Kommentar

Pro & Contra: Sind Videokonferenzen besser?

29. März 2020
Lesezeit: 6 Minuten

Die Corona-Krise zwingt gegenwärtig viele Menschen zu ungewöhnlichen Umgangsformen. Viele Mitarbeiter arbeiten von zuhause – und werden dann für Besprechungen per Video zugeschaltet. Für viele ist das ein völlig neues Gefühl, anderen, die das schon vor der Herrschaft des Virus eingeübt hatten, fordert diese Methode keinerlei Umstellung ab. Sollten Videokonferenzen künftig, wenn die Corona-Krise überwunden ist, zur bewährten Regelmäßigkeit werden? Die Rundblick-Redaktion streitet darüber in einem Pro und Contra.

Foto: Tania Bondar; DQM; nkw

PRO: Unternehmen und Behörden bekommen in diesen Tagen einen Express-Workshop über die neue Arbeitswelt, eine der wenigen angenehmen Begleiterscheinungen der schlimmen Corona-Krise. Wenn es gut läuft, werden uns die nun erprobten Möglichkeiten nach der Krise mehr Flexibilität ermöglichen, meint Martin Brüning.

Wer kennt sie nicht, die Kollegen, die im Konferenzraum richtig nerven können. Da gibt es die häufig mittelalten Männer, die schon immer wussten, wo der Hase langläuft und keine Scheu haben, anderen lautstark ins Wort zu fallen um langwierig die Welt zu erklären. Dann haben wir diejenigen, die die Runde erst einmal mit langen Berichten aus dem Privatleben aufhalten, so dass es erst richtig losgehen kann, wenn alle darüber informiert sind, wie es den Kindern geht und wie das Wochenende so gewesen ist. Und dann gibt es natürlich noch die Schlimmsten. Das sind die, die dem Chef immer nach dem Munde reden und ständig nicken, wenn dieser das Wort ergreift. „Ja Chef, gute Idee, Chef! Darauf kann nur unser Chef kommen.“

Wer videokonferiert, braucht ein Höchstmaß an Disziplin. Die Konferenzen müssen gedanklich besser vorbereitet werden, sie laufen moderierter, konzentrierter und fokussierter ab.

Die gute Nachricht: All diese Konferenz-Spleens kommen in den Corona-bedingten Video- und Telefonkonferenzen nicht mehr zum Tragen. Es gibt schlichtweg keine Zeit mehr dafür. Wer videokonferiert, braucht ein Höchstmaß an Disziplin. Die Konferenzen müssen gedanklich besser vorbereitet werden, sie laufen moderierter, konzentrierter und fokussierter ab. Und so lernen viele Mitarbeiter, die Konferenzen bislang eher kritisch gegenüberstanden, in diesen Zeiten eine ganz neue Form der Zusammenkünfte kennen: schneller, produktiver, effizienter. Die Entscheidungen, die getroffen werden, müssen nicht unbedingt schlechter sein als die, die noch vor einigen Wochen im Konferenzraum getroffen wurden. Hinzu kommen noch die Vorteile, dass dafür niemand mit dem Auto ins Büro fahren musste (also umweltfreundlicher) und dadurch auch noch die Zeit gespart hat, die der Fahrtweg in Anspruch genommen hätte.

Die nonverbale Kommunikation ist im Videochat stark eingeschränkt, im Telefonat unmöglich.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Es fehlt am Bildschirm die unmittelbare visuelle Rückmeldung, die man in einem Raum dem Sprecher direkt geben kann. Die nonverbale Kommunikation ist im Videochat stark eingeschränkt, im Telefonat unmöglich. Auch die Gespräche, die direkt vor oder nach der Konferenz häufig stattfinden, entfallen und damit möglicherweise auch die Chance wichtiger Absprachen und der Austausch von Ideen, für die die große Runde im Konferenzraum vielleicht das falsche Umfeld gewesen wäre. Und es entsteht auch ein Mangel an Kreativität. Denn die fehlende Disziplin, die im ersten Absatz dieses Kommentars beschrieben wird, führt natürlich auch immer wieder zu einem Um-die-Ecke-denken und damit zu Gedanken, die in einem sehr strukturierten Verlauf eher nicht zu erwarten sind.

