Team von Pflegewächter (von links): Florian Specht, Nele Frie, Noel Scheit / Foto: Pflegewächter

„Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein“ – auch 350 Jahre später hat diese Erkenntnis des irischen Schriftstellers Jonathan Swift nicht an Aktualität eingebüßt. Jede fünfte Person in Deutschland ist älter als 66 Jahre, jede zwanzigste ist auf Pflege angewiesen. Tendenz steigend. Auf den Lebensabend vorbereitet sind jedoch die wenigsten. Stattdessen lautet die Devise: „So alt bin ich ja noch nicht.“ Diese Erfahrung machte auch Florian Specht vor knapp sieben Jahren. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt war seine Großmutter plötzlich zu Hause auf Pflegebetreuung angewiesen – eine unmögliche Aufgabe für seinen über 80-jährigen Großvater. Doch welcher Pflegegrad steht ihr zu? Was muss man bei der Beantragung beachten? Und was passiert, wenn man abgelehnt wird? Schlagartig wurden Specht und seine Familie mit einer Unzahl an Fragen konfrontiert. „Wir waren nicht gut genug vorbereitet“, erinnert sich Specht, der damals kurz vor seinem ersten Staatsexamen stand. 

Start-Up Pflegewächter bekommt 130.500 Euro als Anschub

Die Suche und Beantragung von Pflegeleistungen kostete Specht viel Zeit und Kraft. Schon damals dachte er sich: „Digitalisierung und Pflege – das muss man doch zusammenführen.“ Und 2020 gründete er in Hannover das Start-Up „Pflegewächter“. Bei der Online-Pflegeberatung können die Nutzer ganz einfach die Pflegegradstufe ermitteln und sich beim Erstellen des Pflegeantrags helfen lassen – und zwar kostenlos. Seit neuestem hat die mehrfach prämierte Anwendung ein weiteres Feature: im Falle eines Widerspruchs erhalten Privatpersonen eine kostenlose Rechtsberatung. Das Start-up finanziert sich zunächst durch eine Anschubfinanzierung in Höhe von 130.500 Euro durch das Exist-Programm des Bundes, mit dem gezielt Existenzgründungen aus der Wissenschaft heraus gefördert werden. „Das erste Geld – 5000 Euro – kam damals aber von meinem Großvater“, sagt Specht. 

Künftig soll sich das Portal von selbst finanzieren. „Es geht nicht um das große Geld. Ich will nachhaltig etwas verändern“, betont Specht, der nach dem Abitur erst einmal ein freiwilliges Soziales Jahr einlegte, um mit suchtkranken Menschen in der Region Hannover zu arbeiten. „Hätte ich mich danach nicht für Rechtswissenschaften eingeschrieben und den Platz bekommen, hätte ich bestimmt etwas in die soziale Richtung studiert“, sagt der heutige Volljurist, der mit Kollegen eine Bürogemeinschaft am Schwarzen Bären gegründet hat. Auf der anderen Seite des Flures ist die QNC GmbH ansässig, die die Internetseiten Frag-einen-Anwalt.de und 123recht.de betreibt. 

Pflegebedürftige / Foto: Statistisches Bundesamt

Dass „Pflegewächter“ den Geist der Zeit trifft, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen: Der Anteil an Pflegebedürftigen in Deutschland steigt kontinuierlich an. 2011 lag er noch bei 2,5 Millionen – 2019 knackte er bereits die 4-Millionen-Marke. Neuen Hochrechnungen für den Barmer-Pflegereport zufolge werden 2030 knapp sechs Millionen Menschen auf Pflege angewiesen sein. Aktueller Spitzenreiter ist Nordrhein-Westfalen mit fast einer Million Pflegebedürftigen. Niedersachsen landet im Ländervergleich auf dem vierten Platz. Zwischen Nordsee und Harz erhalten mehr als 456.000 Menschen Pflegeleistungen. Gut die Hälfte wird zu Hause von Angehörigen versorgt. „Laut Studien rutschen pflegende Angehörige selbst schneller in die Pflege. Der Grund ist die große körperliche Belastung“, weiß Specht. Außerdem müssten viele pflegenden Angehörigen in Teilzeit gehen oder Arbeitsstunden reduzieren und dadurch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. 

