Die neue Cebit soll mehr Diskussionsforum sein als Technikschau, hatte Messe-Vorstandsmitglied Oliver Freese versprochen. Schon am Montag, dem inoffiziellen Start der Technikmesse, hat die Cebit dieses Versprechen eingelöst. In der Talkrunde zur Digitalen Transformation diskutierten digitale Vordenker wie die Professorin für Designforschung, Gesche Joost, und Frank Riemensperger, Vorsitzender des Unternehmens Accenture. Dabei prallten ganz unterschiedliche Ansichten über digitalen Fortschritt aufeinander. Wo Riemensperger die Wirtschaft zu Datensammlung, -nutzung und -vermarktung in viel größerem Ausmaß aufforderte, mahnte Joost, Digitalisierung nicht immer von der Warte des Wirtschaftswachstums aus zu sehen, sondern endlich auch einen Fokus auf die fortschreitende Spaltung durch Digitalisierung zu legen.

Gesche Joost spricht auf der Cebit über die digitale Gesellschaft. Foto: Christian

„Natürlich ist es richtig, dass wir hier in Deutschland auch endlich in künstliche Intelligenz investieren. Und es könnte so schön sein, wenn die typisch deutsche Regulierungswut nicht wäre“, sagte Joost. „Aber Regulierung ist auch bei der Digitalisierung nötig.“ Mit der Datenschutzgrundverordnung habe man den Anfang einer Digitalpolitik gemacht, die lange auf sich warten ließ. „Und eine Vision, wie unsere künftige, digitale Gesellschaft aussehen soll, die gibt es immer noch nicht“, kritisiert die Professorin der Berliner Universität der Künste. Teilhabe und Chancengleichheit seien hier die Schlagworte. Umfragen zufolge fühlten sich etwa 12 Millionen Menschen in Deutschland digital abgehängt.

„Viele Schulen haben gar kein Internet“

„Das liegt an verschiedenen Faktoren“, sagte Joost und forderte zunächst ein Recht auf digitale Bildung von der Schule bis ins hohe Alter. „Bei der Digitalisierung an Schulen bremst uns der Föderalismus aus“, sagte Joost, „Viele Schulen haben noch nicht einmal schnelles Internet, sie haben gar keins. Wie sollen wir da in der Lage sein, die Kinder durch die digitale Welt zu begleiten und ihnen auch einen kritischen Umgang mit dem Netz beibringen?“ Auch die älteren Erwachsenen trifft das Problem. „Ihnen wird ein Umgang mit der modernen Technik nicht mehr zugetraut und deswegen auch nicht beigebracht.“ Doch das sei essenziell, wenn man Probleme dieser Altersgruppe mit digitalen Mitteln angehen wolle. „Wir reden immer über Telemedizin und das ist für ältere, auf dem Land lebende Menschen eine prima Sache“, sagte Joost. „Aber mit dem jetzigen digitalen Wissen der Zielgruppe und der fehlenden Netzinfrastruktur ist das einfach nicht machbar.“


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Damit sprach sie ein weiteres Problem an, das die Gesellschaft immer stärker spalte: der ungleich verteilte Zugriff auf das Internet und seine Dienste. „Wenn wir über schnelles Internet reden, dann reden wir in der Regel eigentlich über Berlin-Mitte. Auf dem Land gibt es vielerorts noch überhaupt kein Internet“, sagte Joost. „Die Leute dort fühlen sich auf den Arm genommen, wenn wir ihnen erzählen, dass sie den Arzt bald per Livevideo sehen können. Denn bei ihnen zu Hause ist das technisch gar nicht möglich.“ Und das Problem gehe sogar noch tiefer. Denn nach Joosts Ansicht bräuchten die Menschen schon jetzt nicht nur einen Internetanschluss, um ihre E-Mails zu checken, sondern auch, um ihre Bürgerrechte in Anspruch zu nehmen. „Wenn wir mal nach Dänemark schauen, da kann man die meisten Bürgeramtsdienstleistungen nicht in Anspruch nehmen, wenn man kein E-Mail-Konto hat.“

   Welche Rolle spielen Bürger in digitaler Gesellschaft?

Daher müsse nun endlich ein dritter Diskursstrang eröffnet werden und über die Möglichkeiten der Teilhabe von Bürgern an der Digitalisierung gesprochen. „Da soll es nicht um Datenschutz gehen oder um die Angst, den Arbeitsplatz an eine künstliche Intelligenz zu verlieren“, sagt Joost. Sondern schlicht, welche Rolle die Bürger in der digitalen Gesellschaft spielen.