Während sich am Breitscheidplatz in Berlin am Montagabend Sanitäter um die Opfer des Terroranschlags kümmerten, ermittelten im RBB-Fernsehen Kommissar Thiel und der Gerichtsmediziner Boerne in Münster gegen einen Irren, der Menschen mit Säure und Hammer um die Ecke brachte. Am Ende wird der Täter natürlich gefasst – so mancher durfte das auch gewusst haben, denn der Tatort stammte aus dem Jahr 2014. Wer sich zeitnah nach dem Anschlag über die Situation informieren wollte, hatte medial manche Alternative – die regionale Anstalt der Öffentlich-Rechtlichen gehörte nicht dazu.

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Reaktionen auf den Anschlag in Berlin

 

Die Medienschelte nach furchtbaren Ereignissen wie in Berlin ist inzwischen fast schon ein ermüdendes Ritual. Die Frage ist allerdings, warum es überhaupt jedes Mal wieder dazu kommen muss. Der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) hat seinen Berliner Sitz im alten Gebäude des Sender Freies Berlin an der Masurenallee, keine fünf Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt. Man muss lediglich einmal die Kantstraße Richtung Osten hinunterfahren. Zu einer zügigen Berichterstattung hat das allerdings nicht geführt. Und auch ARD und ZDF waren wie so oft träge Dickschiffe, die sich erst einmal auf die Situation einstellen mussten. Wer sich zügig ein Bild der Lage verschaffen wollte, war einmal mehr auf die privaten Nachrichtensender N24 und n-tv angewiesen. Sogar im US-Nachrichtensender CNN, dessen Zentrale zwölf Flugstunden vom Anschlagsort entfernt liegt, waren sowohl eine Augenzeugin als auch Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt im Programm, als bei ARD und ZDF noch darüber beraten wurde, wann man denn wohl Perlen der Fernsehgeschichte wie „Wer weiß denn sowas XXL“ mit Kai Pflaume unterbrechen könnte.

Während die öffentlich-rechtlichen Tanker bei spontanen Ereignissen schon von den flinken privaten Nachrichtenschnellbooten abgehängt werden, sind sie inzwischen gegenüber den Angeboten im Internet komplett chancenlos. Erste Live-Bilder vom Anschlagsort kamen vom Facebook-Account der Berliner Morgenpost. Und als erster Fernsehsender war N24 mit Bildern vom Breitscheidplatz live auf Facebook zu sehen. Die Abrufzahlen überraschten selbst Medienexperten. Der kleine und um Relevanz kämpfende Nachrichtensender aus Berlin kam auf rund 15 Millionen Abrufe auf Facebook und übertrumpfte damit sogar die Zahl seiner Zuschauer im klassischen Fernsehen – auch wenn man die durchschnittlichen knapp sieben Millionen Zuschauer im linearen Programm von N24 an diesem Abend rechnerisch nur schwer mit den 15 Millionen – vielleicht auch nur kurzen – Klicks auf Facebook vergleichen kann.

Die Mediennachlese nach dem Anschlag in Berlin macht einmal mehr deutlich, dass fernab jeglicher Diskussionen um Fake-News die sozialen Medien zu einem wichtigen Informationsinstrument bei solchen Ereignissen geworden sind. Die Live-Bilder von Bild.de klickten fast drei Millionen Menschen an, die ARD-Tagesthemen auf Facebook mehr als 1,1 Millionen Menschen. Hinzu kamen Systeme wie der Facebook Safety Check. Dabei können sich Facebook-Nutzer, die im weiteren Umkreis des Anschlagsorts leben oder sich dort aufhalten, als „in Sicherheit“ markieren. Viele Berliner oder Menschen mit Freunden oder Verwandten vor Ort erkannten in diesem System am Montagabend einen großen Mehrwert. Darüber hinaus erhielten Interessierte valide Informationen direkt von der Berliner Polizei, deren Öffentlichkeitsarbeit auf Twitter der der Münchner Polizei nach dem Amoklauf im Juli in nichts nachstand.

Die sozialen Medien ersetzen dabei nicht das lineare Fernsehen, sondern sie ergänzen es. Denn natürlich wird in den Wohnzimmern an so einem Abend nach wie vor als erstes der Fernseher eingeschaltet. Dabei geht es auch gar nicht darum, ob es alle paar Minuten etwas Neues zu berichten gibt. „Vermutlich erfüllen die Sender in solchen Situationen auch ein psychologisch-emotionales Bedürfnis, das über das Vermitteln von Fakten hinaus geht“, schrieb gestern der Medienjournalist Stefan Winterbauer. Die öffentlich-rechtlichen haben dieses Bedürfnis einmal mehr nur ungenügend erfüllt. Man kann die Bilder, die sowohl im Internet als auch bei privaten Fernsehsender zu sehen war, presserechtlich durchaus teilweise kritisieren – aber ebenso den erneuten Schlafmützen-Journalismus von ARD und ZDF. Dabei wirkt die nachträgliche Beteuerung von ZDF-Intendant Thomas Bellut, man habe erst Fakten sammeln und ein Bild von der Lage bekommen wollen, ebenso hilflos wie das das gebetsmühlenartige Wiederholen öffentlich-rechtlicher Kollegen am Montagabend, man lege Wert auf journalistische Standards und wolle auf keinen Fall Spekulationen schüren. Das ist zu begrüßen, dennoch muss festgehalten werden: Langsamkeit ist kein journalistischer Standard. (MB.)