Von Isabel Christian

Oberflächlich betrachtet, scheinen die Wirtschaft und die Polizei nicht viel gemeinsam zu haben. Doch schaut man genauer hin, so gibt es eine hervorstechende Gemeinsamkeit: In beiden Bereichen arbeiten Frauen selten in Spitzenpositionen. In der Politik dreht sich die Diskussion um die Frauenquote vorwiegend um Unternehmen. Doch nun hat auch die hannoversche Polizeidirektion hat ein Programm entwickelt, das Frauen den Weg in Führungspositionen erleichtern soll. Es heißt „Horizonte“ und basiert auf der Grundannahme, dass Unternehmen und Behörden in den oberen Leitungsebenen ähnlich ticken. Fachkenntnisse werden unwichtiger, dabei gewinnen organisatorisches Geschick, Menschenkenntnis und die Fähigkeit zum Netzwerken an Bedeutung. Doch es ist auch eine von männlichen Spielregeln dominierte Welt und Frauen müssen lernen, wie sie sich darin behaupten. Zwei Jahre befassen sich die Teilnehmerinnen aus Behörden und Wirtschaft pro Durchgang intensiv mit Führungstaktiken und -kulturen, lernen Netzwerke zu nutzen und andere von ihren Ideen zu überzeugen. Das Programm ist so erfolgreich, dass es im dritten Durchgang auf Niedersachsen ausgeweitet wurde und für den diesjährigen Deutschen Bildungspreis nominiert ist. Am morgigen Donnerstag fällt in Berlin die Entscheidung, welchen der drei vorderen Plätze „Horizonte“ belegt hat.

Die Idee zu „Horizonte“ entstand 2010 während eines Programms zur Personalentwicklung. Gwendolin von der Osten, heutige Leiterin der Polizeiinspektion Hannover-Mitte, war damals aktiv in einer Arbeitsgruppe, die sich mit Frauen in Spitzenämtern befasste. „Da fiel uns auf, dass es für Frauen in unteren Führungspositionen keine Angebote gibt, die ihnen beim Aufstieg in höhere Posten helfen.“ Marion Dix, Leiterin des Programms, war sofort begeistert von der Idee, hier eine Lücke zu füllen. Daher richtet sich „Horizonte“ auch nur an Frauen, die bereits eine Führungsfunktion ausfüllen. Zweieinhalb Jahre feilte eine Gruppe unter Dix‘ Anleitung an dem Programm, das sie auch für Teilnehmerinnen von außerhalb öffnen wollte. Die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen hat die Polizeidirektion Hannover zu wenig Frauen in Führungspositionen, dass sich ein eigenes Qualifizierungsprogramm lohnen würde. Wenn man Teilnehmerinnen von außen hinzuzieht, kommt nicht nur eine ansehnliche Gruppengröße zustande; das Projekt kann auch seine Kosten decken. Denn für die externen Teilnehmerinnen zahlen die Unternehmen und Behörden eine Gebühr. Zum anderen bietet eine gemischte Gruppe die Möglichkeit, auch andere Führungsstrukturen kennenzulernen und sich etwas abzuschauen.  Doch es sei zunächst eine Hürde gewesen, überhaupt Unternehmen für „Horizonte“ zu gewinnen: „Das war nicht einfach, zumal gerade Unternehmen bei der Polizei kein innovatives, auch für ihre Belange wirksames Programm vermuteten“, schreibt Dix in der Bewerbung für den Deutschen Bildungspreis. Doch es gelang und so startete der Lehrgang im August 2013 mit 14 Teilnehmerinnen.

In der ersten Phase besuchen die Frauen sechs Seminare zu Themen wie Training der aktiven Handlungskompetenz oder Strategieentwicklung. Gwendolin von der Osten leitet mit Marion Dix das Seminar zum Thema „Macht und Mikropolitik“. „Darin geht es um typische Eigenarten in Organisationen und die Frage, welche Rolle Macht spielt“, erklärt von der Osten. Denn die meisten Teilnehmerinnen bewegten sich in von Männern dominierten Strukturen. „Dort herrschen bestimmte Spielregeln, die man kennen muss, wenn man seine Ideen durchsetzen will.“ Etwa, wenn es um Geld- oder Personalverteilung geht. „Männer neigen dazu, das als sportlichen Wettkampf zu betrachten, bei dem es eben Gewinner und Verlierer gibt“, sagt von der Osten. Frauen dagegen nähmen das häufig persönlich, weil sie sich auf die Sache konzentrierten und weniger auf Taktik. Von der Osten, die in ihrem Berufsalltag selbst vorwiegend mit Männern arbeitet, schätzt den offenen Austausch unter den Teilnehmerinnen bei „Horizonte“. „Ich habe festgestellt, dass die Frauen zwar aus unterschiedlichen Bereichen kommen, doch die Kernprobleme sind überall die gleichen.“

Um den Austausch zwischen den Branchen noch zu intensivieren, bekommt jede Teilnehmerin einen strategischen Berater zur Seite gestellt. Für die Polizistinnen ist unter anderem Thomas Dieckmann dabei, Betriebsleiter von Fujitsu in Hannover. Ihn hat die Leidenschaft überzeugt, mit der Marion Dix damals für ihr Programm geworben hat. „Das ist ein großartiges Projekt, was es in der Industrie so nicht gibt“, sagt er. Dass sich ausgerechnet die Polizei damit öffnet, habe er nicht erwartet. Er berät nicht nur die Teilnehmerinnen, er lernt dabei auch selbst dazu. „Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass man Frauen für Herausforderungen begeistern muss“, sagt Dieckmann. Während Männer lockerer mit ihren Defiziten umgingen, würden sich Frauen auf Stellen selbst dann gar nicht erst bewerben, wenn nur eine einzige Qualifikation nicht ganz auf sie passt. „Seitdem spreche ich Frauen viel gezielter an, um sie für Stellen anzuwerben“, sagt Dieckmann. Mit Erfolg: Mehr als jeder dritte Mitarbeiter in seinem momentanen Team ist weiblich, eine überdurchschnittliche Zahl in der IT-Branche.

Dieckmann ist zurzeit Ansprechpartner für Dagmar Leopold, Leiterin des Kriminal- und Ermittlungsdienstes in Bad Salzdetfurth. Ihre Teilnahme an „Horizonte“ hat sich schon bezahlt gemacht, sie wird zum 1. Mai Leiterin des Polizeikommissariats in Bad Gandersheim im Landkreis Northeim. „Die zwei Jahre waren eine wertvolle Erfahrung für mich“, sagt sie rückblickend, denn ihr Durchlauf endet Anfang Mai. Sie habe vor allem gelernt, die strukturellen Bedingungen in ihrer Behörde zu nutzen, um andere für ihre Ideen gewinnen zu können. „Vorher habe ich oft gedacht: Ich habe eine ganz tolle Idee, aber warum interessiert sich keiner dafür? Heute weiß ich, wie und an wen ich sie verkaufen muss.“