Wenn es auf das Ende eines Wahlkampfs zugeht, rückt meist die Redekunst der Spitzenkandidaten in den Vordergrund: Können sie mit ihren Argumenten die Zuhörer überzeugen – oder zumindest erreichen? Heute gibt es dazu im NDR-Fernsehen zwei wichtige Termine – am frühen Abend die Diskussionsrunde der „Kleinen“, also mit FDP und Grünen, AfD und Linkspartei, ab 21 Uhr dann das Duell der beiden Ministerpräsidentenkandidaten, Stephan Weil von der SPD und Bernd Althusmann von der CDU. Eine Generalprobe für diese Termine lieferten sich die Listenführer der vier im Landtag vertretenen Parteien gestern im Plenarsaal des Landtags. Vor Schülern der Oberstufen von Gymnasien und von Berufsbildenden Schulen mussten die Wahlkämpfer sich bewähren – jeweils in einem Wortgefecht mit einem Schüler, der beim Wettbewerb „Jugend debattiert“ siegreich war.

Eine schöne Idee, die es vor Landtagswahlen schon seit vielen Jahren gibt. Diesmal war als erster der Ministerpräsident an der Reihe. Stephan Weil vertrat die These, Bildung müsse „gebührenfrei“ sein. Ihm gegenüber stand die 16-jährige Merle Paulick aus Buchholz, die Weils These widerspricht. Kein schwieriges Thema für den SPD-Spitzenkandidaten, zumal ihm in der Politik niemand ernsthaft widerspricht. Schulgeld wäre doch auch ungerecht, weil Bildung dann vom Geldbeutel der Eltern abhinge, meint er. Merle Paulick entgegnet, ein Kindergarten mit eigenen Gebühreneinnahmen würde sich vielleicht mehr Mühe mit dem Betreuungsangebot geben, die Qualität würde steigen. Weil verneint das – Kindergärten in armen Wohngegenden mit wenig Einnahmen dürften doch nicht schlechter sein als in reichen Gebieten. Die breite Mehrheit der rund 150 anwesenden Schüler stimmt der These des Ministerpräsidenten am Ende zu. Und Weil spricht sein Gegenüber öfter direkt an, sagt mehrfach: „Das sehe ich anders als Du“ und macht der jungen Frau am Ende das Kompliment, sich hervorragend geschlagen zu haben. Er wirkt zeitweise wie ein Charmeur, setzt verstärkt auf die Gerechtigkeits-Botschaft und erst zweitrangig auf das Argument im Detail.

Als zweiter kommt Bernd Althusmann an die Reihe. Seine These lautet: „Die Schule soll digital werden.“ Die Gegenposition vertritt der 18-jährige Gymnasiast Konstantin Köhler aus Braunschweig. Der CDU-Spitzenmann trägt einen eindringlichen Appell an die Veränderungsbereitschaft der Deutschen vor, andere Länder wie Südkorea oder Japan seien bei der Digitalisierung viel weiter, die Bundesrepublik dürfe den Anschluss nicht verpassen und sich „nicht ins Schneckenhaus zurückziehen“, deshalb müssten auch im Unterricht mehr digitale Medien eingesetzt werden. Konstantin Köhler lässt erkennen, dass jungen Leuten der ganze Umgang mit Handys und Tablets auch zu viel werden kann, dass in der Schule mit dem Klingeln „Schluss sein sollte mit der Digitalisierung“, und die Bildungsarbeit eher in der Vermittlung sozialer Kompetenz liegen müsse. Althusmann, der sehr prinzipiell vorträgt und ins Thema vertieft ist, sich während der Debatte auch viele Notizen macht, redet von „wichtigen Ergänzungen“ im Unterricht und stellt seinem Gegenüber eine scheinbar ausweglose Zukunftsvision entgegen: Der Schulalltag werde in zehn oder 20 Jahren ein ganz anderer sein, es werde dank der Digitalisierung für jeden Schüler ein individuelles Lernangebot geben. So ganz überzeugt der CDU-Mann mit seiner Grundsatzrede die Jugendlichen nicht, die meisten sind bei der Abstimmung auf der Seite des jungen Gymnasiasten.

Auch Anja Piel und Stefan Birkner haben es nicht leicht

Auch Anja Piel muss in dieser Runde eine Niederlage erleben. Sollen 14-Jährige wählen können? Piel ist nicht nur klar dafür, sondern strahlt auch das Selbstbewusstsein aus, in diesem Kreis junger Leute rasch kräftigen Beifall zu finden. Frühes Wählen sei wichtig für die Demokratie, auch 14-Jährige seien „außerordentlich kompetent“, gerade in der Bildungspolitik könnten sie doch locker mitreden. Dann aber widerspricht ihr Gegenpart, die 17-jährige Lena Bickel aus Scharnebeck. Mit 14, meint sie, könne man keine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Mehrere Jugendliche melden sich zu Wort und berichten, dass sie mit 14 über alles Mögliche nachgedacht hätten, nicht aber über Politik. In der Abstimmung finden die Gegner des Wahlalters 14 eine deutliche Mehrheit, und Piel räumt kleinlaut ein: „Ich nehme dieses Ergebnis ernst. Vielleicht sollten wir die jungen Leute erst fragen, bevor wir das Wahlalter verändern.“

Der Letzte in der Runde ist FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner zu der Frage, ob der Wolf „ins Jagdrecht aufgenommen werden“ soll, also – auf Deutsch – auch erschossen werden darf. Birkner ist dafür, argumentiert aber sehr juristisch und verwendet dabei viele technische Formeln. Auch er hat sich ausreichend Notizen gemacht, ist ins Thema vertieft. Aber die meisten Jugendlichen folgen beim Meinungsbild später dem 18-jährigen Till Koch aus Göttingen, der sich für den Wolf in die Bresche wirft. Auch der zehnjährige Gymnasiast Moritz aus Goslar findet Widerworte für Birkner – es gehe doch um den Schutz des Ökosystems, und in dem spiele der Wolf eine wichtige Rolle.

So erleben die Politiker bei der Debatte mit den Jugendlichen manche Überraschung. „Das war kostenloses Training für die große Diskussion im Fernsehen“, sagt der Moderator Martin Brüning, Chefredakteur Neue Medien des Politikjournals Rundblick. (kw)