Pflegebedürftige / Foto: Statistisches Bundesamt

Aktuell erstellen die „Pflegewächter“ etwa 20 bis 30 Gutachten im Monat. Eine Zahl, die Specht in der nächsten Zeit definitiv ausbauen möchte. Jeder Antrag wird der Pflegekasse dann in Rechnung gestellt, Privatpersonen müssen keinen Cent bezahlen. „Als Laie musst du den Pflegegrad selbst einschätzen und bei der Erstellung des Antrags direkt ankreuzen, welche Leistungen du gerne hättest“, sagt Specht. Bei Pflegegrad 1 stehen Betroffenen monatlich 125 Euro zu. Ab Pflegegrad 2 besteht Anspruch auf professionelle Hilfe und die Krankenkasse zahlt ein monatliches Pflegegeld von über 300 Euro. Bis zur fünften und höchsten Pflegestufe kommen weitere Leistungen wie Wohnraumanpassungen, Hausnotruf oder Wohngruppenzuschüsse hinzu. Ein Nichtfachmann blickt da kaum durch.

Krankenkassen müssen sich bei der Bearbeitung des Antrags an Fristen halten

Pflegewächter-Gründer Florian Specht / Foto: Struck

Ist der Antrag erst einmal bei der Krankenkasse, schicken diese einen medizinischen Gutachter los, um zu überprüfen, ob der Anspruch auf Pflegeleistung auch berechtigt ist. „Das hat für mich schon ein gewisses Geschmäckle, dass die Kassen auch den Gutachter entsenden. Je geringer der Pflegegrad eingestuft wird, desto weniger Geld muss die Kasse schließlich zahlen“, bemängelt Specht. Was viele Privatpersonen nicht wissen: Bei der Bearbeitung des Antrags müssen die Kassen eine Frist einhalten. „Wenn man innerhalb von 25 Tagen keine Rückmeldung bekommt, müssen die Kassen Ersatzleistungen zahlen.“ Auch über einen Widerspruch müssen die Kassen innerhalb von drei Monaten entschieden haben. „Sonst machen wir eine Untätigkeitsklage vor Gericht geltend.“ Wir, das sind neben Specht auch seine beiden Mit-Gründer: Der Software-Experte Noel Scheit und die Anwältin Nele Frie.

Ursprünglich sollte das Online-Portal einen ganz anderen Zweck erfüllen: Specht wollte eigentlich den Krankenkassen dabei helfen, Geld einzusparen. „Meine Ursprungsidee richtete sich an Menschen, die weiter von ihren Angehörigen entfernt wohnen. Die könnten dann kostenlos Pflegewächter engagieren, die nach ihren Verwandten im Krankenhaus oder im Heim schauen.“ Die Krankenkassen hätten ihm jedoch davon abgeraten und stattdessen vorgeschlagen, eine App zu entwickeln, um Abrechnungsbetrug zu verhindern. Darüber sprach Specht mit befreundeten Pflegern. „Die fanden diese Idee aber kacke.“ Daraufhin stellte er das Projekt „Pflegewächter“ erst einmal ein, ehe er Jahre später einen neuen Anlauf mit neuem Konzept wagte.

„Einen Pflegerechner gibt es bereits, aber unserer ist deutlich verständlicher und man bekommt hinterher auch ein Protokoll.“

Florian Specht

Mittlerweile hat Specht mit Diakovere, DRK Oldenburg sowie den Awo-Bezirksverbänden Braunschweig und Weser-Ems neue Kooperationspartner gefunden. Einige der Mitarbeiter nutzen bereits das Portal bei der Beratung ihrer Kunden als Zeitersparnis. „Einen Pflegerechner gibt es bereits, aber unserer ist deutlich verständlicher und man bekommt hinterher auch ein Protokoll“, sagt Specht.  Ab Januar soll die Diakonie Niedersachsen mit knapp 600 Mitgliedern und über 76.000 Beschäftigten dazukommen, weitere Gespräche laufen bereits mit dem Awo-Bundesverband. Spechts Ziel ist es bald deutschlandweit genutzt zu werden. 2022 rücken deshalb die Verbraucher selbst mehr in den Fokus. „Wir wollen die Pflegeberatung nachhaltig verständlicher machen“, sagt Specht. So soll das Benutzerkonto optimiert werden und das Thema Vorsorge einer Vorsorgevollmacht und einer Betreuungsvollmacht mitaufgenommen werden.

Auf dem Weg zu mehr Digitalisierung in der Pflege hat Specht jedoch auch Bedenken: „So wird immer mehr auf Privatpersonen ausgelagert, die sich plötzlich um Bahn, Urlaub und nun auch Pflege selbst kümmern müssen.“ Sein persönliches Ziel: Er will auch Wege in die analoge Richtung fördern – wie etwa Seniorencafés. „Das ist natürlich eine sehr langfristige Vision. Ich wollte immer mal ein Barista sein“, gibt Specht mit einem Schmunzeln zu.