Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer sieht die Aufgabe der Kirche in Kriegszeiten wie diesen darin, für die Menschen „Trosträume“ zu schaffen. Er leitet aus der christlichen Glaubenslehre die Forderung ab, dass, wer Verantwortung für viele Menschen hat, auch die schwere Pflicht für ihre Verteidigung hat – vor allem gegen einen gewalttätigen Aggressor. Wilmer äußert sich im Interview mit den Rundblick-Redakteuren Niklas Kleinwächter und Klaus Wallbaum.

Bischof Heiner Wilmer im Gespräch mit Klaus Wallbaum und Niklas Kleinwächter. | Foto: Bauerfeld

Rundblick: Herr Bischof, Sie waren erst vor wenigen Tagen im Flüchtlingsaufnahmelager, das in zwei hannoverschen Messehallen errichtet wurde. Wie sind Ihre Eindrücke?

Bischof Wilmer: Das sind bewegende und auch beklemmende Erlebnisse. Zunächst muss ich sagen, dass ich höchsten Respekt habe vor den Helferinnen und Helfern der Feuerwehr und des DRK, die dort jeden Tag Großartiges leisten. In den Hallen sind Zelte aufgebaut, die den Geflüchteten als vorübergehende Bleibe dienen. Eine Frau ist mit ihren fünf Kindern gekommen, und das jüngste wurde während der Flucht geboren. Eine andere Frau, die schon etwas älter war, hatte ihren Mann, der weit über 60 ist, zuhause in Lwiw, dem früheren Lemberg, zurückgelassen. Er wollte das Haus bewachen und den anderen Männern bei der Verteidigung helfen. Eine Frau erzählte mir, dass sie in der Nähe der Region Donbass wohnte und per Lautsprecherdurchsage erfuhr, dass sie fliehen sollte, gerade eine Stunde Zeit zum Packen der nötigsten Sachen hatte – dann begann die Flucht. Viele Menschen kommen mit großen Ängsten zu uns, sie sind traumatisiert und brauchen Hilfe. Vor allem brauchen sie eine Bleibe. Wir haben im Bistum auch mehrere Gebäude freigeräumt, frühere Pfarrhäuser, eine ehemalige Bildungsstätte ebenso wie das Haus eines verstorbenen Generalvikars gegenüber meinem Amtssitz. Dort werden künftig acht ukrainische Menschen mit Behinderung leben, die von einer Fachkraft aus Kiew und einer Mitarbeiterin der Einrichtung Heimstatt Röderhof betreut werden.

Rundblick: Sie leiten die Deutsche Kommission „Justitia et Pax“, die sich mit Entwicklungs-, Friedens- und Menschenrechtsfragen beschäftigt. Wie stehen Sie angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zum Pazifismus?

Bischof Wilmer: Es gilt das Wort des Hebräerbriefes: „Strebt mit Eifer nach Frieden für alle“. Im Evangelium ruft Jesus dazu auf: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“, die Selbstliebe ist also Voraussetzung für die Nächstenliebe. Der katholische Katechismus leitet daraus ab, dass der einzelne Mensch das Recht auf Notwehr hat, wenn er angegriffen wird. Menschen, die Verantwortung für viele andere tragen, haben sogar „die schwere Pflicht der Verteidigung“ – und zwar notfalls auch unter Einsatz von Gewaltanwendung. Nur muss die Gewaltanwendung abgewogen sein, klug und maßvoll eingesetzt werden. Die Kirche kann es nie dulden, wenn geplündert und gemordet wird, wenn Frauen vergewaltigt werden. Aber die Gewaltanwendung zur Verteidigung ist ein Übel, das ein größeres Übel, das des Aggressors, abwenden soll.

Vor vier Jahren ist Heiner Wilmer zum 71. Bischof von Hildesheim ernannt worden. Der gebürtige Emsländer ist auch Vorsitzender der deutschen Kommission „Justitia et Pax“. | Foto: Wallbaum

Rundblick: Was ist mit Präventivschlägen, die den nächsten Angriff des Aggressors abwehren und seine Aggressivität schwächen sollen?

Bischof Wilmer: Das ist sehr schwierig.

„Putin lästert Gott und instrumentalisiert die Kirche“

Rundblick: Kann die Kirche Einfluss nehmen auf die Kriegsparteien? Kann sie in die Richtung einer Verständigung wirken?

