Die Stellungnahme von Stephan Weil kam am gestrigen Montag schnell – und sie war im ersten Satz sehr eindeutig: „Das Endlager für Atommüll wird nicht in Gorleben stehen. Das ist aus niedersächsischer Sicht das überragende Ergebnis der ersten Stufe in dem Auswahlverfahren für ein atomares Endlager.“ Diese Botschaft klingt, wieder einmal, ausgesprochen positiv. Man kann auch eine andere Nachricht aus dem herauslesen, was die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) gestern in Berlin vorgestellt hat.

Ihre Aufgabe war es, in einem ersten Schritt die Gegenden in Deutschland ausfindig zu machen, die wegen der geologischen Verhältnisse für ein Atommüll-Endlager in Betracht kommen. Und tatsächlich: Gorleben ist nicht dabei. Aber: Fast das gesamte übrige Land Niedersachsen ist dabei, sogar auch der Landkreis Lüchow-Dannenberg, der über Tonformationen verfügt. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass Niedersachsen das vermutlich am stärksten betroffene Bundesland ist. Das war allerdings vorher schon befürchtet worden und es hat keine politischen, sondern rein naturwissenschaftliche Gründe: Hier gibt es Salzstöcke, Tonschichten und – ganz wenige – Granitgesteinflächen, größer und besser als überall sonst in Deutschland.


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Zwei Dinge waren zu Beginn der Suche nach einem Endlager, die gestern von der BGE mit der ersten konkreten Stufe eingeleitet wurde, von vornherein klar: Erstens soll Atommüll unterirdisch verbracht werden, und zwar umgeben entweder von Tongestein, Granit oder von Salzgestein. Zweitens soll die bisherige Erkundung des Lagers Gorleben, die über viele Jahrzehnte lief und scharfe Konflikte zwischen Befürwortern und Gegnern heraufbeschworen hat, bei der Auswahl keine Rolle spielen. Das heißt: Gorleben soll weder bevorzugt noch benachteiligt werden dadurch, dass dieser Standort als einziger bereits intensiv erforscht wurde.

Was aber bedeutet derzeit die Auswahl der möglichen Gebiete anhand von Ton, Granit und Salz? Einer der beiden Geschäftsführer der BGE, der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Steffen Kanitz, begründet es so: Ton ist sehr dicht, verhindert also das Durchsickern womöglich belasteter Abwässer zum Grundwasser sehr gut. Nur: Ton ist hitzeempfindlich, bei hohen Temperaturen verändert sich das Mineral. Salz ist plastisch, umschließt die Abfälle – aber Salz ist wasserlöslich und könnte sich bei hoher Feuchtigkeit auflösen. Granit (das kommt vor allem in Süddeutschland und in Sachsen vor) ist ausgesprochen stabil – aber das Gestein kann porös und damit nicht absolut dicht sein. „Das Endlager soll je auf jeden Fall mehrere Eiszeiten überstehen können“, meint der BGE-Geschäftsführer.

90 Gebiete aus 181 herausgefiltert

Wie Kanitz erläutert, ist dieser erste Planungsschritt so zu verstehen, dass von zunächst bundesweit 181 möglichen Gebieten nun 90 herausgefiltert wurden. Dort stimmen die geologischen Bedingungen – genügend dickes Deckgebirge, genügend tiefer Untergrund, genügende Abdichtung zu anderen Flächen. Im Ergebnis kamen bundesweit neun (große, über mehrere Landkreise reichende) Tonflächen, sieben Granitgestein-Flächen und 74 Salzstöcke zusammen. Von diesen 90 seien „15 bis 20“ geologisch näher geeignet, meint Kanitz, aber das sei für die spätere Auswahl nur bedingt relevant. Denn die Aufgabe sei es, ein sicheres Endlager für eine Million Jahre zu schaffen. Da spiele die Geologie eine wichtige Rolle, aber andere Faktoren ebenso – etwa die Siedlungsdichte oder die Wahrscheinlichkeit, dass das Gebiet von einer Überschwemmung heimgesucht werden könnte.