Das Land bricht nicht zusammen, wenn die Kanzlerin von zuhause aus regiert und delegiert, Hannover wird nicht unsicherer, wenn der Polizeipräsident im Home-Office weilt.

Trotz der Nachteile lernen gerade nicht nur viele Arbeitnehmer: Home-Office steht nicht nur als Idee immer wieder mal in der Zeitung, es ist wirklich machbar, und es funktioniert. Noch nie zuvor haben Unternehmen so stark auf die digitale Kommunikation gesetzt, und sie lernen in diesen Wochen, dass sie durchaus auch ihre Vorteile mit sich bringt. So geht es auch der Politik und der Verwaltung. Das Land bricht nicht zusammen, wenn die Kanzlerin von zuhause aus regiert und delegiert, Hannover wird nicht unsicherer, wenn der Polizeipräsident im Home-Office weilt.



„Manchmal frage ich mich, warum wir die Möglichkeiten nicht schon vorher intensiver genutzt haben“, sagte Umweltminister Olaf Lies, der zur Sicherheit nach einem Kontakt mit einem Corona-Infizierten zwei Wochen zur Sicherheit im Home-Office geblieben war. Und auch Wissenschaftsminister Björn Thümler stellte fest, dass Meetings und Gesprächstermine leicht zu ersetzen gewesen sind.

Die meisten Menschen wollen sich nicht generell sozial distanzieren.

Deutschland lernt in diesen Tagen die Vorteile der Digitalisierung schätzen. Wo vor wenigen Wochen noch die ewigen Nörgler das Wort führten, um zu erklären, was alles nicht möglich ist und dass der Konferenzraum schließlich auch ursprünglich zum Konferieren gedacht war, bekommen Unternehmen und Behörden gerade einen Express-Workshop über die neue Arbeitswelt, eine der wenigen angenehmen Begleiterscheinungen der schlimmen Corona-Krise. Was bleibt? Diese Frage wird sich am Ende der Krise stellen, wann immer das auch sein wird.

Natürlich werden die Büros die Zahl der Videokonferenzen herunterfahren, Kollegen werden sich wieder in Kaffeeküche treffen, wir Journalisten werden uns wieder bei Pressekonferenzen persönlich in die Augen schauen. Aber wenn es gut läuft, wird bei jeder Terminplanung die Frage mitschwingen, ob er a) eigentlich wirklich nötig ist und b) nach Möglichkeit auch eine Teilnahme per Videochat angeboten werden sollte. Die meisten Menschen wollen sich nicht generell sozial distanzieren und werden nach wie vor Wert auf das persönliche Gespräch legen, aber sie benötigen im Alltag eben auch häufig eine Flexibilität, die uns die Technik bieten kann. Seit diesen Wochen wissen wir: im Alltag funktioniert das schon ziemlich gut.


CONTRA: Video-Konferenzen mögen produktiv sein, doch sie können die herkömmlichen Besprechungen nicht ersetzen. Die Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich begegnen, sich in die Augen sehen und auf vielfältige Weise miteinander kommunizieren, meint Klaus Wallbaum.

Manchmal ist die Lage ja so einfach: Es liegen mehrere Optionen auf dem Tisch, die Vor- und Nachteile sind bekannt, man hat vorher schon ausreichend darüber diskutiert. Dann kommt es nur noch darauf an, sich kurz über die eigene Linie auszutauschen und abzustimmen – wer ist für Variante A, wer ist für Variante B. Und: Hat jemand vielleicht noch eine Variante C? Für solche Fälle sind Videokonferenzen geradezu ideal. Die Teilnehmer müssen nicht erst anreisen, sie müssen ihre gerade ausgeübte Tätigkeit nicht lange unterbrechen, sie werden nur kurz abgelenkt für einen wichtigen Moment. Hinterher können sie sich gleich wieder anderen Dingen zuwenden. Videokonferenzen tragen dann zur Effektivität bei, zur Klarheit und zur Disziplinierung der Kommunikation.


