Bildung

Heinz Rudolf Kunze im Interview: „Es ist wie eine Achterbahn“

26. Mai 2020
Lesezeit: 5 Minuten

Der Rocksänger, Dichter und Liedermacher Heinz Rudolf Kunze wollte im Frühjahr seine dreimonatige Tournee starten. Dann kam die Corona-Krise und hat ihm mittlerweile elf Wochen ohne Publikum beschert. Wie werden die Künstler mit solchen Belastungen fertig? Kunze äußert sich beim Besuch der Redaktion des Politikjournals Rundblick.

Heinz Rudolf Kunze im Gespräch mit Klaus Wallbaum und Martin Brüning in der Rundblick-Redaktion – Foto: Tomas Lada

Rundblick: Die Corona-Krise setzt vielen Künstlern stark zu. Was erwarten Sie für die Zukunft Ihrer Branche?

Kunze: Mein Freund Purple Schulz, der noch viel mehr Kontakte zu Musikern hat als ich, sagte unlängst: Nächstes Jahr um diese Zeit wird es die Hälfte von uns nicht mehr geben. Ich befürchte das auch. Sicher, Künstler wie Helene Fischer oder Herbert Grönemeyer können auch fünf Jahre pausieren, ohne dass sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Kleinere Liedermacher, die fast nur in kleinen Clubs auftreten, haben richtig die Arschkarte gezogen. Es ist wie so oft in der Welt der Popmusik: Die Besten, die Anspruchsvollsten trifft es zuerst. Was mich angeht: Ich bewege mich so im Mittelfeld, gerate nicht sofort in finanzielle Probleme – könnte mir aber eine Pause von mehreren Jahren auch nicht leisten.

Rundblick: Wie hat Sie die Corona-Krise erwischt?

Kunze: Im April sollte die dreimonatige Tour beginnen. Alles war vorbereitet, das Bühnendesign war perfekt – dann kam das Virus. Erst haben wir alles gestrichen, dann überlegt, ob wir im September starten. Mittlerweile planen wir für das Frühjahr 2021, also ein Jahr später. Das kommt dann zusammen mit meinem 40-jährigen Bühnenjubiläum, zu dem mein Management eigentlich einen anderen Schwerpunkt setzen wollte. Durch diese Umstände verschiebt sich alles nach hinten, und das neue Album werde ich dann auch erst mit Zeitverzug vorstellen können. Es macht ja keinen Sinn, etwas Neues zu präsentieren, solange die aktuelle Tour noch gar nicht gelaufen ist.

Rundblick: Was machen Sie ohne Ihr Publikum? Sie sind ja völlig auf sich zurückgeworfen. Sind Sie durch diese Erlebnisse ein anderer Mensch geworden?

Kunze: Mein letzter Auftritt vor Publikum liegt nunmehr elf Wochen zurück, das war eine Lesung in Leipzig. Bald steht mein erstes Konzert im Autokino auf dem Programm – mal sehen, wie die Beifallsbekundung per Hupen dann wirken wird… Meine Frau und ich lieben ein eher zurückgezogenes Leben, ich bin sehr eremitisch in der Wedemark, wir gehen nicht oft nach Hannover oder in andere größere Städte. Nur: Wenn man das plötzlich so auf Anweisung machen muss, fällt es einem plötzlich schwer, man wehrt sich innerlich dagegen. In den vergangenen zehn Jahren habe ich nicht so viel gelesen wie allein in den letzten zwölf Wochen. Das Schreiben ist bei mir nicht blockiert, ich verfasse täglich bis zu fünf Texte – vier zum Singen und einer zum Sprechen. Ansonsten ist das Leben wie eine Achterbahn: Manchmal komme ich morgens nicht aus dem Bett und denke: Wozu denn? Es liegt ja doch nichts an. Dann wieder gibt es Tage, an denen ich gut gelaunt starte. Leider verliert man schnell das Zeitgefühl…

Foto: Tomas Lada

Rundblick: Nehmen Sie die Menschen in Ihrem Umfeld anders wahr als vorher?

Kunze: Natürlich sehe auch ich weniger, weil ich viel seltener das Haus verlasse. Wenn ich den Menschen begegne, achten die meisten auf große Distanz und sind zurückgewandt.

Ehrlich gesagt bin ich ganz verblüfft und erfreut, dass die Menschen sich so strikt an die Auflagen halten, damit andere geschützt werden.

Rundblick: Ist das eine bedrohliche Entwicklung?

