24. Apr. 2023
Wirtschaft

Zwischen Überforderung und Zuversicht: Das lehrt uns die Hannover-Messe 2023

So viel Wende wie heute gab es noch nie: Industrie, Energieversorgung, Verkehr und Gebäudebestand müssen innerhalb nur noch weniger Jahre komplett CO2-frei werden. Gleichzeitig finden ein demografischer Wandel und ein geopolitischer Dogmenwechsel statt. Die Herausforderungen scheinen durch ihre schiere Masse und Gleichzeitigkeit geradezu unbeherrschbar zu sein. Das böse Wort mit „W“ wird in der öffentlichen Debatte wieder häufiger genannt: Deutschland droht Wohlstandsverlust. Und weil der Politik in der Situationsbeherrschung immer häufiger Versagen vorgeworfen wird, steigen die Erwartungen an Wissenschaft und Technik.

4000 Aussteller trafen bei der fünftägigen Hannover-Messe auf 130.000 Besucher aus aller Welt. | Foto: Link

Kann uns vielleicht der technologische Fortschritt sicher durch die Zeiten des Wandels bringen? Die Hannover-Messe 2023 hinterlässt in dieser Hinsicht den Beobachter zwiegespalten zurück. Die Weltleitmesse der Industrie zeigte zwar zahlreiche Einzellösungen für die Transformation zur klimaneutralen Gesellschaft. Wie man dieses Puzzle zu einem großen Ganzen zusammensetzen könnte, bleibt indes unklar.

Virtual Reality war auf der diesjährigen Hannover-Messe nur ein Randthema. Elektrisierung, Digitalisierung und Automatisierung standen im Fokus. | Foto: Link

„Mit den richtigen Technologien und Lösungen können wir auch die Industrien dekarbonisieren, in denen Emissionen schwer vermeidbar sind. Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung sowie Wasserstoff und seinen Derivaten kommen dabei Schlüsselfunktionen zu. Wärmepumpen und Carbon-Capture-Technologie werden ebenfalls eine Rolle spielen“, zeigte sich etwa Anne-Laure de Chammard zuversichtlich. Die für die Transformation der Industrie zuständige Konzernvorständin bei Siemens-Energy sagte aber auch: „Innovation allein ist nicht genug. Um das Problem wirklich anzugehen, brauchen wir Zusammenarbeit und Allianzen. Wenn weiterhin jeder für sich arbeitet, können wir zwar punktuell Emissionen abbauen. Aber nur wenn wir miteinander arbeiten und Wissen austauschen, werden wir echte Ergebnisse erzielen. Wir müssen die Innovationen so hochskalieren, dass sie wirklich einen Unterschied machen.“



Das ist Wasser auf den Mühlen von Messe-Chef Jochen Köckler. Was den Austausch zwischen Industrie, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft betrifft, sieht er das Ziel der Veranstaltung trotz weiterhin verhaltener Besucherzahlen erreicht. Von den in diesem Jahr 130.000 Besuchern (2019: 225.000 Besucher) sei fast die Hälfte aus dem Ausland nach Europa gereist, um sich über die aktuellen Industrietrends zu informieren. Top-Besucherländer seien nach Deutschland die Niederlande, China, Korea, Polen und die USA gewesen. Zudem hätten mehr als 100 politische Delegationen aus mehr als 50 Ländern die Hannover-Messe besucht. „Vertreter der europäischen Politik aus Brüssel waren so stark vertreten wie nie zuvor“, lautete das Fazit der Deutsche Messe AG.