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Aber die meisten Besprechungen sind eben nicht so, sie erfordern vielmehr eine Kommunikation, die über den bloßen Austausch von Argumenten hinausgeht. Das ist der Vorzug von Besprechungen, die nicht lediglich Bildschirm-Konferenzen sind: Man sitzt zusammen in einem Raum, denkt gemeinsam über ein Problem nach und beobachtet das Gegenüber. Man erspürt, wie die Gedankengänge der anderen sind, wie sie an das Thema herangehen. Man geht automatisch in die Tiefe. Wenn man geschickt ist, erkennt man im Verhalten der anderen Gesprächsteilnehmer, ob verborgene, nicht offen geäußerte Motive ein Beweggrund für die eine oder andere Haltung sind. Geschickte Verhandlungstaktiker treiben solche Szenarien auf die Spitze, allein durch das Hinauszögern von Gesprächsrunden. Dann tagt man so lange, bis wenigstens eine Seite erschöpft ist und in der Müdigkeit die Contenance verliert, sein „wahres Gesicht zeigt“. Das ist dann der Augenblick, in dem man beim Gegenüber hinter die Fassade blicken kann.

Fehlende Nähe, deren extremster Ausdruck die Video-Besprechungen sind, bedeutet auch einen Verlust an Empathie, an Einfühlungsvermögen.

Nicht alle Konferenzen müssen derart von Psychologie und Überrumpelungstaktik geprägt sein wie solche Verhandlungen (wie sie vor der Bildung von Koalitionen oder vor dem Abschluss von Tarifverträgen üblich sein dürften). Was wir aber daraus lernen sollten, ist folgendes: Gute Entscheidungen bedürfen nicht bloß dem Austausch von Argumenten und Positionen, es geht in der Kommunikation zu einem ganz erheblichen Teil auch um den non-verbalen Teil: Wie wohl ist den Teilnehmern bei der Klärung bestimmter Themen? Wie mutig oder zögernd gehen sie daran? Sind Bedenken überzeugend oder wirken sie nur vorgeschoben? Das alles wird über Videokonferenzen nur sehr mangelhaft transportiert. Noch dazu, da man nie weiß, ob alle Teilnehmer am Bildschirm wirklich bei der Sache sind.

Die „soziale Distanz“, die derzeit zur Bekämpfung des Corona-Virus so gepriesen wird, wirkt auf dem ersten Blick nur ungewöhnlich. Doch fehlende Nähe, deren extremster Ausdruck die Video-Besprechungen sind, bedeutet auch einen Verlust an Empathie, an Einfühlungsvermögen. Dieser Mangel dürfte immer dann zum Problem werden, wenn eine Gruppe (oder ein Vorstand, eine Belegschaft) sich zu einer Neuerung durchringen muss, die allen Beteiligten Änderungen ihres üblichen Verhaltens abverlangt.

Das Beste an der Corona-bedingten Flut an Videokonferenzen ist, dass damit ihre Schwächen und Mängel offenkundig werden.

In Videokonferenzen dürften die Schnellen, die immer rasch das Wort führen, eilig ihre Meinung vortragen – und die Gefahr ist groß, dass die Konferenz vorüber ist, bevor sich jeder schon hat äußern können oder wollen. Das Phänomen ist bekannt, daher gibt es die vielbeschworenen Klausurtagungen, die häufig die inhaltlichen Fragen nur ganz am Rande behandeln. Es geht in ihren vordringlich darum, dass sich die Mitglieder einer Gruppe besser kennen- und einschätzen lernen.

Das Beste an der Corona-bedingten Flut an Videokonferenzen ist, dass damit ihre Schwächen und Mängel offenkundig werden. Hinterher, wenn alles vorüber ist, weiß man vielleicht den Wert der traditionellen Konferenzen zu schätzen. Auch um den Preis, dass solche Zusammenkünfte dann wieder viel länger dauern als derzeit.