Es ist eine zwiespältige Botschaft, die Innenminister Boris Pistorius gestern zu verkünden hatte. Einerseits ist die Zahl der Verkehrsunfälle weiterhin steigend, 2016 erhöhte sie sich um 2,4 Prozent auf 216.480 Unfälle. Andererseits starben auf Niedersachsens Straßen so wenig Menschen wie noch nie seit Einführung der Statistik. In 386 Unfällen kamen im vergangenen Jahr 413 Menschen ums Leben, im Jahr zuvor waren es noch 430 Unfälle und 457 Tote gewesen. Dennoch: „Jeder Tote ist einer zu viel“, sagte Pistorius.

Problem: Handy am Steuer: – Foto: animaflora

Eine mögliche Ursache für diese tragischen Fälle bereitet dem Ministerium und der Polizei dabei besonders Kopfzerbrechen. Sie ist im Tortendiagramm in das blaue Stück eingerechnet, das „sonstige Gründe“ für Unfälle auflistet. Es ist die Handynutzung am Steuer. Gesondert können die Fälle nicht erfasst werden, schließlich lässt es sich nur schwer nachweisen, ob jemand während der Fahrt am Smartphone herumgedrückt hat. Und freiwillig zugeben wird es wohl niemand. Doch mit 39 Prozent ist das Tortenstück „Sonstiges“ das größte im grafischen Kuchen.

Das gibt eine Ahnung davon, wie groß das Problem Handy am Steuer ist. Vor drei Jahren haben Innenministerium, Verkehrsministerium und Verkehrswacht deshalb die Kampagne „Tippen tötet“ gestartet. Seitdem hängen an zahlreichen Autobahnbrücken die gelben Banner mit den Piktogrammen, und Videos kursieren in sozialen Netzwerken. 60 Euro kostet es momentan, wenn man mit dem Handy in der Hand am Steuer erwischt wird. Dazu kommt ein Punkt in der Verkehrssünderdatei in Flensburg.

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Doch offenbar wird die Gefahr immer noch unterschätzt. „Bei 50 Kilometern pro Stunde drei Sekunden aufs Handy zu schauen bedeutet 45 Meter Blindfahrt“, sagt Pistorius. Auf einer solchen Strecke könne verdammt viel passieren. Ablenkung durch Handys werde deshalb weiter ein Schwerpunkt in der Verkehrssicherheitsarbeit bleiben.

Doch die Statistik offenbart noch ein weiteres Problem. Die Zahl der Unfallfluchten steigt scheinbar unaufhaltsam an. 48.341 Unfallfluchten nahm die Polizei im vergangenen Jahr auf. „Das ist keine Bagatelle mehr, das wird zum Massendelikt“, empörte sich Pistorius. Heruntergebrochen sind das 130 Unfallfluchten pro Tag. 85 Prozent passieren tagsüber unter der Woche, der überwiegende Teil sind Blechschäden. „Selbst, wenn man nur mit dem Einkaufswagen einen Kratzer in den Lack eines Autos reißt, man muss das bei der Polizei melden.“ Andernfalls macht man sich strafbar. Ein Zettel hinter dem Wischblatt reicht nicht, denn der kann verschwinden.

Um die Menschen für das Problem zu sensibilisieren, hat das Ministerium jetzt eine neue Kampagne gestartet. Die Plakataktion heißt schlicht „Rummss!!!“ und wirbt dafür, vor allem bei kleineren Unfällen fair zu bleiben und die Polizei zu informieren. Auch wenn das bedeutet, dass man Zeit verliert und die Versicherungsprämie steigen könnte. Denn verschwindet der Verursacher vom Unfallort, kann er mit einer Geldzahlung, Entzug des Führerscheins oder sogar bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.

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Besonders unverständlich sind jedoch Unfallfluchten, wenn zuvor Menschen verletzt worden sind. Das ist im vergangenen Jahr 2643mal passiert. Etwa im vergangenen Januar, als eine Frau in Hannover von einem Lieferwagen angefahren und schwer verletzt wurde. Der Fahrer stieg aus, wechselte ein paar Worte mit den Ersthelfern – um sich dann wieder hinter das Steuer seines stark demolierten Wagens zu setzen und davonzufahren. Offenbar konnte der Fahrer ausfindig gemacht werden, der Fall liegt nach Angaben eines Polizeisprechers jetzt bei der Staatsanwaltschaft.

In 42 Prozent aller Unfallfluchten konnten die Verursacher vergangenes Jahr ausfindig gemacht werden. „Bei Unfällen mit Verletzten ist die Quote sogar noch höher“, sagt Pistorius. Von zwölf Fällen mit 15 Toten wurden neun aufgeklärt, die Verursacher zur Verantwortung gezogen. Mit 29 Prozent ist die zu hohe Geschwindigkeit nach wie vor Hauptgrund, weshalb auf Niedersachsens Straßen Unfälle passieren. Deshalb will die Polizei auch weiterhin ein Augenmerk auf die Kontrolle und Aufklärung in diesem Bereich legen.

Am bundesweiten Blitzer-Marathon wird Niedersachsen aber wohl auch in diesem Jahr nicht teilnehmen. „Ich bin zunehmend weniger von der Wirksamkeit solcher Aktionen überzeugt“, sagte Pistorius. Sinnvoller seien unangekündigte Kontrollen, denn die seien effektiver und würden nicht so viele Polizeibeamte binden. Er setzt zudem lieber auf Aufklärung. „Jeder muss sich an die Regeln halten, denn Unfälle passieren nicht, sie werden verursacht.“ Den Fuß sollten Autofahrer besonders dann vom Gas nehmen, wenn Kinder oder Senioren in Gefahr geraten könnten. Denn diese Gruppe ist zusammen mit den jungen Erwachsenen nach wie vor besonders häufig in Unfälle verwickelt – obwohl sie nur etwa ein Drittel aller Verkehrsteilnehmer ausmacht. (isc)