Neues Amt, neue Perspektive: Etliche niedersächsische Politiker sind bei der Bundestagswahl neu in den Bundestag gewählt worden. Sie betreten eine neue, für die meisten von ihnen absolut ungewohnte Welt. Wie sind die ersten Erfahrungen im „Raumschiff Bundestag“? Niklas Kleinwächter hat mehrere der neuen Abgeordneten gefragt. Heute: Mareike Wulf (CDU). Podcast anhören: Soundcloud | Spotify | Apple-Podcast

Mareike Wulf zu Gast im Politiknerds-Podcast bei Rundblick-Redakteur Niklas Kleinwächter | Foto: Struck

Es waren gleich mehrere Wechsel auf einmal, die Mareike Wulf im vergangenen Jahr vollziehen musste. Zum einen ging sie vom Landtag in den Bundestag, damit von der Landes- in die Bundespolitik. Was die Inhalte angeht, sei da ja gar kein so großer Unterschied, meint die 42-jährige Christdemokratin und erläutert es am Beispiel der Kindergartenpolitik: So richtig es sei, dass die Länder die Betreuung regeln müssten, so richtig sei doch auch, dass der ihnen dafür bereitgestellte finanzielle Rahmen entscheidend von der Bund-Länder-Finanzverteilung abhänge, also überregional festgelegt werden müsse. So hänge eben eines mit dem anderen zusammen.

Auch „das Volk“, die politische Basis, hat sich für die Sozialwissenschaftlerin gewandelt. Bei der Landtagswahl 2017 bewarb sie sich in Hannover-Mitte, einem der geographisch kleinsten Wahlkreise überhaupt. Sie konnte mit dem Fahrrad alle Winkel des Gebietes schnell und gut erreichen. Jetzt, bei der Bundestagswahl, war ihr Wahlkreis Hameln/Holzminden einer derjenigen mit der größten Fläche, und Mareike Wulf brauchte einen VW-Bulli als Wahlkampfbus, um immer vor Ort zu sein. Mit dem Gefährt legte sie 3000 Kilometer zurück – und ist ganz stolz, in wirklich jedem Dorf Station gemacht zu haben.

Von der Großstadt raus aufs Land

Wie unterscheiden sich ein großstädtischer und ein ländlicher Wahlkreis? In der Großstadt, meint Wulf, erreicht man die Leute vielleicht rein technisch schneller – aber mental dafür nicht so schnell. In kleineren Orten falle es viel leichter, mit den Menschen Kontakt zu knüpfen und auch offen sprechen zu können. Die Vorbehalte und Hürden seien geringer. Dass sie gar nicht aus der Gegend stammt, sondern vorher in der Großstadt Hannover lebte, sei vielleicht im ersten Moment ein Nachteil gewesen. Doch sie habe versucht, dies in einen Vorteil umzumünzen – indem sie dann noch intensiver nachfragte und nachhakte, was die Leute in dem Wahlkreis wirklich bewegt, was sie von der Politik in Berlin geregelt haben wollen.

„Da sind schon einige Unterschiede“, berichtet Wulf. Auf dem Lande hänge eben vieles vom Ehrenamt ab und davon, dass sich in den Dörfern Leute leidenschaftlich engagieren. Wenn niemand im Sportverein aktiv sei, falle das Sportangebot aus. In der Großstadt hingegen gebe es dann immer noch drei Fitnessstudios in der Nähe, in die man ausweichen könne. Oder das Verkehrsthema: In Hannover könne man zwischen Radverkehr, Autoverkehr und Stadtbahn wählen, hier sei eher die Fülle und das Nebeneinander der Angebote ein Thema, viel drehe sich um die richtige Abstimmung der verschiedenen Nutzer aufeinander.

Auf dem Lande, in Bad Münder etwa, hängt viel von einem Busangebot am Nachmittag ab, damit Jugendliche ohne Auto überhaupt noch in eine größere Nachbarkommune kommen können. Mit der medizinischen Versorgung auf dem Lande sei es ähnlich, „sehr aufschlussreich waren für mich die Gespräche mit den ambulanten Pflegediensten und ihrer Rolle in einer Gegend“, in der alte Menschen oft nur diese Mitarbeiter als einzige Ansprechpartner hätten.

„Der Umgangston in den Plenardebatten ist ein anderer. Das liegt daran, dass es in vielen Teilen anonymer ist.“

Im Vergleich zum Landtag ist der Bundestag aus Mareike Wulfs Sicht weitaus anonymer – ganz einfach schon, weil da ganz viele Leute zusammensitzen. Nach den ersten Sitzungen spürte sie auch, dass der Umgangston härter ist als im Landtag, was womöglich auch daran liege, dass die Beteiligten sich weniger kennen, als es im vergleichsweise überschaubaren Land Niedersachsen der Fall sei. Die Anbindung zur Landespolitik behält Wulf indes, sie wurde kürzlich erst zur neuen Landesvorsitzenden der CDU-Frauenunion gewählt, und in diesem Amt kämpft sie dafür, die Repräsentanz von weiblichen CDU-Mitgliedern auf der Liste – etwa für die Landtagswahl – und in den verschiedenen Gremien wie Kreisvorständen erheblich zu verstärken.

Vom neuen CDU-Bundesvorsitzenden Friedrich Merz, den viele für einen „Konservativen“ in der Partei halten, hat die niedersächsische Bundestagsabgeordnete bereits erste Eindrücke gesammelt – und das sind durchweg positive. Sie habe erlebt, dass Merz seine neue Rolle verstanden habe und wisse, wie wichtig das Zusammenführen der verschiedenen Kräfte in der Partei nunmehr ist. Das gelte im Übrigen auch für den neuen Generalsekretär Mario Czaja, der mit ganz viel Energie eine Erneuerung der CDU anstrebe. Diese Erneuerung, da hat Mareike Wulf keinen Zweifel, sei überfällig.