Darum geht es: Der Landtag hat kontrovers über ein Aus für den Verbrennungsmotor im Jahr 2030 diskutiert. Ein Kommentar von Martin Brüning.

Wer mit Vertretern aus Industrie und Wirtschaft spricht, wundert sich zuweilen über eine gewisse Politikferne. Vielen ist die Mühsal demokratischer Prozesse, in dem zum Teil langwierig um Entscheidungen gerungen werden muss, fern jeglicher Vorstellungskraft. Was für die Industrielenker in Bezug auf Politik gilt, das gilt allerdings ebenso für zahlreiche Politiker in Bezug auf Wirtschaft. Wenn sich rot-grüne Politiker deshalb jetzt hinstellen und behaupten, ihnen gehe es bei ihren Entschlüssen um die Zukunft der Automobilindustrie, dann kann einem Angst und Bange werden.

Erst wenn 2030 keine Ladesäulen vor der Mietwohnung stehen, wird man merken, dass man mit Straßenbäumen kein E-Auto laden kann - Foto: Jakob Brüning

Erst wenn 2030 keine Ladesäulen vor der Mietwohnung stehen, wird man merken, dass man mit Straßenbäumen kein E-Auto laden kann – Foto: Jakob Brüning

Natürlich geht es gerade manchem Politiker nicht um die Zukunft dieses Industriezweigs, sondern es geht ihnen um eine Industrie, wie sie sie sich in ihrer industriefernen Lebenswelt vorstellen. „Adieu GTI“, sagte die Grünen-Abgeordnete Susanne Menge gestern in der Landtagsdebatte. „Bonjour tristesse“, möchte man hinzufügen. Die Entwicklung der Autos, die wir in den kommende Jahren kaufen und fahren werden, sollten wir doch lieber den Ingenieuren und Managern der Automobilunternehmen überlassen und nicht dem niedersächsischen Landtag.

Wenn sich nun aber die Politiker übermäßig in industrielle Belange einmischen möchten, so könnte zumindest erwartet werden, dass sie ihre eigenen Hausaufgaben macht. Auf die Frage, wo man denn am Landtag sein E-Mobil aufladen könne, verwies der Umweltminister auf nur zwei Stationen am Wirtschafts- und Umweltministerium. Wer eine umfassende E-Mobilität in 14 Jahren fordert, sollte doch zumindest eine Strategie für den ebenso umfassenden Ausbau der nötigen Ladeinfrastruktur in der Schublade liegen haben. Davon ist weit und breit nichts zu sehen. Deshalb ist der Beschluss auch das Papier nicht wert, auf dem er steht.

Wirtschaftsminister Olaf Lies hat in seiner Rede indirekt deutlich gemacht, warum der Beschluss auch gar nicht notwendig ist. Vor allem in den Städten entwickelt sich eine neue Sichtweise auf Mobilität – und diese Entwicklung tritt auch ganz ohne einen ideologischen E-Gasfuß ein. Für viele junge Menschen ist das Auto heute nicht mehr der große Traum und auch nicht mehr das Symbol von Freiheit, wie es früher der Fall war. Es gibt bei vielen ein wesentlich pragmatischeres Verhältnis zum Automobil. Daran hat die Politik ihren Anteil, aber auch die Autoindustrie. Wenn schon ein Golf GTI „nackt“, also ohne Extras, heute schon 30.000 Euro kostet, dann ist gerade bei jungen Menschen der Traum schnell ausgeträumt. Und im Stop-and-Go-Verkehr auf A2 und A7 kommt niemand durch die 220 PS schneller ans Ziel. Hinzu kommt: Die großen technologischen Sprünge gibt es nicht mehr. Nur weil die Bildschirme im Auto immer größer werden, wächst bei den jungen Kunden nicht der sogenannte  „must have“-Effekt gleichermaßen.

Und so kommen ohnehin Änderungen in der Mobilität auf uns zu. Vielleicht sind es E-Mobile, vielleicht sind es Autos mit Brennstoffzelle, vielleicht liegt die Zukunft in einer Ausweitung des Carsharings mit selbstfahrenden Fahrzeugen. So genau weiß man das noch nicht. Eines aber ist sicher: Die Politik wird es vielleicht an der einen oder anderen Stelle durch leichtes Steuern unterstützen können. Entscheiden wird sie es nicht.

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