Die neue Sammlungsbewegung, die von der Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihrem Ehemann Oskar Lafontaine ins Leben gerufen wurde, ist unter Politikern der Linken in Niedersachsen umstritten. „Ich schaue mir das wohlwollend an, habe mich aber noch nicht beteiligt“, sagt der Linken-Kommunalpolitiker Lars Leopold aus dem Kreis Hildesheim, der im September für den Landesvorsitz der Linken kandidiert. In der Partei, sagt Leopold, werde das Thema „durchaus kontrovers diskutiert“.

Sahra Wagenknecht, Diether Dehm – Fotos: Trialon Berlin, Linksfraktion

Landesgeschäftsführer Michael Braedt zeigt sich offen kritisch. Viele Linken-Aktive in Niedersachsen stehen allerdings der politischen Arbeit von Wagenknecht aufgeschlossen gegenüber. Der niedersächsische Bundestagsabgeordnete und frühere Linken-Landesvorsitzende Diether Dehm, seit vielen Jahren ein enger Weggefährte von Wagenknecht, hegt nach eigenen Worten Sympathie für die Bewegung. „Ich bin allerdings noch nicht gefragt worden, ob ich mich dem Aufruf anschließen soll.“

Offene Kritik aus Hannover

Seit vergangenen Sonnabend ist die Website www.aufstehen.de freigeschaltet, am gestrigen Dienstag hieß es, in den wenigen Tagen hätten bereits mehr als 35.000 Menschen ihre Unterstützung erklärt. Das Merkwürdige daran ist, dass es noch keinen Text auf der Website gibt, der die Positionen näher beschreibt, dies soll erst am 4. September geschehen. Dies ist einer der Gründe dafür, dass auch der niedersächsische Linken-Politiker Lars Leopold noch nicht zu den Unterstützern gehört: „Ich möchte mir erst den Text genau anschauen, bevor ich da mitmache.“

Auf der Website treten keine Prominenten auf, sondern Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen – eine aus Syrien stammende Journalistin neben einem ostfriesischen Bauarbeiter, einer Gewerkschafterin und einer Rentnerin. Sie beschreiben in professionell gefilmten und mit Musik unterlegten Kurzvideos ihre Lebenssituation, die angespannte politische Stimmung und die Orientierungslosigkeit vieler Menschen, ihre Ängste vor sozialem Abstieg und vor Armut. Dass zunächst vier Politiker als Köpfe hinter dieser Initiative stehen, neben Wagenknecht noch die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne), die Linken-Fraktionsvize Sevim Dagdelen und der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow, wird auf der Internetseite bisher gar nicht sichtbar.

Offene Kritik an der Initiative übt der Landesgeschäftsführer der Linken in Niedersachsen, Michael Braedt aus Hannover. Die große Mehrheit des jüngsten Bundesparteitags, sagt er, stehe der Initiative von Lafontaine und Wagenknecht skeptisch gegenüber. „Für mich gilt das auch. Ich meine, eine Bewegung muss demokratisch organisiert sein – von unten nach oben.“ Eine Vorgabe von oben könne nicht klappen. Braedt wirbt dafür, lieber die engen Gesprächskontakte zwischen Politikern von SPD, Grünen und Linken zu intensivieren. Er fürchte auch, dass eine Europaskepsis, gemischt mit nationalistischen Tönen, in der neuen Bewegung prägend werden könne. Die Linken-Landesvorsitzende Anja Stoeck äußerte sich nur knapp zu dem Thema: „Ich bin keine Vertreterin dieser Bewegung“, sagte sie dem Rundblick. Sie könne sich „nicht vorstellen, dass es der große Wurf wird – aber man kann es durchaus versuchen“.

Unterdessen kommt Dehm, der als Liedermacher und Musikproduzent berühmt wurde, in dieser Sache noch eine besondere Rolle zu. Als Wagenknecht den Namen „Aufstehen“ für die Bewegung ausgewählt hatte, habe sie das gleichnamige Lied der Gruppe Bots gar nicht gekannt, meint Dehm. Bei Bots, die eng mit Dehm zusammengearbeitet haben, endet eine Strophe mit den Worten: „Alle Menschen, die sich ein besseres Leben wünschen, sollen aufstehn!“ Wie Dehm mitteilt, sollen Bots ihr Lied jetzt neu aufnehmen und den Text leicht variieren. „Wagenknecht hat mich angerufen und wir haben das vereinbart“, sagt Dehm.