der Staat alles zahlt, ist das auch keine gute Lösung.
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Rundblick: Sie haben mal erklärt, „das Haus der Pflege neu bauen“ zu wollen. Wie sieht das Fundament aus? Loth: Es geht um angemessene Bezahlung. Beim Caritas-Verband zahlen wir 3000 Euro brutto für alle, die mindestens fünf Jahre dabei sind. Das ist schon mal eine Ansage. Das Geld bekommen Männer wie Frauen, Altenpfleger wie Krankenpfleger. Wir brauchen auch von den Kassen das klare Bekenntnis, dass Tarife gegenfinanziert werden müssen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht allein die Fachkräfte – sondern es geht um das Team, um die Pflegehilfskräfte, die Raumpflegerinnen und die hauswirtschaftlichen Kräfte. Die Gefahr ist groß, dass diese Mitarbeiter, vorwiegend sind es Frauen, um bis zu 30 Prozent unter den üblichen Margen bezahlt werden. Das ist unwürdig. Rundblick: Welchen Änderungen erwarten Sie bei der angekündigten Änderung der Ausbildung? Loth: Ich befürchte, dass die Altenpflege dabei schlechter wegkommt als die Krankenpflege. Dabei ist die Altenpflege sehr viel anspruchsvoller, denn es geht bei ihr häufig um die Begleitung des Gepflegten im Sterbeprozess. Da sind viele Fähigkeiten und Kenntnisse gefragt.
Wenn die Politiker Entbürokratisierung versprechen, dann glaube ich das nicht mehr. Das Gegenteil kommt meistens heraus.
Rundblick: Viele meinen, die Bürokratie sei die größte Belastung für die Pflegekräfte.
Loth: Es ist unwürdig in einem demokratischen System, auf eine Misstrauenskultur zu setzen. Schauen wir uns den Wahnsinn an, dass 33 Prüfinstanzen in den Altenheimen im Osnabrücker Land durchlaufen werden müssen – diese Prüfer halten die Pflegekräfte von der Arbeit ab. Aber wenn dann in einem Heim etwas passiert, fängt sofort die Suche nach dem Schuldigen an. Aus Angst davor, irgendwann zur Verantwortung gezogen zu werden, wollen sich viele Menschen gegen alles Mögliche absichern und alles kontrollieren. Dabei endet das Leben doch sowieso totsicher mit dem Tod. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf ein Handeln nach Augenmaß. Und wenn die Politiker Entbürokratisierung versprechen, dann glaube ich das nicht mehr. Das Gegenteil kommt meistens heraus.
Rundblick: Womit treten Sie im Wettbewerb der Pflegeeinrichtungen auf?
Loth: Nichts gegen Wettbewerb – aber wir wollen diesen um die Qualität und nicht um den Preis. Es geht um Vertrauensbildung. Eine 90-Jährige im nördlichen Emsland hat nicht die Wahl, unter vielen verschiedenen Pflegeeinrichtungen in der Republik auszuwählen. Sie braucht eine gute Einrichtung in ihrer Wohnnähe. Sie ist keine Marktpartnerin, sondern sie ist auf die gute Arbeit ihrer 40-jährigen Pflegerin angewiesen. Auch wir kämpfen um gute Fachkräfte – und deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine offensive Werbekampagne gestartet. Wir stehen für überdurchschnittliches Gehalt, eine Menge Zusatzleistungen und vor allem für menschliche Werte – verbunden mit Weltoffenheit. Das haben viele von einem katholischen Verband nicht erwartet – und wir bekommen dafür gute Resonanz.