Auch die Nähe zu kulturhistorisch wertvollen Schätzen kann ein wichtiges Kriterium sein. Das Aussortieren geschieht hier aber dann erst im zweiten Schritt, von dem die BGE-Spitze noch nicht weiß, wann genau dieser bevorsteht. Zunächst nun soll über die 90 mehr oder weniger großen Areale diskutiert werden in den Regionen – und als Bedingung dafür betonen Kanitz und sein Geschäftsführer-Kollege Stefan Studt, einst sozialdemokratischer Innenminister in Schleswig-Holstein, die „völlige Transparenz“: Sämtliche Unterlagen sollen ins Netz gestellt und für jeden Interessierten einsehbar sein.

Geologische und keine politischen Gründe

Die BGE-Spitze betont auch, das Herausfallen von Gorleben schon im ersten Schritt habe tatsächlich geologische und keine politischen Gründe: Die Zusammensetzung des Gewässers dort spreche gegen die Eignung, außerdem könne das Deckgebirge eindringendes Wasser nicht gut genug abfedern. Es gebe in Gorleben „keine günstige geologische Gesamtsituation“. Und die anderen Areale in Niedersachsen? Salzstöcke gibt es im Emsland, der Ort Wippingen wird hier seit langem genannt. Das Oldenburger Land, Ostfriesland, Cuxhaven und der Kreis Rotenburg verfügen über geeignete Salzstöcke, auch der Raum Celle und Uelzen.

Was das Tongestein angeht, erstreckt sich eine Fläche fast über ganz Niedersachsen – mit Ausnahme des Harzes und von Südniedersachsen, wobei Göttingen schon wieder betroffen sein kann. Lediglich Stade und die Stadt Osnabrück sind auf der Karte weiße Flecken beim Thema Ton. Im Nationalpark Harz ist Granitgestein vorhanden – aber über die dortigen Formationen heißt es, sie seien im Vergleich zu anderen in Süddeutschland viel zu porös.


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In mehreren großen Konferenzen stellt die BGE in den kommenden Monaten ihre Untersuchung vor, die Öffentlichkeitsarbeit soll aber von ihrer Aufsichtsbehörde mit Namen „Bundesamt für die Sicherheit der nationalen Entsorgung“ (Base) übernommen werden. An der Spitze steht Wolfram König, der langjährige Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz – ein früherer Grünen-Politiker. Alles, was die BGE als Betreiber der Endlagerung plant und voranbringt, muss von der Base geprüft und genehmigt werden. Dabei scheint klar zu sein, dass sich der rein geologisch und wissenschaftlich begründete Start der Standortauswahl mehr und mehr mit politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten mischen wird. Wenn es um den Abstand zur Wohnbebauung geht, um die Dichte der Besiedelung und um mögliche Umweltgefahren, dann sind Abwägungen nötig, die für eine Standortentscheidung den Ausschlag geben können. Noch dazu kommen ergänzende Hinweise, die auch angesprochen werden müssen.

Der frühere niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) wirft beispielsweise die Frage auf, wie es um die Gestaltung der Castor-Behälter bestellt ist. Bei einer Lagerung im Salzgestein geht man davon aus, dass sich diese Behälter in ferner Zukunft auch auflösen können, wenn das Salz sie umfasst und quasi erdrückt. Bei einer Lagerung in Granitgestein (ein Weg, den im Norden Deutschlands manche hoffen, weil dann der Blick auf Süddeutschland fallen müsste) wären die Ansprüche an die Stabilität der Castor-Behälter indes viel höher. „Das muss eben auch diskutiert werden“, fordert Wenzel gegenüber dem Politikjournal Rundblick.

Auch die politischen Stellungnahmen lassen aufhorchen. „Uns ist es wichtig, dass die Standortsuche in keiner Weise politischen, sondern rein wissenschaftlichen Motiven folgt und das Verfahren vollständig transparent stattfindet“, betonte Stefan Birkner (FDP). Dirk Toepffer (CDU) meinte, politische Einflussnahme dürfe es nicht geben: „Ich erwarte, dass alle Bundesländer an einem Strang ziehen.“ Die beiden SPD-Landtagsabgeordneten Christos Pantazis (Braunschweig) und Marcus Bosse (Wolfenbüttel) verwiesen auf den Schacht Konrad, Morsleben und die Asse im Braunschweiger Land und betonten: „Wir glauben nicht, dass es in dieser Region möglich sein wird, die dringend benötigte Akzeptanz für ein weiteres Atommüllendlager zu schaffen.“ (kw)