Kunze: Nein, ehrlich gesagt bin ich ganz verblüfft und erfreut, dass die Menschen sich so strikt an die Auflagen halten, damit andere geschützt werden. Das hatte ich gar nicht erwartet. Sie zeigen viel Disziplin. Ich hätte vermutet, dass die Ich-Orientierung bei uns mittlerweile viel ausgeprägter ist. Die meisten meiner Freunde und Bekannten, mit denen ich regelmäßig rede, sehen das auch so. Da gibt es einen, dessen Namen ich nicht nennen werde, der neigt zu Verschwörungstheorien. Das ist aber ein Einzelfall – und ich kann seine Sicht der Dinge auch nicht nachvollziehen.

Foto: Tomas Lada

Rundblick: Was verändert das bei Ihnen, wenn der Applaus fehlt und die Anerkennung?

Kunze: Natürlich stört mich das enorm. Seit vielen Jahren war ich nicht mehr so lange Zeit ohne Publikum. Aber es geht noch. Wenn der Zustand ein Jahr andauern würde, hätte ich bestimmt Mangelerscheinungen. Ich würde dann wahrscheinlich wieder enormes Lampenfieber bekommen, das ich doch nach einer langen Zeit erst abgebaut hatte. Ich bin 63, gehöre zur Risikogruppe. Bei vielen Altersgenossen stelle ich eine Melancholie fest, eine Niedergeschlagenheit, die sich auch in Zukunftsängsten äußert.

Ich muss nicht vor die Tür gehen und viel erleben, um darüber viel und gut schreiben zu können.

Rundblick: Können Sie all dem auch etwas Positives abgewinnen?

Kunze: Die Portion Langsamkeit und Nachdenklichkeit kann uns, glaube ich gut tun. Nehmen Sie die Urlaubsreisen. Nicht jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, auf die Malediven zu fliegen. Meine Frau und ich langweilen uns regelmäßig, wenn wir länger als eine Woche an einem fernen Ort sind und dort deutsche Bratwurst essen. Ich muss nicht vor die Tür gehen und viel erleben, um darüber viel und gut schreiben zu können. Arno Schmidt hat die Malediven hervorragend beschrieben, obwohl er nie dort war.

Rundblick: Einspruch: Das Fehlen von Veranstaltungen, von gesellschaftlichem Leben, bedeutet doch auch eine Verarmung an Anregungen, Hinweisen und Themen. Zumindest bei der Berichterstattung in den Medien spürt man das…

Kunze: Im Journalismus ist es sicher so. Auch ich spitze im Café gern die Ohren und lausche, worüber die Leute gerade reden. Aber ich muss für meine Texte nicht auf die Pirsch gehen. Dichterisches Schreiben schöpft viel aus dem Inneren des Schreibers.

Rundblick: Sie haben viel über die Probleme Ihrer Branche gesprochen. Halten Sie eine Subvention für nötig?

Kunze: Ich bin kein Feind einer subventionierten Kultur, auch wenn der Bereich, für den ich stehe, dort nicht vorgesehen ist. Auch ich bin der Meinung, dass wir Opernhäusern und Theater staatlich fördern und unterstützen müssen. Nur erreichen die freischaffenden Künstler, mit Verlaub, mindestens so viele Zuschauer und Zuhörer. Ich bin ja froh, dass die Kanzlerin kürzlich auch von den Problemen der freischaffenden Musiker gesprochen hat. Wenn Musiker in kleinen oder mittelgroßen Hallen auftreten und ihr Programm spielen, haben sie das gleiche Recht wie Veranstalter von Theateraufführungen, bei denen zum 98. Mal Mülltonnen auf der Bühne brennen.

Die Verschwörungstheorien, die von einem großen Plan reden, das Volk zu entmündigen und zu lenken, halte ich für totalen Quatsch.

Rundblick: Haben Sie Verständnis für die Leute, die jetzt gegen die Corona-Auflagen demonstrieren?

Kunze: Viele Sorgen sind berechtigt, etwa die, dass nach dem Ende der Beschränkungen das Publikum aus Angst zuhause bleibt und sich nicht mehr in eine Konzerthalle traut. Aber die Verschwörungstheorien, die von einem großen Plan reden, das Volk zu entmündigen und zu lenken, halte ich für totalen Quatsch. Angela Merkel ist eine nüchterne Frau, keine große Rednerin. Sie beurteilt die Situation naturwissenschaftlich, das ist angenehm. Sie wird an einer raschen Beendigung der Beschränkungen interessiert sein. Hoffentlich sind wir dann gut auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet. Was mir schon große Sorgen macht, ist die Reaktion meines dreijährigen Enkels, der mir am Telefon immer wieder sagte: „Und nicht in den Zoo fahren.“ Der denkt, er habe etwas Schlimmes getan und dürfe deshalb nicht in den Zoo. Was wird in ihm vorgehen?