Von Martin Brüning

Er sei eine Art „netzpolitischer Karl Marx“, hat man einmal über Professor Gunter Dueck geschrieben. Denn genau wie Marx wolle Dueck eine neue Gesellschaft bauen, um die Ergebnisse des technischen Fortschritts für alle erträglich zu machen. Der Mathematik-Professor Gunter Dueck war fast ein Vierteljahrhundert beim IT-Riesen IBM, zuletzt als Chief Technology Officer. Seit dem Jahr 2011 schreibt der Querdenker nun Bücher und tingelt durch die Republik, um zu erklären, was in der Wirtschaft anders laufen sollte und wie wir uns auf die neue, digitale Zeit vorbereiten müssen. Inzwischen genießt er in vielen Kreisen Kult-Status, sogar die Wirtschaft lässt sich gerne von ihm die Leviten lesen.

https://soundcloud.com/user-385595761/professor-dueck-dieses-problem-haben-politik-und-wirtschaft-gemeinsam

Ein Problem ist das Tempo. Während die Digitalisierung alles beschleunigt, geht es in weiten Teilen Deutschlands noch gemächlich zu – auch beim Denken. „Alle haben verstanden, warum Nokia es nicht geschafft hat oder auch Kodak. Das Problem ist allerdings, dass die meisten es erst zehn Jahre später verstehen“, erklärt Dueck auf einer Veranstaltung des Arbeitgeberverbandes Region Braunschweig in Isenbüttel. Dafür gebe es auch aktuelle Beispiele – Dueck hat natürlich gleich eines parat. Der Technologie-Pionier Elon Musk habe seine Rakete, mit der er kürzlich sogar einen Tesla ins All schoss, grundsätzlich anders aufgebaut. Und beim europäischen Raketenprojekt Ariane wundere man sich, wie Musk das gemacht hat. Dort heißt es, man selbst könne es so nicht bauen. „Das geht bei uns nicht, habe ich gelesen. Und das liest sich doch ganz furchtbar. Da müsste dann doch eigentlich die Überschrift  ‚Friede unserer Asche“ über dem Artikel stehen“, betont Dueck.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

„Das geht bei uns nicht“ – obwohl die Lösungen eigentlich immer alle ganz klar seien. Es mache nur  keiner. Beispiel Brandenburg. Dort gebe es in den Orten keine Geschäfte mehr. „Ich habe empfohlen, ein Dienstleistungszentrum einzurichten. Die Antwort lautete: Nee, das haben wir vor 30 Jahren schon einmal versucht und es hat nicht geklappt.“  Klar, meint Dueck, schließlich habe es vor 30 Jahren ja auch noch Geschäfte im Ort gegeben, aber die seien ja jetzt weg. Dennoch bekommt er die Antwort: „Nein, trotzdem lieber nicht.“ Er falle jeden Tag über einen, der ihm erkläre, dass es nicht gehe, obwohl es vernünftig sei. „Ja, es ist vernünftig, aber nicht vorgesehen, heißt es dann immer.“

Ob es da an journalistischer Distanz fehlt? Der Autor ist bekennender Professor Dueck-Fan. – Foto: MB.

Gunter Dueck ist unterhaltsam und immer wieder für einen Lacher gut, auch wenn es oft bittere Lacher sind. Er hat keine Schwierigkeiten, brandenburgische Dörfer mit der deutschen Autoindustrie zu vergleichen, denn auch sie sieht er vor enormen Umwälzungen. Derzeit sei ein Auto wahnsinnig teuer, werde aber nur zu vier Prozent ausgelastet. In der übrigen Zeit stehe es herum. „Beim künftigen automatisierten Fahren wird die Auslastung von derzeit vier auf 30 Prozent steigen. Das bedeutet zugleich, dass wir nur ein Siebtel der Autos von heute brauchen.“ Und die könnten auch aus Pappe gebaut werden, weil es keine Unfälle mehr geben werde. „Schnelles Fahren, Trunkenheit am Steuer und waghalsiges Überholen gibt es dann nicht mehr. Das kann schließlich der dümmste Programmierer verhindern – der muss nur programmieren: Fahr nicht zu schnell, halte die Abstände ein, fahr nicht besoffen.“ Dann passiere auch nichts und mehr und man brauche nicht mehr so viel Blech um einen herum. Für die Autoindustrie seien die Konsequenzen enorm: „Vorher hatten wir 100 Jahre Maschinenbau – jetzt geht es um Innenausstattung, IT und Batterien. Und die haben wir nicht.“ Er wundert sich über Autofirmen, denen fünf Milliarden Euro Investition für ein Batteriewerk zu viel Geld seien. „Daimler macht 15 Milliarden Euro Gewinn im Jahr. Kann man damit kein Batteriewerk bauen?“, fragt Dueck. Die Unternehmen müssten den „Hintern hochkriegen“, meint er. „Da werde ich langsam ungeduldig.“

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Aber warum heißt es immer wieder, dass es nicht geht? Warum wehren wir uns so vehement gegen Änderungen? Für Dueck hat das ganz viel mit der jeweiligen Identität zu tun. Eine große Computerfirma wollte angesichts von Cloud Computing keine kleinen Computer bauen. Warum? Das passe nicht zum Selbstverständnis, hieß es. „Die Kompetenzen verschieben sich. Und die Firma sagt dennoch von sich aus: Nein, das machen wir nicht, weil das nicht unser Selbstverständnis ist.“ Vor diesem Denken warnt Dueck. Denn die veränderten Identitäten beträfen viele. Schon heute brauche man keinen Versicherungsvertreter mehr, um eine Haftpflichtversicherung abzuschließen. „Und mein Beruf ist auch schon geschreddert: Ich war mal Mathe-Professor. Die braucht man auch alle gar nicht mehr. Man braucht nur einen guten, der das auf Video erklärt. Dann können es alle sehen.“ Eine weitere Identitätskrise käme auf Chemiefirmen und Pharmazie zu. Die Gentechnik werde, zum Beispiel bei der Heilung von Krebs, die Chemo-Therapie in Zukunft überflüssig machen, prognostiziert Dueck. Die Folgen würden auch für Patienten und Kliniken enorm sein.

Facebook

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Facebook.
Mehr erfahren

Beitrag laden

Identitätsveränderungen betreffen Dueck zufolge nicht nur die Wirtschaft. Sie seien auch ein Schlüsselproblem der Politik. „Früher waren die Meinungen klar. Wenn einer vom Bauernhof kam, dann hat er CDU gewählt. Es gab Stammwähler und Identitäten. Das ist alles verschwunden“, konstatiert Dueck und wundert sich, warum zum Beispiel in der bayerischen Politik so viel über Bauern gesprochen werde. Die gebe es doch kaum noch, sie machten nicht einmal mehr zwei Prozent der Bevölkerung aus. An dieser Stelle ist Dueck mehr Statistiker und Unternehmer, der sich über die Prozesse in der Politik wundert. Dennoch hat er für die Parteien eine Empfehlung: Sie sollten sich auf die Suche nach neuen Identitäten begeben. „Das muss möglichst konkret sein. Man sollte sich zum Beispiel nicht einfach für Gerechtigkeit einsetzen, sondern konkret für Menschen, die jetzt ungerecht zum Mindestlohn arbeiten müssen, weil die Preise auf dem Arbeitsmarkt gedrückt werden.“ Für die SPD dürfte der Hinweis fast ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl ein wenig spät kommen. Vielleicht holt sie sich für den nächsten Wahl Rat bei Dueck. Mit einer Antwort könnte er in diesem Fall allerdings dann wenig anfangen: „Das geht bei uns nicht.“