Von Niklas Kleinwächter

Ihre erste Begegnung mit so etwas wie Rassismus hatte Schauspielerin Dunja Dogmani in der ersten oder zweiten Klasse. Damals sangen die Schüler gemeinsam den sogenannten Kaffee-Kanon von Carl Gottlieb Hering. Lange Zeit galt dieser als beliebtes Kinderlied, das besonders geeignet war, die Tonleiter zu lernen. Doch der Inhalt ist aus heutiger Sicht verpönt. Besungen wird der türkische Mokka fast wie eine gefährliche Droge. Der Kanon enthält auch den Satz: „Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann.“ Der Muslim als geistig Schwacher, der nicht anders kann, als sich dem Kaffeegenuss hinzugeben? Als Dogmani diesen Text als kleines Mädchen hörte, war sie irritiert. Zuhause fragte sie ihre Mutter danach, aber die, noch nicht so gut angekommen in Deutschland, wusste nicht was sie tun sollte.

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Ein weiteres Mal begegnete ihr Rassismus dann nach ihrer Schauspielausbildung. Ihr Lehrer habe ihr damals zum Abschluss gesagt, sie habe alles, was eine Schauspielerin brauche, „aber manchmal will der Beruf einen nicht.“ Was damit gemeint war, verstand sie erst später. Die Rolle der Gretchen bekam sie aufgrund ihrer Hautfarbe nie – aber Flüchtling, Asylantin, Kellnerin konnte sie spielen. Das sei eben „wo man uns in der Gesellschaft gerne sieht.“

Im digitalen Gespräch über Rassismus: Landesbischof Ralf Meister, Prof. Christoph Dahling-Sander von der Hanns-Lilje-Stiftung und die Schuaspielerin Dunja Dogmani. – Foto: nkw

Dogmani erzählte diese Geschichte kürzlich bei einer virtuell abgehaltenen Veranstaltung der Hanns-Lilje-Stiftung. Gemeinsam mit Ralf Meister, dem Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers, diskutierte die Schauspielerin, die einem größeren Publikum aus der TV-Sendung „Lindenstraße“ bekannt ist, über ihre persönliche Erfahrungen mit Rassismus – und wie Gesellschaft und Kirche sich anders aufstellen müssten, um dem zu begegnen. Anlass für die Diskussionsrunde waren der Tod des US-Amerikaners George Floyd und die anschließenden Proteste auch hierzulande. Ungläubiges Entsetzen und tiefe Traurigkeit habe Meister erfüllt angesichts dieser Ereignisse. „Warum kommt das jetzt und mit dieser Intensität?“, fragte Meister und erinnerte, dass sich doch bereits zwei Generationen für den Kampf gegen Rassismus eingebracht hätten. Aber reichen zwei Generationen angesichts von 500 Jahren Kolonialgeschichte? „Ich dachte, wir wären schneller“, sagte Meister.

Die Geschichte vom Kolonialismus und der Versklavung kriegen wir nicht einfach so raus. Aber wie lange reden wir darüber? Wie viel Zeit wollen wir uns noch geben?

Doch er erkennt in den aktuellen Auseinandersetzungen auch einen Impuls, der nun etwas in Bewegung setzen könnte, denn zugleich habe er gedacht: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Dann ist es gut, dass es jetzt geschieht, dass wir in eine radikalere Form des Nachdenkens kommen.“ Der Landesbischof erklärte, dass er früher eine andere, langsamere Vorgehensweise präferiert hatte. Er erinnerte an eine Zeit, als die Landekirche bei der Diversität noch nicht so weit gewesen sei, und vergleicht die Veränderungsprozesse im Umgang mit Rassismus mit denen im Verhältnis der Kirche zur Homosexualität. Damals habe er gedacht, man dürfe es mit der Veränderung nicht übereilen, weil es sonst nicht gelänge und man viele Leute verlöre. „Doch dann haben mich schwule Freunde gefragt: Sag mal, tickst du noch richtig? Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag des Schmerzes.“ Auch Dogmani brachte ihre Ungeduld zum Ausdruck: „Ich muss dir recht geben, die Geschichte vom Kolonialismus und der Versklavung kriegen wir nicht einfach so raus. Aber wie lange reden wir darüber? Wie viel Zeit wollen wir uns noch geben?“

Es ist nicht damit getan, dass jetzt in den zwei Wochen, in denen es hochkocht, alle eine Meinung haben und dann war es das.