Bischof Wilmer: Dies ist unsere Aufgabe. Zunächst halte ich das Auftreten des russischen Patriarchen Kyrill in diesem Krieg für äußerst bedenklich. Und wenn Wladimir Putin in Moskau auftritt und aus der Bibel zitiert „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, dann ist das Gotteslästerung. Putin lästert Gott und instrumentalisiert die Kirche für seine Kriegsführung. Das ist eine Schande.



Rundblick: So stößt die Kirche dann doch an sehr harte Mauern…

Bischof Wilmer: Wir sollten die Kraft der christlichen Botschaft und der Kirche nicht unterschätzen, schon gar nicht in solchen Zeiten. Ich war neulich in Hannover-Misburg in der griechisch-katholischen Gemeinde der Ukrainer. Es war sehr still, Kerzen haben gebrannt. Da habe ich gemerkt, wie wichtig es den Menschen ist, hier Trost zu erfahren in diesen aufwühlenden, unsicheren Tagen und Wochen. Die Kirche verkündet Zuversicht und Hoffnung, sie bietet Zeit und Raum, wo das Herz vorkommt und Wurzeln schlagen kann.

Rundblick: Das hat philosophische Dimensionen…

Bischof Wilmer: Ich halte viel von der Unterscheidung, die Hannah Arendt einst festgestellt hat: Sie sagte, dass das Böse immer nur extrem ist, aber nie radikal. Das Böse hat keine Tiefe, es ist nur an der Oberfläche wie ein Pilz. Radikal, also tief verwurzelt, ist nur das Gute. Das ist auch die zentrale Botschaft unserer jüdisch-christlichen Tradition. Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ zwei Grundsätze formuliert. Im Krieg müsse immer auch die Gesinnung des Friedens bewahrt werden, sagte er. Außerdem müsse man im Krieg ein gewisses Maß an Vertrauen in die Denkungsart des Feindes haben. Daraus folgt für mich, dass der Feind nicht diffamiert werden darf, dass man immer auch Chancen für Verhandlungen offenhalten muss.

Der Krieg gegen die Ukraine ist für den Hildesheimer Bischof nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern ein Angriff auf die Grundlagen des Zusammenlebens in Europa. | Foto: Wallbaum

Rundblick: Was aber ist, wenn eine Seite gar nicht verhandeln will, sondern Gesprächsbereitschaft nur vortäuscht? Es gibt doch Hinweise, dass Putin sein Entgegenkommen nur gespielt und in Wahrheit ganz zielstrebig seinen Eroberungsplan verfolgt hat…

Bischof Wilmer: Das ist eine sehr schwierige Situation. Aber es gilt: Man muss immer ganz genau abwägen, Maß halten und umsichtig schauen, wo Chancen der Einflussnahme und Vermittlung bestehen. Auch wenn es schwerfällt. Der Vatikan kann als Vermittler gefordert sein, als Pontifex Maximus – als Brückenbauer auch in Momenten, in denen niemand mehr an das Brückenbauen glaubt.

Rundblick: Was bedeutet dieser Krieg eigentlich für uns Deutsche, für uns in Niedersachsen?

Bischof Wilmer: Ich glaube, dass wir Deutsche nicht daran vorbeikönnen, auch Opfer zu bringen. Wir müssen unseren Lebensstil ändern und stärker Maß halten. Dazu gehört, besser darauf zu achten, keine Lebensmittel zu verschwenden. Der mögliche Ausfall der Getreideproduktion in der Ukraine droht eine Hungersnot in Afrika und anderswo nach sich zu ziehen. Wir stehen jetzt vor der Frage, ob wir weiterhin Getreide verwenden dürfen, um Biokraftstoffe herzustellen. Am Ende wird es um die Frage gehen: Füllen wir die Tanks von Maschinen oder die Teller von Hungernden? Wir haben Verantwortung auch für das, was jenseits unserer Landesgrenzen geschieht.

Rundblick: Wird das gelingen?

Bischof Wilmer: Deutschland ändert sich jetzt schon. Und bei allem, was bevorsteht, bin ich immer beseelt von dem Gedanken, dass jeder Mensch getragen wird von demselben Schöpfer. Der Krieg ist an sich nichts anderes als die Kapitulation vor dem Bösen – und ich bin überzeugt: Das Böse wird nicht siegen.