Die Probleme sind inzwischen flächendeckend, und die Corona-Krise hat sie noch verschärft: In vielen Fußgängerzonen, vor allem in kleinen und mittelgroßen Städten, stirbt der Einzelhandel aus. Geschäfte stehen leer, Häuser werden nicht mehr bewohnt, der Verfall droht. Was tut man dagegen?
Das Ministerium für Regionales, Bundes- und Europaangelegenheiten hat Kommunalpolitiker und Wissenschaftler erneut zu einem Dialog eingeladen. Beispiele dafür, wie man als Stadtverwaltung vorgehen kann, lieferte Sabine Michalek, Bürgermeisterin der Stadt Einbeck. Die Stadt mit 31.000 Einwohnern ist bekannt für ihre Tradition und die geschlossene Innenstadt mit historischen Fachwerkgebäuden. Aber auch hier, sagte die Bürgermeisterin, häufen sich die Probleme – vielleicht nicht direkt in der begehrten Kernstadt, dem Ziel vieler Touristen, sondern zuerst in den Ortsteilen. Aber die besonderen Umstände Einbecks schlagen hier zu Buche.
„Die Stadt muss auf die Eigentümer zugehen, mit ihnen ins Gespräch kommen und Konzepte entwickeln.“
Was bei Einbeck hervorsticht, ist der alte Gebäudebestand. Das heißt aber auch, berichtete die Bürgermeisterin, dass viele Bewohner schon sehr alt sind. Sie bekommen zumeist keine Kredite mehr für größere Umbauten, da das Abtragen von Zins und Tilgung schlecht zu planen ist. Viele sind auch nicht gewillt, größere Veränderungen vorzunehmen. Wenn die Eigentümer nicht mehr dort leben, wird es meistens noch schwieriger. Oft sind schon Erbengemeinschaften in die Nachfolge eingetreten, wohnen weit weg und sind sich nicht einig. Michalek betont aber das erste und wichtigste Prinzip für ein gutes Nachnutzungskonzept: „Die Stadt muss auf die Eigentümer zugehen, mit ihnen ins Gespräch kommen und Konzepte entwickeln.“

Dass es viele verschiedene Fördertöpfe gibt, von denen viele im Regionalministerium verwaltet werden, werde vielen oft erst dann bekannt. Die Beratung der Eigentümer muss professionell und einfühlsam geschehen, und als Vorteil sieht Einbecks Bürgermeisterin, dass sich hier in Südniedersachsen fünf Fachwerkstädte zusammengetan haben – neben Einbeck sind es Northeim, Duderstadt, Osterode und Hannoversch Münden. Sie bilden das Fachwerk-Fünfeck. Diese „aufsuchende Ansprache der Eigentümer“ könne dann nachbarschaftliche Initiativen auslösen. Oft müssten auch nicht die Kommunen selbst die Initialzündung geben, eine aktive Bürgergesellschaft in der Stadt könne das mindestens ebenso gut tun.
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Wie Prof. Jan Polivka aus Dortmund erläuterte, der am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung aktiv ist, sind kleinere Städte oft deshalb noch besser dran als größere, weil die anonymen Investmentfonds, denen Gebäude gehören und die oft gar nicht bekannt oder erreichbar sind, hier seltener sind. Die größere persönliche Nähe zwischen Kommunalpolitiker und Bürger erleichtere eine Neuplanung. Als Vorteil sieht Michalek, dass in Einbeck solche Investmentfonds selten sind. Dem stehen einige Nachteile gegenüber: Die Fachwerkgebäude in Einbeck sind oft klein geschnitten, das schränkt Nachnutzungsmöglichkeiten ein. Gern würde sie in der Innenstadt einen Supermarkt schaffen – aber dann müssten die Erdgeschosse mehrerer benachbarter Gebäude verbunden werden. „Das hatten wir vor, es scheiterte aber an der fehlenden Einigkeit der Besitzer.“
Wenn Läden künftig nicht gebraucht werden, sollen verstärkt Wohnungen in die Räume kommen, auch Arztpraxen. Michalek denkt an einen Online-Service, der Waren verpackt und ausliefert – dafür könnten sich mehrere Einzelhändler im Ort zusammentun. Die Kostentreiber bei den Umbauten, berichtet Polivka, sind dann oft der Einbau von Küche und Bad in den Erdgeschossen. Das aber muss sein, wenn man barrierefreie Wohnungen schaffen muss, was in Einbeck bei der hohen Altersstruktur nah liegt. Die Bürgermeisterin berichtet, dass Investitionen der Stadt eine Initialzündung für umliegende Eigentümer sein könnten, diesem Beispiel zu folgen. Im Fall eines leerstehenden Geschäftes könne einer der ersten Schritte sein, die Schaufenster nicht nur auszuräumen, sondern diese vorübergehend zu nutzen beispielsweise für die Selbstdarstellung von Vereinen oder Initiativen.

Matthias Wunderling-Weilbier, Staatssekretär im Regionalministerium, wagt die These von der „Umkehr der Landflucht“: Das Wohnen in abgelegenen Orten werde – nicht zuletzt seit Corona – wieder attraktiver. Doch Prof. Polivka teilt diesen Optimismus nur eingeschränkt. Es seien vor allem ländliche Gegenden in der Nähe von größeren Städten, für die das zutreffe. Die Erreichbarkeit einer hohen Urbanität sei ein hohes Gut. Außerdem müssten Grundbedürfnisse der Infrastruktur, etwa ein funktionierendes Internet, unbedingt vollständig erfüllt werden können. Wo das nicht der Fall sei, könne der Niedergang kaum aufgehalten werden.


