Umweltminister Olaf Lies (SPD) hat gestern in Hannover eine neue Studie zur Entwicklung der Wolfspopulation in Niedersachsen vorgestellt. Demnach soll das biologisch erforderliche Mindestmaß an Wölfen vorhanden sein. Der Wolf sei also weder in Deutschland noch in Niedersachsen eine gefährdete Art und könne sich ohne Hilfe des Menschen prächtig entwickeln. Aktuell leben in Niedersachsen laut Auskunft des Umweltministeriums 39 Wolfsrudel und vier Einzeltiere, was in Summe etwa 350 Wölfen entspreche.

Umweltminister Olaf Lies (SPD) und die Biologin Ingrid Wiesel stellen das Gutachten zur Wolfspopulation vor. | Foto: Kleinwächter

Alle Berechnungen des Gutachtens kommen zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der Wölfe so lange weiter steigen werde, bis die Kapazitätsgrenze von 1200 Tieren erreicht wird. Spätestens 2030 soll das der Fall sein. Das Gutachten soll als Entscheidungsgrundlage für die künftige Wolfspolitik dienen, erklärte der Minister, der die Analyse vor etwa einem halben Jahr in Auftrag gegeben hatte. Zudem erhofft er sich dadurch eine weitere Versachlichung der Debatte über Wolfsabschüsse.

„Wir können unsere Entscheidungen nicht mit einem Bauchgefühl begründen“, sagte er. Anhand der Studie könne man nun genau sagen, welche Auswirkungen bestimmte Maßnahmen hätten. Zudem sollen immer wieder neue Daten in das Rechenmodell eingespeist und damit die Wirkung und Entwicklung vorheriger Maßnahmen bei neuen Entscheidungen einbezogen werden.

Rechenmodell zeigt die Entwicklung auf

Erstellt wurde die Studie von Wissenschaftlern des Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) der Universität für Bodenkultur Wien. Anhand diverser Daten haben sie die Entwicklungsperspektiven der Wolfspopulation in Niedersachsen modelliert. Ausgehend von sechs Rudeln, also dem Wolfsbestand im Jahr 2015, wurden verschiedene Szenarien für die folgenden 30 Jahre durchgerechnet. Eine frühere Studie des Bundesamtes für Naturschutz kam bereits zu der Prognose, dass die niedersächsische Wolfspopulation bei einer natürlichen Entwicklung ihre Kapazitätsgrenze bei etwa 1200 Tieren erreicht haben wird. Dann seien die Naturräume ausgefüllt und die Nahrungsquellen erschöpft.


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Die Modellierung der österreichischen Forscher zeigt nun verschiedene Entwicklungspfade auf, die mal schneller, mal langsamer zu diesem Höchstwert gelangen. Das statistische Standardszenario geht dabei davon aus, dass ein Wurf aus genau 6,1 Welpen besteht, dass die Geschlechter paritätisch verteilt sind und dass die Sterblichkeit bei 18 Prozent liegt. Je nach Veränderung der Parameter ergibt sich dann eine unterschiedliche rechnerische Wahrscheinlichkeit für das Aussterben der Wolfspopulation nach 30 Jahren.

Foto: Kleinwächter

Berücksichtigt werden dabei etwa eine veränderte Sterblichkeit, Katastrophenszenarien oder die Tötung verschiedener Tiere eines Rudels – von Welpen über Jährlinge bis hin zu den Eltern. Das Töten von erwachsenen Wölfen habe laut Studie den stärksten Einfluss auf die Entwicklung der Population. Kein Eingriff führte in den Modellrechnungen aber zu einer negativen Tendenz, allein die Geschwindigkeit des Anwachsens wurde verringert.

Lies: Jetzt muss die Bundesregierung handeln

Für Umweltminister Lies ist das Gutachten auch ein wichtiges Druckmittel gegenüber der Bundesregierung. In den Koalitionsverhandlungen hat sich die Ampel zwar darauf verständigt, ein sogenanntes regionales Bestandsmanagement einzuführen, also eine aktive Regulierung der Wolfspopulation. Noch ist aber nichts passiert und Lies beklagt, dass man bei der Bundesregierung keine Anzeichen sehe, dass der Koalitionsvertrag in diesem Punkt zügig umgesetzt werden soll. Zuständig wäre das von der Grünen-Politikerin Steffi Lemke geführte Umweltministerium.

Quelle: MU Nds

Lies fordert nun dreierlei vom Bund. Zunächst müsse das Bundesnaturschutzgesetz dergestalt erweitert werden, dass nach auffälligen Nutztierrissen auch dann Wölfe getötet werden dürfen, wenn sie nicht eindeutig identifiziert werden konnten. Außerdem müsse der Abschuss auch dann möglich sein, wenn sich ein Nutztierriss nicht eindeutig einem Rudel zuordnen lasse. Zudem möchte Niedersachsens Umweltminister von den Einzelentscheidungen zur Entnahme von Problemwölfen wegkommen. Und schließlich solle das vereinbarte regionale Bestandsmanagement rechtlich ermöglicht werden. Denn neben der biologisch notwendigen Untergrenze und der von äußeren Faktoren bestimmten Kapazitätsobergrenze gebe es auch eine gesellschaftliche Akzeptanzgrenze, erläuterte Lies. Und die Akzeptanzgrenze liege deutlich unterhalb von 1200 Tieren.



Kritisch reagierten die Grünen im niedersächsischen Landtag auf die Vorstellung der Populationsstudie. Fraktionsvize Christian Meyer erklärte, eine zahlenmäßige Ober- und Untergrenze ignoriere geltendes Recht. Außerdem erweise der Minister den Weidetierhaltern einen „Bärendienst“: „Statt theoretischer Studien braucht es eine schnelle und unbürokratische Unterstützung beim Schutz der Weidetiere vor dem Wolf.“