Niedersachsen hat sich unter anderem auf einem Gemeinschaftsstand in Halle 16 präsentiert. | Foto: Link

Wie wichtig es ist, dass Industrie und Politik an einem Strang ziehen, machte Anke Hüneburg vom Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) am Beispiel der deutschen Stromversorgung deutlich. Politisch werde momentan eher der Fokus auf Erzeugung und Verbrauch gelegt. „Die Klimaschutzziele können jedoch nur erreicht werden, wenn auch die Netzinfrastruktur – das Klimaneutralitätsnetz – jetzt proaktiv spezifiziert wird“, betonte die ZVEI-Bereichsleiterin für Energie. In der Branche sei die Zielvorstellung der Ampel-Koalition noch ein Buch mit sieben Siegeln. Fest steht für Hüneburg aber, dass das Stromnetz der Zukunft viel flexibler sein muss, weil es statt einem „Top-Down-Ansatz“ mit wenigen Stromgroßproduzenten künftig die Verbindung von Millionen dezentralen Erzeugern und Verbrauchern sicherstellen soll. Laut einer aktuellen ZVEI-Studie des Beratungsunternehmens PwC wird es ab 2030 im deutschen Netz mindestens zwölf Millionen Wärmepumpen und 15 Millionen Ladestationen für Elektroautos geben.

„Netzausbau darf nicht nur ein Buzzword sein“, sagt Anke Hüneburg (ZVEI). | Foto: Link

„Es fehlt jedoch an den Rahmenbedingungen, um die dafür nötige Flexibilität bereitstellen zu können“, bemängelte die Expertin für Netzwirtschaft und sagte: „Die große Herausforderung ist die Digitalisierung der Netze, die vor allem in den unteren Spannungsebenen unzureichend ist.“ Sie warnte vor einem Defizit bei der Energieversorgung von bis zu 240 Gigawatt – sofern der zügige Umbau des Stromnetzes nicht gelingt. Sowohl Netzbetreiber als auch Politik forderte sie auf, nicht immer nur vom Netzausbau zu sprechen, durch den alles besser wird. In vielen Diskussionen sei das nicht mehr als ein „Buzzword“. Laut Hüneburg müsse das Motto vielmehr „Nova“ lauten: „Netz-Optimierung vor Netz-Verstärkung vor Netz-Ausbau.“ Die ZVEI-Bereichsleiterin sieht dabei die Politik unter Zugzwang. „Das Ganze wird nur funktionieren, wenn es Rahmenbedingungen gibt, die es für die Netzbetreiber interessant machen, in den Ausbau und neue Technologien zu investieren“, sagte Hüneburg.

Als größter Energietechnikkonzern in Deutschland wird die Energiewende für Siemens Energy ein lukratives Geschäft. | Foto: Link

Wie erfolgreich auch immer die Transformation des deutschen Stromnetzes verlaufen wird: Die Elektro- und Digitalindustrie blickt einer rosigen Zukunft entgegen. „Unsere Branche ist im Aufwind“, freute sich ZVEI-Präsident Gunther Kegel. „Die Messe bestätigt unseren Optimismus für die Elektro- und Digitalindustrie und unsere Prognoseerhöhung auf ein bis zwei Prozent reales Produktionswachstum für dieses Jahr“, berichtete der Vorsitzende des Ausstellerbeirats. Ähnlich positiv äußerte sich auch Thilo Brodtmann, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), dessen Industriezweig ebenfalls von der branchenübergreifenden Umstellung auf eine ressourcenschonende und effiziente Produktion profitieren dürfte.

Julia Hamburg (rechts) überreicht zusammen mit der Jury-Vorsitzenden Prof. Barbara Schwarze (Mitte) den "Engineer Powerwoman Award" an Christina Franke (links) von Bosch Rexroth. | Foto: Link

„Wir hatten selten ein Thema, das so gut läuft wie ‚Industrial Transformation‘“, berichtete Messe-Chef Köckler beim Niedersachsen-Abend am Stand der Salzgitter AG. Und auch Wirtschaftsminister Olaf Lies zeigte sich begeistert. „Es gibt eine positive Aufbruchstimmung auf der Hannover-Messe. Der Begriff der Transformation wird mit Leben gefüllt“, schwärmte der SPD-Politiker und interpretierte die Veranstaltung auch als Leistungsschau der niedersächsischen Industrie. „Es gibt hier hervorragende Beispiele von Unternehmen, die Arbeit, Klima und Wirtschaft gemeinsam denken und nicht nur die Klimaziele erreichen, sondern auch Beschäftigung sichern“, sagte Lies.

