„Wenn über Digitalisierung in der Schule gesprochen wird, reden wir viel über Breitband und Hardware, es geht aber auch um Software“, sagte Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg (Grüne) am Montag vor Journalisten und wollte damit kritischen Nachfragen zu fehlenden Tablets wohl gleich zu Beginn der Pressekonferenz den Wind aus den Segeln nehmen. Für rund 14,5 Millionen Euro hat das Land die Lizenzen für elf verschiedene internetbasierte Unterrichts-Programme erworben, die Niedersachsens Lehrern in Zukunft bei der individuellen Beschulung helfen sollen. Das Geld stammt aus dem Aktionsprogramm „Startklar in die Zukunft“, das die Folgen des Pandemie-bedingte Unterrichtsausfalls abmildern soll.

Kultusministerin Julia Hamburg stellte am Montag digitale Unterrichtshelfer vor. I Foto: Kleinwächter

Die Programme können Lerninhalte vermitteln, dienen der Didaktik aber auch der Diagnose, erläuterte Hamburg. So sollen die Programme beispielsweise dabei helfen, Lernrückstände besser zu erfassen und Nachholbedarfe aufzuzeigen. Außerdem sollen sie „mit Freude das Üben versüßen“, sagte die Ministerin. Das Repertoire der Programme, die nun bereitgestellt werden, deckt die schulische Bandbreite von der ersten Klasse bis zur Oberstufe ab und soll auch an Berufsbildenden Schulen Verwendung finden. Zudem zählen zu dem Angebot auch Anwendungen, die sich an ganz bestimmte Zielgruppen richten. So gibt es Software, die speziell bei sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf Abhilfe schaffen soll, oder die im Umgang mit Flüchtlingen eingesetzt werden kann. In einem Brief an die Schulen in Niedersachsen weist Hamburg nun auf die neuen Angebote ihres Hauses hin und informiert zugleich auch über entsprechende Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte, denn „es will auch gelernt sein, mit den Programmen umzugehen.“

Welche Anwendungen benötigt werden, haben im Vorfeld das niedersächsische Kultusministerium und das niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) definiert und nach europaweiter Ausschreibung die geeignetsten Programme, respektive die Lizenzen zur Nutzung dieser erworben. Sie erlauben ab sofort und vorerst für die nächsten beiden Schuljahre den Lehrkräften die kostenlose Nutzung. Mitarbeiter des Kultusministeriums haben am Montag eine Auswahl der elf Programme präsentiert, um ein Einblick in die neuen Möglichkeiten zu geben:

Für den Spracherwerb: Krieg und Flucht haben die Zahl ausländischer Kinder, die noch kein Wort Deutsch gelernt haben, in den Schulen rasch steigen lassen. Um „Deutsch als Zweit- und Bildungssprache“ spielerisch zu vermitteln, kann nun das Programm „eKidz“ genutzt werden. Auf sprachlich niedrigem Niveau können sich die Kinder bebilderte Geschichten ansehen, die dazugehörigen Sätze lesen, sich vorlesen lassen oder auch laut selbst vorlesen. Die aufgezeichnete Datei kann dann vom Lehrer angehört später werden, was wichtig ist, denn „die Kontrollinstanz bleibt der Lehrer“, betont Dirk Sudmann vom Kultusministerium.

Zum Lernen zuhause: Dass Schüler sich bei Youtube Erklärvideos ansehen, gehört längst zur schulischen Realität. Mit „binogi“ bietet das Kultusministerium den Schulen jetzt ein Programm, das die Inhalte auch so aufbereitet, wie man sich das in den Schulbehörden wünscht. Außerdem lassen sich die Sprache und die Untertitel der Lernvideos individuell anpassen. So kann man sich beispielsweise den Prozess der Verdauung auf Deutsch, Arabisch oder Ukrainisch erklären lassen.

Tafelbilder fürs Whiteboard: Ob sich aus sechs aneinander liegenden Quadraten am Ende ein Würfel falten lässt, ist für manche Schüler schwer zu erkennen. Mit dem Programm „bettermarks“ lässt sich das digital darstellen und ausprobieren, ohne dass man das Mathebuch zerschneiden muss. Auch Tafelbilder für das Whiteboard bietet das Programm an, sowie Kontrollwerkzeuge, um Wissenslücke in der Klasse schneller zu erkennen.


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Förderpläne schnell erstellt: Haben Kinder einen sonderpädagogischen Förderbedarf, kann das für Lehrkräfte viel Papierkram bedeuten. Beobachtungsbögen müssen erstellt, mit Kollegen geteilt und fortgeschrieben werden. Das Programm „Splint“ soll die Abläufe erleichtern und erlaubt eine digitale, aber gleichzeitig auch streng anonymisierte Bearbeitung. Weniger Termine und Papierkram, dafür mehr Zeit für Schüler und Unterricht – verspricht das Ministerium.

Korrigieren und vergleichen per Mausklick: Was früher Stunden gedauert hat, soll mit „Online-Diagnose Grundschule“ nun ganz schnell gehen. Die Plattform bietet vorgefertigte Tests an, der Lehrer kann aber auch selber Aufgaben zusammenstellen. Die Ergebnisse sind sofort verfügbar und lassen sich in Sekundenschnelle vergleichen. So sieht der Pädagoge sofort, welches Thema kaum jemand verstanden hat und welche Schüler deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen. Drei Abstufungen vom Förderbedarf und eine für den Förderbedarf gibt die App automatisch heraus.