Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne geht nicht davon aus, dass es nach den Sommerferien noch einmal Phasen mit monatelangen Schulschließungen geben wird. Tonne stellte am Dienstag in Hannover die bisherigen Planungen für das kommende Schuljahr vor. Für den Optimismus hat der Kultusminister gleich mehrere Gründe.

Will den Schülerinnen und Schülern nach den Ferien Zeit zum Ankommen geben: Kultusminister Grant Hendrik Tonne – Foto: kw

Zum einen seien zum Schulstart alle Mitarbeiter in Kindergärten und Schulen, die geimpft werden wollen, erst- und zweitgeimpft. Außerdem gebe es inzwischen regelmäßige anlasslose Testungen, die auch Wirkung gezeigt hätten. Bisher seien 25 Millionen Corona-Testkits und zehn Millionen Schutzmasken an die Schulen ausgeliefert worden. Zugleich habe sich in der Diskussion die Priorität durchgesetzt, Schulen möglichst geöffnet zu halten.

Rückblickend sagte der Kultusminister, der in den vergangenen Monaten innerhalb der Landesregierung als Verfechter offener Schulen galt, man bewerte die Schließungen vergangener Monate inzwischen anders. „Allerdings gibt es auch veränderte Rahmenbedingungen, im Nachhinein ist man immer klüger.“ Nach wie vor zeichne sich nicht ab, dass Schule eine Corona-Hotspot sein könnte. 16 Millionen mal hätten sich Schüler und Lehrkräfte bisher selbstständig getestet, lediglich 2900 mal habe es im Anschluss bei einem PCR-Test einen positiven Corona-Befund gegeben.

Mich stört der Zungenschlag, Schülerinnen und Schüler hätten nichts gelernt und seien nicht gewappnet. Ich halte das für falsch.

Den Schulbeginn nach den Ferien plant Tonne – Stand heute – im Szenario A, also mit vollständigen Klassen im Präsenzunterricht. Auf Sicherheitsmaßnahmen soll dabei aber nicht verzichtet werden. So gelten weiterhin die aktuellen Schutzmasken-Regelungen, derzeit müssen die Masken zum Beispiel auf Fluren und Gängen getragen werden, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann. „Das Virus bestraft Nachlässigkeit“, sagte Tonne.

Den Schülern will der Kultusminister „Zeit zum Ankommen“ geben. Bis zum 24. September dürfen keine Arbeiten geschrieben werden, ihre Zahl wird im kommenden Schuljahr entsprechend reduziert. In einer bis zu vierwöchigen Einstiegsphase soll es erst einmal zum Beispiel um Orientierung, Klassenzusammenhalt oder das Wiederholen von Inhalten gehen. „Wir können nicht ab dem ersten Schultag so tun, als hätte es das alles nicht gegeben“, meinte Tonne mit Blick auf die Corona-Zeit.

Bei jedem Schüler soll zunächst die sogenannte Lernausgangslage eruiert werden, um mögliche Lernrückstände ausgleichen zu können. Schulen sollen einen noch nicht bezifferten Betrag erhalten, um zum Beispiel mit Hilfe von pensionierten Lehrkräften oder Lehramtsstudierenden Schüler zu unterstützen.

Der Kultusminister warnte aber vor einer „Defizit-geleiteten Debatte“. „Mich stört der Zungenschlag, Schülerinnen und Schüler hätten nichts gelernt und seien nicht gewappnet. Ich halte das für falsch“, betonte er.

Sowohl die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Niedersachsen als auch die Landtagsopposition kritisierten, dass der Kultusminister bei den finanziellen Zusagen im Ungefähren bleibt. FDP-Fraktionsvize Björn Försterling nannte den Ausblick auf das nächste Schuljahr ernüchternd. „Es ist richtig, den Schulen mehr Mittel und mehr pädagogische Freiheiten zu geben. Allerdings wäre es hilfreich gewesen, ihnen heute schon zu sagen, wie viele zusätzliche Mittel sie bekommen, damit sie das nächste Schuljahr frühzeitig konkret planen können“, meinte Försterling.

Schöne Worte reichen schon lange nicht mehr.

Die GEW-Vorsitzende Laura Pooth monierte das Fehlen fester Zusagen, wie bestehende Mängel bei Personal, Ausstattung und Räumlichkeiten kompensiert werden sollten. „Schöne Worte reichen schon lange nicht mehr“, sagte Pooth. Auch Grünen-Fraktionschefin Julia Hamburg kritisierte, der Kultusminister bleibe konkreten Antworten schuldig. Sie sprach sich zudem indirekt dafür aus, das neue Schuljahr nicht im Szenario B zu beginnen. „Rätselhaft bleibt, warum der Minister nicht zur Sicherheit die ersten 14 Tage nach den Ferien im Szenario B mit Wechselunterricht starten will – dabei hat sich das nach den anderen Ferien bewährt“, sagte Hamburg.

Gymnasiallehrer: Leistungsschwächere brauchen Förderung

Der niedersächsische Philologenverband warnte am Dienstag davor, grundlegende Wissenslücken auszublenden. „Diese Lücken müssen geschlossen werden, sonst potenzieren sich die Probleme in den Folgejahren, gerade bei denjenigen, die in der Pandemie auf der Strecke geblieben sind“, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz.

Er forderte deshalb vor allem eine Fokussierung auf den Förderbedarf für die Leistungsschwächeren. Tonnes „bunter Strauß möglicher Maßnahmen“ erwecke dagegen den Eindruck von Beliebigkeit. Alles sei möglich, jeder sei angesprochen, versäumter Fachunterricht spiele aber weniger eine Rolle.