5. Okt. 2026
TagesKolumne

In dubio pro Espresso

Politikerakten türmen sich, das Telefon läuft heiß. der Chefermittler braucht Urlaub – und vorher noch einen Espresso. Ein erfundener Bürotag bei der Staatsanwaltschaft Hannover.

Die Staatsanwaltschaft Hannover kommt nicht aus den Schlagzeilen: Korrupte Kollegen, Ermittlungen mitten im Kommunalwahlkampf und Hausdurchsuchungen bei Politik-Promis. Im Volgersweg ist die Hölle los. Aber wie sieht so ein typischer Tag in Hannovers umtriebigster Behörde eigentlich aus? Wir stellen uns einen Tag im Leben von Oberstaatsanwalt Weber vor. Den man erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe. Also haben wir es getan.

  • 07:45 Uhr: Oberstaatsanwalt Dr. Weber – Leiter der Abteilung für Politisches, Prominente und sonstige Problemfälle – schlurrt mit tiefen Augenringen in sein Büro. Nachdem er den blinkenden Anrufbeantworter gesehen hat, geht er erstmal zum Kaffeevollautomaten. Er drückt zweimal auf Espresso. Dann vorsichtshalber ein drittes Mal.


  • 08:17 Uhr: Der Praktikant kommt mit dem Postwagen und bringt einen XXL-Leitz-Ordner mit der Aufschrift „Politze“. Als er diesen zwischen die beiden Aktenberge „Krach“ und „Karst“ legt, droht die Statik des Echtholzschreibtisches zu kollabieren.


  • 9:21 Uhr: Weber stellt seinen fünften Kaffee des Tages auf den einzigen freien Quadratzentimeter des Schreibtischs. Die Tasse trägt die Aufschrift „Weltbester Ermittler“. Er dreht sie zur Wand. Zwischen den Akten liegt ein Urlaubsantrag. Weber erkennt ihn an der vergilbten Ecke.


  • 10:52 Uhr: Weber sieht im Augenwinkel, wie Aushilfsassessor Meier-Doppelbock eine Zeugenaussage mit einem roten SPD-Werbekugelschreiber abzeichnen will. Weber hechtet über seinen Schreibtisch und schlägt ihm das Ding in letzter Sekunde aus der Hand. „Bist du wahnsinnig?!“, keucht Weber, während der Stift im Mülleimer landet. „Wenn die Kollegin von der Korruptionsabteilung das sieht, haben wir hier den nächsten Ärger wegen Vorteilsnahme im Amt!“


  • 11:45 Uhr: Weber will noch schnell einen Eilantrag für die Landtagsverwaltung tippen, während parallel der Magen knurrt. Zehn Minuten später hält er den Ausdruck in der Hand und liest irritiert, was er soeben fast abgeschickt hätte: „Antrag auf Aufhebung der Immunität zwecks Beschlagnahme von 200 Gramm Mett, Stangensellerie und einer Packung Weichkäse.“


  • 12:30 Uhr: In der Kantine gibt es heute Rote Grütze, Grüne Soße, Schwarzwälder Kirschtorte und Blaubeer-Pfannkuchen. Weber traut sich nicht, eines davon zu bestellen, um in der Lokalpresse nicht als befangen zu gelten. Er isst trockenes Brot.


  • 14:17 Uhr: Der Pressesprecher der Behörde torkelt völlig verstört in Webers Büro. Er hat seit sechs Stunden ununterbrochen nur den einen Satz wiederholt: „Die Ermittlungen dauern an, es gilt die Unschuldsvermutung.“ Weber schiebt ihm stumm ein Glas Leitungswasser hin.


  • 16:45 Uhr: Eine Mail zur Nachwuchsgewinnung geht in Webers Postfach ein. Gesucht werden Ideen, wie man jungen Juristen die Arbeit bei der Staatsanwaltschaft näherbringen könne. Weber tippt: „Direkter Zugang zu Entscheidungsträgern. Abwechslungsreiche Kontakte in Politik und Wirtschaft. Gelegentlich internationale Verbindungen.“


  • 18:40 Uhr: Endlich Feierabend. Weber schaltet das Licht aus, zieht die Tür zu und hört das Telefon klingeln. Er bleibt einen Moment stehen. Dann geht er weiter.


  • 18:43 Uhr: Weber steigt vor der Behörde im Volgersweg in ein Taxi. „Wohin soll’s gehen?“, fragt der Fahrer. Weber schließt erschöpft die Augen: „Fahren Sie einfach los. Ich werde überall gebraucht.“
Bei der Staatsanwaltschaft Hannover türmen sich die Aktenberge mit prominenten Politikernamen. | Foto: mit KI generiert

Soweit die Fiktion. Die Realität im Land geht leider ohne Oberstaatsanwalt Weber weiter – und nicht alles, was Klärungsbedarf hat, landet direkt bei den Ermittlern. Vieles landet erst einmal bei uns im Rundblick. Dort lesen Sie heute:

  • Hektik bei der SPD: Muss die SPD-Landtagsfraktion bald einen neuen Vorsitzenden wählen? Die Ermittlungen gegen Stefan Politze haben im Politikbetrieb in Hannover Hektik ausgelöst.


  • Die Ernüchterung des Ministers: Wissenschaftsminister Falko Mohrs hatte auf mindestens einen Erfolg gehofft. Nun bleibt Niedersachsen ohne Exzellenzuniversität – und muss seine Strategie neu ausrichten.


  • Das Geschäft mit Phantom-Patienten: Pflege, die nie stattfindet, und Medikamente, die niemand erhält: KKH-Ermittler zeigen, wie Betrüger kassieren und weshalb die Aufklärung so schwierig ist.


  • Personen & Positionen: Ingo Behrens, Ernesto Harder und Stefan Lücke.

Einen rechtssicheren Start in die Woche wünscht
Ihr Christian Wilhelm Link

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #173.
Christian Wilhelm Link
AutorChristian Wilhelm Link
In dubio pro Espresso | Rundblick Niedersachsen