Einig waren sich an diesem Abend beide, dass große Demonstrationen, das Hochhalten von Plakaten oder das Hissen von Fahnen nicht ausreichten. „Ich meine, die wichtigen Dinge entstehen bei dem Einzelnen drin“, sagte Meister, und Dogmani pflichtete bei: „Es ist nicht damit getan, dass jetzt in den zwei Wochen, in denen es hochkocht, alle eine Meinung haben und dann war es das.“ Die Schauspielerin plädiert für einen institutionellen Ansatz, es müsse sich etwas in den Köpfen verändern und das gehe nur über Bildung. „Ja, es muss in uns passieren. Aber wenn man nicht aus einer bildungsstarken Familie kommt, sondern aus einer Familie mit starker Meinung und Wertung, brauche ich eine Anleitung zum Ändern – vor allem, wenn jemand von klein auf gesagt bekommen hat, dass immer die anderen schuld sind.“

Den besten Ort, um Rassismus zu begegnen, findet Dogmani daher in den Kindergärten und Grundschulen. Sie schlägt vor, dass man dort in Zukunft einfach jedes Fest der anderen Kultur mitfeiern sollte: Pessach, Chanukka, Ramadan, Weihnachten und Ostern, damit die Kinder lernen, was dort passiert. Auf diese Weise könnten die Kinder von Anfang an die Vielfalt der Kulturen kennenlernen und Rassismus könnte damit womöglich im Keim erstickt werden. Aber auch in anderen Institutionen erkennt die Schauspielerin noch Entwicklungspotenzial. Auch wenn Dogmani nach eigener Aussage nicht viel von Zwangsmaßnahmen hält, kann sie sich auch vorstellen, dass es in Behörden, Ämtern, Schulen, Kindergärten und Bildungsstätten verpflichtende Antirassismus-Workshops geben könnte. Dabei vergleicht sie diesen radikalen Schritt mit den Deutschkursen, die Flüchtlinge nach der Einreise nach Deutschland verpflichtend machen müssen, „weil der Bedarf da ist. Sonst regen sich jetzt alle auf und dann ändert sich gar nichts.“

Wir haben das Thema noch nicht so im Blick, wie wir es haben müssten.

Eine institutionelle Veränderung kann sich Landesbischof Meister auch in seiner Kirche vorstellen. „An wen wendet sich jemand, der in der Kirche Erfahrung von Rassismus macht?“, hat er sich im Vorfeld der Veranstaltung selbst gefragt. „Wir haben das Thema noch nicht so im Blick, wie wir es haben müssten.“ Deshalb kündigte er an, dass aus dieser Veranstaltung heraus etwas Neues entstehen müsste. Er denke deshalb über eine zentrale Anlaufstelle oder einen Antirassismus-Beauftragten der Kirche nach. Dass auch die lutherische Kirche, die ja meist eine homogene Gruppe von weißen Christen sei, sich mit Rassismus auseinandersetzen müsste, bekräftige Prof. Christoph Dahling-Sander, Geschäftsführer der Lilje-Stiftung, mit Blick auf die evangelischen Kindergärten. In diesen kämen schließlich auch zahlreiche Kulturen zusammen.

Es ist auch wichtig, die neue Sprache zu lernen und die Dinge richtig zu benennen.

Zuletzt bat Bischof Meister aber auch noch („etwas pastoral“, wie er selbst sagte) um Barmherzigkeit in der Diskussion um Rassismus. Er erlebe, dass die Menschen auch verunsichert seien, weil sie nicht mehr wüssten, welche Begriffe nun angebracht sind und wo der Vorwurf des Rassismus droht. Sagt man in den USA „Colored“ oder „People of Color“? Dogmani erklärte, dass sie das nachvollziehen könne und schlug vor, das genauso zu thematisieren: Man solle sagen, dass man eine Frage habe, aber nicht wisse, wie man sie stellen soll. Ein Patentrezept habe sie auch nicht, aber die Sprache sei etwas, die man lernen könne. „Es ist auch wichtig, die neue Sprache zu lernen und die Dinge richtig zu benennen.“