Ganz anders sieht das die AfD, die die Messe-Bilanz angesichts „stark rückläufiger Besucher- und Ausstellerzahlen“ im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit als „ernüchternd“ bezeichnete. Im Vergleich zwischen Deutschland und dem Partnerland Indonesien beobachtete AfD-Wirtschaftspolitiker Omid Najafi auf der Messe „eine dynamische, aufstrebende Wirtschaft auf der einen Seite, einen nahezu todgeweihten Gastgeber-Standort auf der anderen“.

Sind mit der Hannover-Messe zufrieden (von links): Volker Müller (UVN), Bernhard Brons (IHKN), Olaf Lies, Jochen Köckler und Gunnar Groebler (Salzgitter AG). | Foto: Link

Irgendwo zwischen Olaf Lies und Omid Najafi liegt die Sichtweise von Franzi Kühne. Die Mitgründerin der ersten deutschen Digitalagentur führt seit März 2022 den börsennotierten Schreibwarenhersteller Edding durch die digitale Transformation – in Teilzeit zusammen mit ihrem Kollegen Boontham Temaismithi. „Die Stabilität, die das Unternehmen jahrzehntelang geprägt hat, ist nicht mehr da“, berichtete die 40-jährige Digital-Vorständin beim Fachkongress „Women-Power“ auf der Hannover-Messe. Ein „transformationsunerfahrenes“ Unternehmen wie die Edding AG, das seit 1960 in Familienbesitz ist, stelle das vor große Herausforderungen.

„Die Mitarbeiterschaft ist nicht an Veränderung gewöhnt.“ Schon bei einer Umstrukturierung im Büro gerate so mancher Mitarbeiter völlig aus dem Häuschen, weil er plötzlich nicht mehr am Fenster sitzen darf. Um darauf zu reagieren, habe das Aktienunternehmen aus Ahrensburg (Schleswig-Holstein), das ein Logistikzentrum in Wunstorf (Region Hannover) betreibt, deswegen auch seine Personalpolitik angepasst: „Wir haben HR (zu deutsch: Personalpflege) in den Mittelpunkt aller Veränderung gestellt, um klar zu machen: Warum gehen wir diese Schritte und welche Rolle kommt jedem Mitarbeiter dabei zu.“

„Wir haben den Komfort-Sollwert in den deutschen Vorständen erreicht“, sagt Fränzi Kühne und fordert mehr Frauen in Spitzenjobs. | Foto: Link

Für Kühne zeichnet sich die Transformation nämlich vor allem durch eines aus: „Es bleibt unbequem.“ Zu ihrer Aufgabe als Chief Digital Officer (CDO) und Dax-Vorständin gehöre es auch, die Angestellten an diesen Dauerstand zu gewöhnen. „Es ist superschwierig, Menschen von der Erwartungshaltung weg zu kriegen, dass diese Unbequemlichkeit irgendwann vorbei ist“, sagte Kühne. Diese Geisteshaltung habe sich unter den deutschen Führungskräften aber noch nicht durchgesetzt.

„Ich bin umringt von Thomassen und Michaels, die sagen: Das haben wir immer so gemacht. Die Folge ist, dass es keinen Platz für Veränderungen und Ideen gibt. Überall ist gefühlt Stillstand“, ärgerte sich Kühne und warb für die Unbequemlichkeit, die eine Transformation mit sich bringt: „Das fühlt sich anderes an, ist aber auch nicht blöd. Es tut nicht weh, wenn man sich drauf einlässt.“

Lokalpatriotismus auf der Messe: Vorne präsentiert sich Hannover-Impuls, im Hintergrund „The Länd“. | Foto: Link
Dieser Artikel erschien am 25.4.2023 in Ausgabe #075.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link